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Das übersehen Privatanleger bei Wetten auf den Ölpreis und verlieren Millionen

(Foto: Hiroshi_Teshigawara / Shutterstock)



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Irgendwann werden sich die Ölpreise wohl erholen, mit Wetten auf steigende Kurse schaufeln sich viele Privatanleger aber ein Millionengrab. Das Problem: Bis heute sind keine Zertifikate da, die auf physisches Öl setzen. Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank erklärt im exklusiven Interview, was Anleger stattdessen kaufen und wie Rolleffekte die Partizipation an steigenden Preisen verringern.

Herr Weinberg, vergangene Woche rutschte der WTI-Kontrakt für Mai mit 40 Dollar ins Minus. Mal ehrlich, hätten Sie so etwas je für möglich gehalten?

Dass der Preis für physisches Öl negativ sein kann, war  bekannt. Dass aber auch Anlageprodukte negativ werden können, das war bis Montag unvorstellbar.

Und doch kam es so.

Man war offensichtlich unvorbereitet. Bis Montag hätte man fast ausschließen können, dass der Preis für eine Benchmark, also eine Referenz-Ölsorte, die gleichwohl für physische Lieferungen und Finanzprodukte ausschlaggebend ist, negativ werden kann. Dass die physischen Ölpreise teilweise negativ sind, wundert keinen mehr, weil man sich der Problematik nicht ausreichender Lagerbestände inzwischen bewusst ist. Wohin mit dem Zeug, wenn man nicht lagern kann und ständig noch mehr davon produziert? Doch der WTI-Handel ist schon deshalb besonders, weil es mehrere Kontrakte darauf gibt. Der Terminhandel an der NYMEX hat einen Bezug zum physischen Markt, die anderen werden in Bar ausgeglichen. Und da waren wohl einige Broker, Händler, Investoren und Börsen selbst unvorbereitet und konnten nicht rechtzeitig die Systeme an die neue Gegenwart negativer Preise anpassen.

Entsprechend mussten sich am nächsten Tag einige Anleger über negative Kontostände oder negative Preise für ihre Anlageprodukte wundern…

Ja, und das Debakel wurde wohl durch Handelsalgorithmen verstärkt. Plötzlich gab es nur noch Verkaufsorder und viele Positionen wurden zwangsliquidiert. Das Ausmaß des Abverkaufs wurde durch das zu diesem Zeitpunkt dünne Handelsvolumen enorm. Man muss berücksichtigen, dass der sogenannte Settlement, also der Zeitraum für den Schlusskurs, nur zwei Minuten betrug. Die Preise hätten wohl auch auf Minus 100 Dollar gehen können. Mit dem physischen Markt hatte das Geschehen letztendlich wenig zu tun. Der Mai-Kontrakt für WTI, der am Montag teilweise unter Minus 40 US-Dollar notierte, ist erst am nächsten Tag bei über Plus zehn Dollar je Barrel aus dem Handel herausgegangen. Das war dann letztendlich der Preis für etwaige physische Lieferungen, wenn ein Händler diesen Kontrakt über die Fälligkeit gehalten hätte.

Wären Minus 100 Dollar zum nächsten Kontraktwechsel hin, für Juni, möglich?

Zum Zeitpunkt des Kontraktwechsels wird das zur Frage stehen. Aber der schwarze Schwan kommt meist nur einmal. Beim nächsten Mal werden die Marktteilnehmer vorbereitet. Dann wird es genug Gegenspieler geben, die Arbitrage-Möglichkeiten ausnutzen und sich auch mit einem Preis von minus einem Dollar zufrieden geben. Dazu haben viele Fonds und Zertifikate, die den Kontraktwechsel bislang vollautomatisch passieren haben lassen, nun umgestellt, kaufen nicht mehr nur nächstfällige Kontrakte, sondern auch solche für August oder November, wo der Effekt vielleicht nicht so stark ausgeprägt ist. Sie rollen ihre Positionen jetzt viel früher und über einen längeren Zeitraum. Außerdem haben sich durch die jüngsten Ereignisse die Summen schlichtweg massiv reduziert. Wenn es vor einer Woche vielleicht 15 Milliarden waren, sind es jetzt vielleicht nur noch fünf. Der Effekt wird also nicht mehr so groß sein. Vorhanden ja, aber nicht mehr so entscheidend.

Wie viel haben solche Preiseinbrüche noch mit dem tatsächlichen Überangebot und der einbrechenden Nachfrage zu tun, und wie viel mit Spekulationen an der Börse?

Man kann das kaum voneinander trennen. Das eine hat Einfluss auf das andere. Egal ob physische Händler, Produzent oder Spekulant: Wenn ich Angst habe, dass es zu viel Öl gibt, verkaufe ich Öl und der Preis geht zurück. Das kann natürlich einen verstärkenden Effekt haben. Wenn dann eine Lawine an Verkaufsordern ausgelöst wird, geht der Preis noch weiter nach unten. Das verstärkt die Angst erneut, was dann auch Implikationen auf den physischen Markt haben kann. Die Verunsicherung war angesichts der vielen Hiobsbotschaften von der Nachfrageseite ohnehin schon sehr groß. Und dann hat sie sich durch die jüngsten massiven Preisturbulenzen noch verstärkt.

Der Preis für ein Barrel Brent erweist sich bislang als deutlich stabiler. Ist es ausgeschlossen, dass die Nordseeölsorte unter null Dollar sinkt?


Ausgeschlossen ist jetzt gar nichts mehr. Nach dem Crash am Montag muss sich jetzt auch die ICE fragen, wie man mit diesem Umstand umgehen kann. Kann man negative Preise stellen und darf man das überhaupt? Und wenn ich einen negativen Preis habe, kann ich unendlich viel davon kaufen? Mit jedem Verkauf stiege ja mein Geld, das mir zu Verfügung steht. Kann man also mit 1.000 Dollar hunderte Millionen Dollar bewegen? Das ist nicht im Sinne des Erfinders. Es muss jetzt vieles umgedacht werden. Doch noch gibt es für Brent genug Lagerkapazitäten. Die Implikationen von negativen Brentöl-Preisen allerdings wären noch stärker.

Warum?


Während WTI eine lokale US-Ölsorte ist, gilt der Brent-Ölpreis als Messlatte für einen großen Teil der weltweiten physischen Lieferungen. Außerdem nimmt man häufig Bezug auf den Börsenpreis von Brent, wenn man Lieferkonditionen für andere Ölsorten nimmt. So bietet beispielsweise Saudi Arabien sein Öl Europa aktuell mit einem Abschlag von 10,25 US-Dollar zum börsengehandelten Brentöl-Preis an. Das ist übrigens ein ungeheuer hoher Rabatt. Nicht einmal als der Ölpreis bei über 100 Dollar stand, hat Saudi-Arabien solche Konditionen angeboten, sicherlich ein Effekt des Preiskriegs. Doch wenn es jetzt tatsächlich hart auf hart kommt und der Preis für ein Barrel Brent auf zehn Dollar fällt, dann müsste Saudi-Arabien praktisch zu null Dollar liefern. Es braucht also keinen Ölpreis von minus fünf Dollar, es reichen zehn Dollar plus.  

Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) sind womöglich schon Mitte des Jahres alle verfügbaren Speicher voll. Was passiert dann? Wohin mit dem überflüssigen Öl?


Das wird meines Erachtens so schnell nicht passieren. Klar sind die Lagerkapazitäten sehr begehrt und begrenzt. Dazu macht der günstige Preis langfristig denkende Kunden kreativ. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! China ist in der Lage binnen zehn Tagen zwei Krankenhäuser für 1000 Leute zu konstruieren. Ein Loch in einen Boden zu bohren, dauert wenige Tage. Das kann man dann mit Metall abdecken und befüllen. Ein Öllager ist kein hochkomplexes Konstrukt. Es ist schlichtweg ein Loch im Boden mit einem Topf drin. Alle sagen, uns gehen die Kapazitäten aus. Ich sage: Nicht ganz so schnell. Stellen Sie sich nur die alten Schiffe vor, die vor sich hinschmoren, weil es keine Nachfrage gibt. Die kann man auch mit Öl befüllen. Nur die Zeit drängt jetzt natürlich. Doch bin ich mir sicher, dass der „Markt“ auch für dieses Problem eine Lösung findet.

Was wird mittelfristig passieren? Wird die OPEC+ neue und weitreichendere Förderkurzungen beschließen?

Ja. Sie müssen massiv kürzen. Sonst finden sie keine Abnehmer. Man kann das Öl auf eigene Kosten bei sich oder anderswo teuer einlagern, oder man muss kürzen. Dazu werden viele Schieferölproduzenten in den USA zum Kürzen gezwungen, weil ihnen das Geld für neue Quellen ausgeht.

Was lässt sich davon für die Preisentwicklung ableiten? Die OPEC+ kommt machtlos daher.

Das liegt am Fracking. Die besten Zeiten der OPEC sind mit dem Aufstieg des Schieferöls in den vergangenen zehn Jahren zu Ende gegangen. Das Bündnis kann die Preise zwar immer noch beeinflussen. Aber eben nur noch geringfügig. Die OPEC funktioniert jetzt zwischen Preisen von 30 und 50 Dollar, das ist alles. Der entscheidende Faktor ist langfristig die Schieferölproduktion. Die OPEC wäre wohl in der Lage die Preise längerfristig auf bis zu 50 Dollar steigen zu lassen, aber dann kommt der Fracking-Boom zurück.

Glauben Sie daran, dass wir einen Preis von 50 Dollar früher oder später wieder sehen?

Früher nicht. Ohne große Probleme auf der Angebotsseite, wie in Folge eines echten Krieges im Nahen Osten, kann ich mir das kurzfristig nicht vorstellen. Zum einen wird sich die Nachfrage in einer Rezession nicht schnell erholen. Zum anderen wird ein Teil der Nachfrage, zum Beispiel seitens der Fluglinien oder Cruise-Schiffen langfristig zerstört. Außerdem wird es noch Jahre dauern, bis die gigantischen überschüssigen Lagerbestände, die man jetzt aufbaut, wieder auf normale Niveaus abgebaut werden. Aber 40 Dollar bis zum Ende des Jahres, durchaus, ja.

Dann könnten Anleger doch jetzt darauf wetten, oder?


Nein, bloß nicht. Finger weg! Zum einen sind die Preisschwankungen für Privatanleger nicht auszuhalten. Man kann innerhalb eines Tages ein großes Vermögen komplett verlieren, teilweise sogar noch mehr als man besitzt. Jedem Anleger sollte das jetzt klar sein. Vor allem aber müssen Anleger endlich begreifen, dass nicht überall wo Öl drauf steht auch Öl drin ist. Denn die Leute kaufen kein Öl zu fünf oder zehn Dollar, sondern ein Derivat, das sich eine gewisse Zeit mit dem Ölpreis bewegt, jedoch spätestens zur Fälligkeit wieder ausgetauscht wird, meist völlig automatisch. Auf dem Kurszettel ändert sich dabei nichts, auch wenn der Kassakurs für Öl dann einen Tag später bei 20 Dollar steht. Denn den Future, der jetzt dem Zertifikat oder dem ETF zugrunde liegt, hat dieser bereits zu 20 Dollar gekauft.

Das müssen Sie noch genauer erklären.

Die meisten Privatanleger verstehen nicht, dass sie kein physisches Öl kaufen, sondern ihr Anlageprodukt im Hintergrund immer wieder die Futures austauschen muss, weil diese jeden Monat auslaufen. Kurz vor dem Verfall eines Terminkontrakts wird dieser also verkauft. Im Gegenzug werden für den Erlös Futures gekauft mit einer Fälligkeit weiter in der Zukunft. Am Preis für den Kunden ändert sich nichts. Ein Beispiel: Sie wollen 1.000 Euro investieren. Die Zertifikate kosten zehn Euro, also kaufen Sie einhundert Stück. Der Ölpreis liegt ebenfalls bei zehn Euro. Dann geht es auf das Laufzeitende zu und das Zertifikat muss gerollt werden, weil der Future ausläuft. Also wird Öl für zehn Euro verkauft und der Erlös von 1.000 Euro in die nächsten Terminkontrakte investiert. Kostet ein Barrel Öl mit der Lieferung einen Monat später 20 Euro pro Barrel, bekommt man also nur 50 Stück eingebucht. Für den Anleger ändert sich nichts, er hat weiterhin 100 Zertifikate zu zehn Euro. Nur liegen denen jetzt nur noch 50 Barrel Öl zu 20 Euro zugrunde, also sinkt seine Partizipation an steigenden Preisen in der Zukunft. In der Vergangenheit hatte man ausreichend Lagerbestände und deshalb notierten die Terminkontrakte mit unterschiedlichen Fälligkeiten nah bei einander. Die Anleger haben also den Rolleffekt gar nicht mitbekommen. Jetzt sind aber zwischen unterschiedlichen Lieferterminen gigantische Preisunterschiede, man muss immer mehr für eine Lieferung in der Zukunft bezahlen.

Wann könnte eine zumindest halbwegs stabile Preiserholung einsetzen?

Schon im zweiten Halbjahr, wenn die Konjunkturerholung einsetzt. Für den Moment sind die Preise im Niemandsland. Es bestehen zu viele Unwägbarkeiten, zu viele Sorgen, zu viele Preisturbulenzen. Man braucht natürlich eine entscheidende Reaktion der Produzenten. Vor allem muss man eine gewisse Sicherheit haben, dass es nach der Öffnung der Wirtschaft nicht zu einem erneuten Shutdown kommt. Das wäre für alle Märkte ein Super-Gau.

Das Gespräch führte Oliver Götz

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24.04.2020 | 12:30

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