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Deutschlands Autozulieferern droht der Kollaps: Es fehlt am Gold und an den Schaufeln

(Foto: Shutterstock)



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Deutschlands Autohersteller fahren 2021 Rekordgewinne ein. Das täuscht über eine Transformationskrise hinweg, die für einige Zulieferer bereits existenzbedrohend ist. Es droht eine Karambolage. An der Börse ist sie schon da.

Früher waren sie einmal das, was heute die Halbleiter-Industrie ist. Unumgänglich und überlebenswichtig für einige der bedeutendsten Firmen der Welt. Autozulieferer wie Continental, Schaeffler oder ZF waren so etwas wie die versteckte Herzkammer des Erfolgs von BMW, Daimler oder Volkswagen. Ihre Innovationen waren maßgeblich am Erfolg der großen Fahrzeughersteller beteiligt. Sie standen wenig im Rampenlicht, die Umsätze und Gewinne sprudelten dafür umso mehr. Egal, wer nun gerade die meisten Autos verkaufte, das schönste Design hatte, die beliebteste Automarke war, die Zulieferer belieferten Querbeet, sie profitierten vom Erfolg der gesamten Branche. Diejenigen, die den Sprung an die Börse gewagt hatten, waren für Anleger ein beliebtes – und quasi sicheres – Investment.  Ein alte Börsenweisheit schließlich lautet: Herrscht Goldgräberstimmung, kauf Schaufeln.

Was diese Weisheit nicht erzählt ist, dass das mit den Schaufeln schon ziemlich lange her ist – und inzwischen eher Bagger oder sonstige Maschinen graben. Ähnlich verhält es sich mit der Autoindustrie. Das Fahrzeug von heute gleicht Jahr um Jahr mehr einem rollenden Computer. Immer mehr neue Technologie ersetzt alte Mechanik. Die Elektrifizierung erfordert völlig neue Baukästen und begräbt die Verbrenner-Wertschöpfungskette.

Die Goldgräberstimmung von heute ist in der Branche eine elektrische, digitale und autonome. Die Schaufeln von heute sind Speicherchips, Computersysteme, Batterien. Und das Gold von heute kommt nicht mehr zwingend aus Deutschland. Der wertvollste Autohersteller der Welt heißt längst Tesla. Vorsprung durch Technik mögen die Hersteller hierzulande noch haben, Vorsprung durch Technologie haben andere.

Ob nun Volkswagen, BMW oder Daimler: alle stehen vor großen transformativen Herausforderungen. Zwar sprudeln im Aufschwung nach der Coronakrise trotz Chipknappheit die Gewinne. Das liegt aber auch an Kurzarbeit und Preissteigerungen sowie der E-Auto-Prämie des Bundes. Die Aktien haben sich aber zuletzt stark entwickelt.

42 Prozent der Zulieferer in „finanziell angespannter Lage“


Ganz anders bei den Zulieferern. Bei Continental und Co. geht es längst nicht mehr um Herausforderungen, eher um eine existenzbedrohende Krise. Einer Studie der Wirtschaftsprüfgesellschaft PwC zufolge sind nur noch 24 Prozent der Zulieferer finanziell solide aufgestellt. 42 Prozent sind in einer „finanziell angespannten Lage“. Chipmangel, hohe Lagerbestände aufgrund des eingebrochenen Absatzes der Abnehmer und explosionsartig steigende Rohstoff- und Energiepreise werden zum perfekten Sturm. „Sollte sich die Lage nicht bald entspannen, werden sich viele Zulieferer genötigt sehen, weitere und härtere Restrukturierungsmaßnahmen einzuleiten“, schätzt PwC-Branchenexperte Thomas Steinberger.

Die großen börsennotierten deutschen Zulieferer, Continental, Hella und Schaeffler veröffentlichten jüngst alle nacheinander Gewinnwarnungen. Die Continental-Aktie steht auf Jahressicht mit acht Prozent im Minus, auf Fünfjahressicht mit über 40 Prozent. Anfang 2018 noch 222 Euro wert, kosten die Papiere aktuell nur noch 94 Euro. Das ergibt einen Katastrophen-Chart, bedenkt man die insgesamt bullenstarke Entwicklung an den Aktienmärkten in dieser Zeit weltweit. Die Schäffler-Aktie hat sich seit 2018 ebenfalls halbiert. Bei Hella ging es nach dem Corona-Tief stark aufwärts, hier spielten aber erst Übernahmegerüchte und schlussendlich die Übernahme von Faurecia eine bedeutende Rolle.

Atradius-Studie: Erheblich mehr Insolvenzen unter Zulieferern 2022


Neben den taumelnden börsennotierten Unternehmen, sind es aber vor allem die kleinen und mittelständischen Zulieferer, die in argen Existenznöten stecken. Michael Karrenberg vom Kreditversicherer Atradius rechnet mit „erheblich mehr Insolvenzen unter den Zulieferern im kommenden Jahr“. Einer Atradius-Studie zufolge stellten die Firmen unter anderem zu langsam auf E-Mobilität um, es fehle überall an geeigneten Initiativen. „Wenn weitere exogene Schocks hinzukommen, obwohl die Überbrückungshilfe und das Kurzarbeitergeld wieder verlängert werden, werden die Insolvenzen in dieser Branche deutlich steigen“, glaubt auch Johannes von Neumann-Cosel vom Sanierungsspezialisten Falkensteg. Bereits jetzt stechen die Autozulieferer bei einer insgesamt noch geringer Anzahl an Insolvenzanmeldungen hervor. Im dritten Quartal des laufenden Jahres meldeten die Bolta-Werke, die Heinze Gruppe, A-Kaiser und Emil Bucher Zahlungsunfähigkeit. Mit einem Umsatz von jeweils mehr als 100 Millionen Euro gehören sie zu den größten Insolvenzen im Quartal, wie VDI Nachrichten recherchiert hat.

Die großen Konzerne springen nun zwar reichlich spät auf den Elektrifizierungs-Zug mit auf, die Umstrukturierungen führen aber ebenfalls zu Werkschließungen. Schaeffler macht nach dem Werk in Kaltennordheim (Thüringen) 2019, nun auch das in Luckenwalde (Brandenburg) dicht. Auch Continental schließt Werke, bis 2029 will man zudem 30.000 Stellen streichen. NordLB-Branchenexperte Frank Schwope nennt die Lage „grundsätzlich bescheiden“. Goldgräberstimmung jedenfalls sieht anders aus.

OG

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16.12.2021 | 14:43

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