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Omikron lässt Börsen bröseln - droht Anlegern eine Mega-Korrektur?

(Bild: Shutterstock)



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Normalerweise lassen sich die Börsen zum Jahresende auch von der festlichen Stimmung mitreißen. Nicht in diesem Jahr - die Schuld daran trägt vor allem die Corona-Variante Omikron. Zwar gab es jetzt Unterstützung von der US-Notenbank. Aber was, wenn doch ein echter Lockdown kommt? FOCUS Online hat die Profis gefragt.

Eigentlich hätte man meinen können, nach fast zwei Jahren Pandemie schockt die Märkte kaum noch etwas. Dann kam Omikron, und noch ehe klar war, ob die Mutante nun nur ansteckender, oder aber auch gefährlicher war, zogen die Anleger einmal mehr die Reißleine. Der Dax, grade erst auf einem neuen Rekordhoch, schmierte Ende November an nur einem Tag mehr als vier Prozent ab.

Seitdem ist die Volatilität spürbar höher. Gut, die gestrige Fed-Sitzung hat nach mauen Vorwochen zwar einen spürbar positiven Impuls gesetzt. Die US-Notenbank signalisierte einerseits ein schnelleres Rückfahren der Anleihenkäufe, auf der anderen Seite aber auch bis zu fünf Zinserhöhungen in den kommenden zwei Jahren.

Das macht die Angelegenheit für die Börsen planbar. Diese Sicherheit honorierten die Anleger in den USA, wie auch hierzulande, mit satten Kursgewinnen. Was aber nicht planbar ist: Ob Omikron sich so stark ausbreitet, dass es nicht doch zu einem echten Lockdown kommt. Die Frage der Stunde bleibt: Was, wenn das nur ein Strohfeuer bleibt, und nicht der Anfang der saisonalen Rally? Oder gar ein echter Ausverkauf noch bevorsteht?

„Es gibt immer noch gute Gründe für die Märkte, zwischen den Jahren Dampf aufzunehmen. Omikron ist schon ein großes Fragezeichen, mein Eindruck ist aber, dass immerhin keine flächendeckenden Lockdowns geplant sind. Das schon reicht, die Märkte zu stützen“, erklärt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, gegenüber FOCUS Online.

Ebenso glaubt Halver nicht, dass die Märkte allzu stark leiden würden, würde Omikron doch noch einen echten Lockdown nötig machen: „Wenn es dennoch zu einem echten Lockdown kommen sollte, werden die Notenbanken ihre Überleitung zu einer restriktiveren Geldpolitik verschieben. In einer konjunkturellen Flaute können sie die Konjunktur nicht zusätzlich belasten. Von daher sehe ich in diesem Szenario eine geldpolitische Entspannung, die Aktien stimulieren würde. Am Ende weiß man nicht, was kommt, ich erwarte aber nicht, dass Omikron zum neuen Flächenbrand für die Konjunktur wird.“

Pessimistischer ist dagegen Ufuk Boydak. Der Fondsmanager trägt den renommierten CFA-Titel und ist mit seiner Vermögensverwaltung LOYS AG auf Stockpicking spezialisiert. Der Aktien-Profi sagt: „Die Vorzeichen für eine kräftige Jahresendrally standen durch Lieferkettenprobleme und inflationäre Tendenzen bereits vor Omikron nicht gut. Die neue Virusvariante hat nun noch einmal ordentlich die Kurse durchgeschüttelt und das Augenmerk der Anleger weiter auf die Risiken gelegt. Wir konstatieren: Ja, die Jahresendrally wird wahrscheinlich ausfallen“

Allerdings erklärt Boydak auch: „Zu Korrekturen kann es immer kommen und das ist auch ganz normal im Börsenleben.“ Nach dem heftigen Verlust Ende November rechnet der Markt an sich derzeit aber auch nicht mit größeren Verwerfungen in den kommenden 30 Tagen – das signalisiert der sogenannte VDax-New.

Der Volatilitätsindex für den Dax rangiert bei nur 18,55 Punkten, ein Minus von über 13 Prozent zum Vortag. Vor der Pandemie wäre das ein durchschnittlicher Wert gewesen, gemessen an den Spitzen während der Corona-Krise ist dieses Niveau aber nicht im Ansatz beunruhigend. Zum Vergleich: Ende November sprang das „Angstbarometer“ kurzzeitig über 28 Punkte.

Natürlich: In solchen Indikatoren für die Börsenstimmung spiegelt sich das Unerwartete eben nicht wider. Ergreift die frische Regierung doch das Ultima Ratio Lockdown, kämen Verwerfungen an den Börsen, sagt Fondsmanager Boydak. Dieses Szenario dürfte seiner Ansicht nach die Probleme bei den Lieferketten und die Inflation nochmals verschärfen. Aber: „Grundsätzlich sind die Unternehmen aber dieses Mal deutlich besser vorbereitet, ein Schock wie 2020 ist daher nicht mehr zu erwarten.“

Boydak mahnt Anleger auch dafür, nur den Risikofaktor Omikron im Fokus zu haben – das koste Rendite, so der Profi: „Sein Portfolio aber konsequent auf das hypothetische Risiko eines Lockdowns auszurichten ist kaum möglich und führt mit großer Sicherheit zu einer deutlich unterdurchschnittlichen Wertentwicklung.“

Darum sollten Anleger ihren Blick auf das neue Jahr richten. Hier sind die Aussichten nicht schlecht. „Für das neue Jahr bin ich auch nicht so skeptisch. Wichtig ist etwa zu erkennen, dass was in diesem Jahr konjunkturell aufgeschoben wurde, im nächsten Jahr nachgeholt wird. Denn die Unternehmen haben ja volle Bücher, können aber momentan wegen fehlender Rohstoffe nicht liefern. Die Flaschenhälse werden 2022 aber breiter“, sagt Börsenprofi Halver.

Auch vor der Geldpolitik müssen Anleger sich nicht fürchten: „In puncto Inflation und Zinspolitik betreibt die Fed eine kluge Kommunikation und gibt ihren Kurs frühzeitig bekannt. Bis Mitte nächsten Jahres soll es keine neue Liquidität mehr geben, allerdings - und das ist wichtig - wird netto auch keine abgezogen. Das heißt, wir ersaufen weiter in einer Rekordliquidität.“ Halver erwartet auch nicht, dass die anberaumten Zinserhöhungen in den USA die Inflation einholen werden.

Ohnehin wolle die Fed keine Schocks auslösen. „Von daher sehe ich folgendes Szenario: Die Inflation bleibt im kommenden Jahr über den Zinsen und damit Zinssparen weiter unattraktiv. Wir haben also weiter den Anlagenotstand, der pro Aktien spricht.“

Die EZB wiederum müsse Europa zusammenhalten und aufpassen, dass die Südländer nicht in Schuldenkrisen geraten. „Aus dem Luxus üppiger Notenbankpolitik kommen wir hier also nicht heraus. Man muss sich das nur vor Augen führen: Infrastruktur-Investitionen, Klimaschutz-Projekte, Eurosklerose, das alles verträgt keine restriktive Geldpolitik“, erklärt Halver.

Kurzfristig bleibe dennoch etwas Unsicherheit. „Es ist schwer zu sagen, wohin es mit dem Dax geht. Momentan gibt es charttechnisch eine Unterstützung bei 14.800 Punkte, wenn die Kurse doch etwas abrutschen“, sagt Halver, und ergänzt: „Für das nächste Jahr erwarte ich aber, dass der DAX die Marke von 17.000 Punkten knacken wird. Für das Gesamtjahr muss man aber mit erhöhten Kursschwankungen rechnen.“

Für Anleger, die statt auf Indexfonds selbst Aktien aussuchen, hat Fondsmanager Boydak Empfehlungen: „Fundamental steht der Aktienmarkt auf gesunden Beinen, jedoch hat die unheimliche Geldschwemme der Zentralbanken und Regierungen zu Übertreibungen in einzelnen Titeln oder Marktsegmenten geführt. Hier droht großes Ungemach.“

Gemeint sind Unternehmen, deren wirkliche Ertragskraft dem Kurs hoffnungslos hinterherhinkt. Das seien vor allem die Anlegerlieblinge in der Pandemie, so Boydak. „Auf den deutschen Kurszetteln fallen beispielsweise Curevac, Global Fashion Group oder Teamviewer in diese Kategorie.“ In Amerika gebe es da noch viel mehr gefährdete Papiere – wie etwa Peloton, Zoom oder den Neobroker Robin Hood.

Wenn Anleger nun umschichten wollen, gilt zunächst: „Zuerst einmal muss sich jeder Anleger bewusst machen, was er eigentlich in seinem Portfolio besitzt. Wir beobachten eine besorgniserregende Konzentrierung des Marktes in einigen Mega-Aktien mit Namen Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Tesla und Meta Platforms [ehemals Facebook], die durch hohe Indexgewichtungen und starken Zuflüssen in Indexprodukte weiter zunimmt. Den besten Schutz können Anleger also aktuell durch eine gute Diversifikation über Anlagestile, Regionen und Sektoren erreichen.“

Alternativ bleibt weiterhin der Weg über Indexfonds, sogenannte ETFs. Dadurch, dass diese Fonds monatlich bespart werden können, fallen einzelne Ausreißer beim Dax auch nicht so deutlich ins Gewicht. Und selbst, wenn Omikron die Börsen noch etwas bröseln lässt – die Erfahrungen seit Beginn der Pandemie zeigen, dass es nicht die schlechteste Idee war, als Anleger einfach dranzubleiben.

Maximilian Nagel, FOCUS Online

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16.12.2021 | 13:10

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