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Kommt jetzt der Corona-Crash?



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Die Nachrichten zur Coronavirus-Krise werden dramatisch. Italien und Südkorea ergreifen drastische Maßnahmen. Eine Pandemie ist jetzt sehr wahrscheinlich - mit schweren wirtschaftlichen Folgen. Immer größere Teile von Chinas Volkswirtschaft brechen bereits ein. Nun droht der Börsencrash.

Goldman Sachs warnt die Anleger!

Epidemiologen und Ärzte versuchen verzweifelt, die Seuche einzudämmen. Doch der Massenausbruch in Italien und Südkorea sowie viele neue Todesfälle in China deuten darauf hin, dass es dafür schon zu spät ist. Wer gehofft hatte, die Krise werde ähnlich glimpflich ausgehen wie SARS-Pandemie von 2002/2003, sieht sich getäuscht. Bis Sonntag kletterte die Zahl der bekannten Infektionen in Norditalien auf über 100. Knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50.000 Einwohnern sowie Vo‘ mit rund 3000 Bewohnern wurden komplett abgeriegelt. Eine Quarantäne der Ortschaften bedeutet, dass das Betreten oder Verlassen verboten ist, wie Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte. Behörden verbieten Gottesdienste, Vereinstreffen, Fußballspiele, selbst der Karneval von Venedig wird abgebrochen. Auch in Südkorea kämpft die Regierung verzweifelt gegen den Massenausbruch mit mehr als 600 nachgewiesen Infizierten. Staatspräsident Moon Jae rief den nationalen Notstand aus.

Auch die wirtschaftlichen Folgen werden immer drastischer. So sind Autoverkäufe in China nahezu vollständig zusammengebrochen. In den ersten beiden Februarwochen seien die Verkaufszahlen um 92 Prozent im Vorjahresvergleich zurückgegangen, teilte der chinesische Autobauerverband CPCA mit: Vom 1. bis 16. Februar seien nur noch 4900 Fahrzeuge verkauft worden. Im selben Zeitraum des Vorjahres seien fast 60.000 Autos abgesetzt worden. Der Verband rechnet auch nicht mit einer raschen Erholung. Das wird bald auf die globale Autoindustrie durchschlagen, denn von Daimler bis VW ist China der wichtigste Absatzmarkt überhaupt.

Nicht nur der Konsum in China erlebt einen historischen Crash - von Textilien bis Luxusgütern. Neue Daten zeigen, wie der Corona-"Shutdown" Chinas Wirtschaft lähmt: Der Immobilienmarkt bricht zusammen, Kraftwerke werden gedrosselt. Der Reiseverkehr zwischen großen Städten ist in China auf ein Minimum eingebrichen. Die Zahl der täglichen Reisebewegungen ist demnach von mehr als 85 Millionen Mitte Januar auf knapp 13 Millionen gesunken. Stark betroffen sind Hotels, Restaurants und Freizeiteinrichtungen. Die 70.000 Kinos des Landes sind geschlossen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat nun die Wachstumsprognose für das Land insgesamt gesenkt. Auch die Produktionsstätten melden immer massivere Ausfälle. Selbst in Korea haben Hyundai und Ssangyong nun die Produktion gedrosselt. Südkorea meldet einen Rückgang der Einfuhren aus China von 50 Prozent. Das ist ein Problem, weil es sich dabei nicht nur um Fertigwaren handelt, sondern vor allem um Vorprodukte, die in koreanischen Fabriken weiterverarbeitet werden, etwa in der Autoindustrie. Allein in der besonders vom Coronavirus betroffenen Provinz Hubei sind 700 Autozulieferer ansässig. Der britische Autohersteller Jaguar hat angekündigt, wichtige Bauteile zur Not per Flugzeug nach Großbritannien einfliegen zu lassen.

Für die Börsen wird infolge dieser Nachrichtenlage eine schwere Woche prognostiziert. Bislang hat die Chinesischen Notenbank einen Crash mit gewaltigen Liquiditätsspritzen und Zinssenkungen verhindert. Mehr als 300 Milliarden Dollar hat die Zentralbank in das Finanzsystem eingespeist. Die Neue Zürcher Zeitung analysiert eine „beispiellos hohe Liquiditätsspritze“. Tatsächlich erklärte der Notenbank-Gouverneurs Yi Gang, er werden „jede Finanzkrise“ verhindern. Das freilich kann bestenfalls für die chinesischen Binnenbörsen gelten. Auf den Weltbörsen allerdings wächst die Sorge vor einer globalen Corona-Rezession. Anfangs hatte man gehofft, es handele sich nur ein Problem weniger Wochen. Nun droht der  „Corona-.Shutdown“ langwierig zu werden. Ganze Lieferketten wichtiger Industrien brechen zusehends zusammen. Es werden Großveranstaltungen wie die Mobilfunkmesse in Barcelona abgesagt, die Automesse in Peking verschoben. Zudem laufen Notfallplanungen an, wie globale Veranstaltungen notfalls auch per Video abgehalten werden könnten - beispielsweise das im April stattfindende Frühjahrstreffen des IWF in Washington. Beim G-20-Treffen in Riad hat sich China nur noch per Video zuschalten lassen.

Wie stark der globale Warenhandel inzwischen infiziert ist, zeigt ein Blick auf den Baltic Dry Index. Er misst die Frachtraten für Transporte auf See und gilt als guter Maßstab der weltweiten Handels- und Wirtschaftsaktivität, weil mehr als 90 Prozent des Welthandels auf dem Wasserweg abgewickelt werden. „Die Frachtraten sind schon gecrasht“, warnen Londoner Analysten. Der Dry Bulk-Index, ein Frühindikator für eine Verlangsamung des globalen Wachstums, ist seit Anfang September um über 83 Prozent gefallen, da ein 18-monatiger Handelskrieg zwischen den USA und China und der Ausbruch des Coronavirus die Exporte und das verarbeitende Gewerbe belastet haben.

Die weit reichende Isolation Chinas bedeutet für die globalisierte Wirtschaft einen historischen Schock, weil die Massenherstellung vieler Produkte davon abhängig ist, dass Lieferketten stabil sind. Doch derzeit brechen sogar die Rohstofflieferungen ein. Die schlagartig rückläufige Nachfrage nach Rohöl hat den dessen Preis ebenfalls einbrechen lassen.

Für Anleger heißt es daher: Achtung.

Der erste Virus-Einbruch vor einem Monat konnte zwar wieder wettgemacht werden an den Börsen. Doch vieles deutet auf eine Bullenfalle hin. Die realwirtschaftlichen Folgen des Coronavirus werden erst jetzt sichtbar - und das dürfte auch an den Aktien- und Rohstoffmärkten zu einer zweiten Abgabewelle führen. "Nicht nur der iPhone-Hersteller Apple leidet bereits jetzt unter den Auswirkungen der Pandemie in China, auch die europäische Luftfahrtindustrie bekommt diese zu spüren. Im Augenblick überwiegt die Angst vor einer Abkühlung der globalen Konjunktur", schreiben die Experten von IG Markets in ihrem Marktkommentar.
Die bisherige Überzeugung vieler Anleger, dass sich die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Epidemie in Grenzen halten werden könnte sich als Trugschluss erweisen, warnt jetzt auch Peter Oppenheimer, Chefaktienstratege bei Goldman Sachs. Denn die seit Wochen schwächelnde chinesische Nachfrage werde weitaus größere Auswirkungen auf den Rest der Welt haben als der Sars-Ausbruch noch vor zwei Jahrzehnten. Es stünden nun "kurzfristigen Abwärtsüberraschungen“ bevor.

23.02.2020 | 18:03

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