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Aya Jaff: „Rein gar nichts spricht gegen ein sozialeres Wirtschaftssystem“

Mit 25 in der Forbes-Liste: Deutschlands bekannteste Programmiererin Aya Jaff.


Das Forbes Magazin hat die 24-Jährige Aya Jaff in die Liste der erfolgreichsten "30 under 30” aufgenommen. Im exklusiven Interview mit der BÖRSE am Sonntag spricht Deutschlands bekannteste Programmiererin über Fridays for Future und erklärt, wieso junge Menschen das Wirtschaftssystem besser verstehen müssen, um es ordentlich kritisieren zu können. Zudem verrät sie das Geheimnis guter Führung und plädiert dafür, nur Aktien von Unternehmen zu kaufen, deren Business-Modell man versteht.

BÖRSE am Sonntag: In Ihrem kürzlich erscheinen Buch „Money Makers“ wollen sie junge Menschen für die Finanzwelt begeistern. Aber liest die Zielgruppe überhaupt noch Bücher?  

Aya Jaff: Also meine Generation liest auf jeden Fall noch Bücher, wenn auch vielleicht etwas anders. Ich zum Beispiel mag es, auf meinem iPhone Bücher zu lesen. Meine Freundinnen mögen es lieber als Hörbuch über Spotify. Ich denke, dass es immer noch super viele Bücherwürmer da draußen gibt – ich selbst bin ein lebender Beweis dafür.

Die Generation Z folgt Greta Thunberg und ihrer Klimabewegung Fridays for Future. Sie hingegen werben für die Aktienmärkte. Zeigt die Corona-Krise nicht deutlich, dass der Kapitalismus – so wie wir ihn kennen – zu schnell an seine Grenzen kommt?

Ich werbe nicht für den Aktienmarkt, ich mache mich für bessere Finanzbildung stark. Klar kommt der Kapitalismus oft an seine Grenzen und ist nicht fehlerfrei. Die Fehler beleuchte ich auch im Buch. Es würde aber nichts bringen, das Thema Börse und Kapitalismus kategorisch aus diesem Grund abzulehnen. Damit junge Leute das System auch ordentlich kritisieren können, müssen sie ihre eigene Rolle im Wirtschaftssystem besser verstehen und die Relevanz von Wall Street begreifen. Insofern geht es in meinem Buch auch darum, inwieweit man Climate Change und sein eigenes Anlageverhalten zusammendenken kann. Denn ich bin mir sicher, dass Fridays for Future auch dieses Thema beschäftigt.

Schon jetzt ist klar, dass die soziale Ungleichheit weltweit zunehmen wird. In den USA ist die Arbeitslosenquote im April auf 14,7 Prozent angestiegen. Was also spricht gegen ein sozialeres, weniger wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem?

Rein gar nichts spricht dagegen. Gerade deswegen würde ich mir wünschen, dass wir mehr Bevölkerungsschichten finanziell besser ausbilden. Denn nur so werden sie mündig und fühlen sich befähigt, dieses System ordentlich in Frage zu stellen und die Weltwirtschaft mitzugestalten.

Gleichzeitig lassen sich aber auch positive Effekte beobachten. So gilt die Corona-Krise jetzt schon als Digitalisierungsbeschleuniger für viele Unternehmen und Behörden. Ist diese Entwicklung nachhaltig?

Ich hoffe doch! In die Glaskugel kann ich nicht schauen.

Das Forbes Magazin hat Sie in die Liste der erfolgreichsten "30 under 30” in der Kategorie Leadership aufgenommen. Was macht gute Führung aus?

Ich glaube das Geheimnis guter Führung liegt darin, immer schlauere Menschen als sich selbst für eine bestimmte Aufgabe einzustellen und ihnen dann auch alles bereitzustellen, was sie brauchen, um erfolgreich zu sein.

Schauen wir auf die Märkte: ETFs erleben einen regelrechten Boom – vor allem bei jungen Menschen. Sind Indexfonds die beste Altersvorsorge?
 
Ich sehe mich nicht in der Position, eine Empfehlung auszusprechen, aber eine Alternative zum Sparbuch stellt ein ETF-Sparplan meines Erachtens allemal dar. Man sollte sich also auf jeden Fall damit beschäftigen, bevor man sich final für eine traditionelle Altersvorsorge (z.B. Sparbuch) entscheidet.

Welche Positionen haben Sie während der Krise gekauft?

Ich selbst kaufe Aktien mit einem langfristigen Horizont, weshalb ich nur geringfügig Aktien nachgekauft habe, die eh schon in meinem Portfolio waren: Unternehmen, die stabil sind und deren Businessplan ich verstehe.

Viele Anleger – und solche, die es werden wollen – fragen sich natürlich: Ist es überhaupt eine gute Zeit, um einzusteigen? Fürchten Sie keinen weiteren Absturz? Immerhin warnen renommierte Analysten vor einem doppelten Boden.

Ich informiere mich natürlich umfassend und beschäftige mich mit den Börsennachrichten. Es ist nun aber so: Wenn man wirklich lang dabei ist – ich rede von 15 Jahren und aufwärts – dann hat man die Zahlen auf seiner Seite. Langfristig hat sich jeder breit gestreute Fonds in der Zeitspanne von einer Krise erholt und ist wieder im Plus. Deswegen machen mich solche News zwar etwas nervös, aber ich sehe keinen Grund darin, mitten in der Krise zu verkaufen.

Sie gelten als Deutschlands bekannteste Programmiererin. Werden sie in dieser eher männerdominierten Branche häufig mit Vorurteilen und Klischees konfrontiert?

Auf jeden Fall spüre ich, dass Frauen sich sowohl im Finanz- als auch Techbereich öfter für ihre Entscheidungen rechtfertigen müssen - vielleicht weil sie das erste Mal nicht gehört werden, oder man sie einfach nicht als kompetent wahrnimmt, weil man die Expertise nicht erwartet.

Welche Rolle spielt Technologie in Ihrem Alltag?

In Zeiten von Corona eine besonders große. Ohne Tech könnte ich nicht remote arbeiten.

Was wird das nächste Big Thing und wann können wir damit rechnen?

Das ist die Million-Dollar-Frage, die ich gerne beantworten wollen würde! (lacht)

Spotify oder Schallplatte?

Definitiv Spotify!

 

Das Gespräch führte Florian Spichalsky

 

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18.05.2020 | 15:21

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