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Anleger läuten Jahresendrally ein

Es weihnachtet sehr: Anleger feiern steigende Kurse an der Wallstreet (Bild: picture alliance / AA | Tayfun Coskun).



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Europa steckt in der zweiten Corona-Welle, Lockdowns beherrschen die Szenerie. Doch kurz vor Weihnachten sind Anleger bereits in Feierlaune. Der Dax nähert sich seinem Rekordhoch von Februar und der Dow Jones wird von einer sich abzeichnenden Einigung im US-Kongress hinsichtlich eines Corona-Hilfspakets gestützt. Die Kurse könnten weiter steigen. Dafür gibt es gute Argumente

Seit Anfang November steigen die Aktienkurse kräftig. Ist das ein Strohfeuer, eine Bullenfalle oder Teil einer verblüffenden Jahresend-Rally? Vieles spricht für Letzteres. Die jüngste Umfrage unter internationalen Fondsmanagern liefert einen Beleg für die gute Stimmung der Anleger. Demnach sind die Befragten 216 Fondsmanager, die auf der ganzen Welt rund 573 Milliarden Dollar verwalten, derzeit so optimistisch wie noch nie – Impfstoffmeldungen, Wahlausgang und Konjunkturdaten sei Dank. So entsteht die paradoxe Situation, dass weite Teile der Realwirtschaft noch schwer mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben, die Finanzmärkte aber schon die Erholung der Zukunft handeln. Die Stimmung an den Aktienbörsen hellt sich jedenfalls systematisch auf - und zwar aus diesen fünf Gründen:



Erstens: Die Impfstoffe sind da

Das ist der lang erwartete „Game-Changer“ in der Pandemie. Auch wenn es noch Monate dauern wird, bis der Impfstoff massenhafte Wirkung entfalten kann, so dreht sich die Stimmung schon jetzt. Die spektakulären Kursgewinne der Aktiengesellschaften von Biontech bis Curevac elektrisieren den ganzen Markt. Das kleine Mainzer Forschungslabor Biontech wird an der Börse inzwischen mit mehr als 25 Milliarden Euro bewertet. Biontech ist damit viermal so viel wert wie die Deutsche Lufthansa oder die Commerzbank. Moderna-Aktien haben sich binnen Jahresfrist versiebenfacht, Curevac-Titel sind seit binnen sechs Wochen dreimal so viel wert. Ein derartiger Boom hebt immer auch den Markt insgesamt, weil er die Fantasie vieler Anleger beflügelt. Das Thema Wachstumsaktien gerät in den Mittelpunkt der Investorenaufmerksamkeit, und so suchen sie vom Wasserstoff bis zu Digitalwerten neue Felder großer Erfolgsgeschichten.



Zweitens: Die Liquidität ist gewaltig und steigt weiter

Die extreme lockere Geldpolitik der Zentralbanken führt dazu, dass historische beispiellose Summen zur Investition bereitstehen. „Die Märkte sind regelrecht geflutet“, sagt ein Händler in Frankfurt. Und jeden Monat pumpen Fed, EZB & Co. über milliardenschwere Anleihekaufprogramme zusätzliche Liquidität hinein. Nach Berechnungen von Michael Hartnett, Anlagechef der Bank of America, wird die US-Notenbank ihre Bilanz durch Wertpapierkäufe und andere Maßnahmen im laufenden Jahr von 19 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf 39 Prozent mehr als verdoppeln. Die Bilanzsummen der Europäischen Zentralbank und der Bank of England werden auf 61 (39) Prozent und 50 (25) Prozent steigen. Die gesamten globalen Stimulierungsmaßnahmen seit Jahresanfang – abgesehen von den 134 Zinssenkungen – addieren sich auf die atemberaubende Zahl von über 18 Billionen Dollar (wovon 10,4 Billionen fiskalischer und 7,9 Billionen monetärer Art sind), was fast 21 Prozent des globalen BIP entspricht. Der derart viel Geld im Markt, können die Aktienkurse nur steigen - und sei es als ein Nebeneffekt einer Asset-Inflation.



Drittens: Billionenschwere Konjunkturprogramme laufen an

Japan hat ein staatliches Programm beschlossen, mit mehr als 584 Milliarden Euro die japanische Wirtschaft aus der Corona-Krise zu bringen. Es ist nur eines von vielen weltweit. Denn von China bis Deutschland, von Frankreich bis Australien, von Brasilien bis Indien werden derzeit Konjunkturprogramme in gewaltigen Dimensionen aufgelegt. Auch in Amerika scheint sich eine Einigung im US-Kongress hinsichtlich eines Corona-Hilfspakets abzuzeichnen. Das ist für den Dow Jones eine Stütze. In den USA verzeichnete der Small-Cap-Index Russell 2000 im November mit einer Gesamtrendite von 18,4 Prozent das beste Monatsergebnis seit 1979.



Viertens: Ein globaler Nachholboom setzt ein

Die deutsche Wirtschaft wird nach Einschätzung der DZ Bank im kommenden Jahr dank starker Nachholeffekte kräftig zulegen. „Das Wachstum dürfte sich 2021 sehr erfreulich entwickeln", sagt Chefvolkswirt Stefan Bielmeier von der DZ Bank. Die Konjunkturerholung dürfte ab dem Frühjahr an Schwung gewinnen, wenn sich das Infektionsgeschehen dank wärmerer Temperaturen abschwächt. Nach Einschätzung der DZ Bank wird 2021 von einem "Post-Corona-Boom" geprägt sein. Für Deutschland wird eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,0 Prozent erwartet. Damit liegt die Wachstumsprognose unter den Erwartungen des Sachverständigenrates der Bundesregierung. Die „Wirtschaftsweisen" haben in ihrem Jahresgutachten für 2021 ein Wachstum von 3,7 Prozent erwartet. Einen starken Wachstumstreiber sieht Experte Bielmeier bei Nachholeffekten. Demnach sei in Deutschland eine ähnliche Entwicklung wie derzeit in China zu erwarten, wo die Verbraucher das Geld bereits „mit vollen Händen ausgeben".

Tatsächlich erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) für die Region Asien, zu der auch Australien und Neuseeland gerechnet werden, ein Wirtschaftswachstum von 6,9 Prozent im kommenden Jahr. Europa könne mit einem Plus von 4,7 Prozent rechnen. Vietnam und China gehören zu den wenigen Länder weltweit, in denen die Experten bereits in diesem Jahr ein spürbares Wachstum erwarten. Die kräftigste Erholung im kommenden Jahr wird von den asiatischen Staaten laut IWF Indien erleben - mit einem Plus von 8,8 Prozent. Das größte Wachstumspotenzial besitzen in fast allen Märkten Unternehmen mit Engagements in den Bereichen 5G-Einführung, Fintech, Greentech und Healthtech.



Fünftens: Mit Joe Biden wird die Weltwirtschaft weniger konfliktbeladen

Der neu gewählte US-Präsident schlägt einen konzilianteren Ton in der globalen Diplomatie an. Er ist bekennender Multilateralist und will die internationalen Handelskonflikte minimieren. Die Gefahr einer neuerlichen Eskalation im Konflikt zwischen den USA und China scheint damit gebannt. Biden wird die Interessen der USA gegenüber China und Europa zwar ebenfalls energisch verfechten, doch die Gefahr von Disruptionen, neuem Protektionismus und eskalierenden Handelskriegen ist deutlich geringer als in der Trump-Ära.

Die EU-Kommission hat bereits eine „Phase neuer Kooperation“ angekündigt. Betont werden neben Handelsfragen gemeinsame Werte wie Klimaschutz und Menschenrechte. Einen gemeinsamen Gipfel zum Ausloten besserer Wirtschaftsbeziehungen erhofft sich die Kommission für die erste Hälfte des kommenden Jahres. Neue Impulse werden in Brüssel vor allem im Hinblick auf den transatlantischen Handel erwartet. Konkret besteht in Brüssel die Hoffnung, dass unter der künftigen Administration der Streit um unzulässige Subventionen für die Flugzeughersteller Boeing und Airbus bereinigt werden kann. Davon würde auch viele andere Geschäfte - insbesondere die Auto- und Agrar-Branche - profitieren.

BAS

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17.12.2020 | 12:10

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