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Krieg in der Ukraine: Wie zerronnen, so gewonnen

(Bild: Shutterstock / Corona Borealis Studio)



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Die Aktienkurse schwanken wegen des Kriegs in der Ukraine extrem. Welche Unternehmen besonders stark leiden und welche sogar profitieren
 
Erst Corona und dann Krieg – an der Börse führt das zu Nervosität. Vielleicht sogar zu mehr. Der CBOE-Volatilitätsindex (VIX), besser bekannt als das „Angstbarometer“ ist Gradmesser dieser Nervosität. Der Index drückt die erwartete Schwankungsbreite des S&P 500 für die nächsten 30 Tage aus. Je höher der Wert, desto unruhiger der Markt. Und in diesen Tagen kommt das Angstbarometer auf einen Wert von 33,85 – der höchste Stand seit Oktober 2020. Der historische Durchschnitt liegt bei 19. Hierzulande misst der VDax die Volatilität am Markt. Im Februar, der Monat des Kriegsbeginns, ist er um 74 Prozent gestiegen während der Dax deutlich nachgegeben hat.

Getrieben von schlechten Nachrichten, Panikentscheidungen und Spekulationskäufen, zeigen Deutschlands wichtigste Indizes Dax und MDax starke Kursschwankungen. Unter Anlegern geht die Angst um. Wie die Sanktionen auf die eigene Wirtschaft wirken, ist nicht ausgemacht. Doch immer mehr Ökonomen nehmen das „R-Wort“ in den Mund: Rezession. Das hat vor allem einen Grund: Deutsche Unternehmen sind abhängig von der Energie aus Russland. Die steigenden Energiekosten schmälern meistens die Erlöse und drücken die Aktienkurse nach unten.Nicht nur bei Öl und Gas sind Russland und die Ukraine wichtige Akteure auf dem Rohstoffmarkt. „Russland ist der drittgrößte Nickelproduzent, und rund ein Drittel der weltweiten Palladiumsproduktion entfällt auf das Land“, sagt Deutsche Bank-Anlagestratege Ulrich Stephan. Außerdem kommt ein großer Anteil des weltweiten Stahls und Weizens aus diesen beiden Ländern. Unter den Preisanstiegen infolge von Verknappung leiden insbesondere jene Unternehmen, die diese Rohstoffe für ihre Produktion brauchen.

Besonders hart trifft es die Automobilindustrie – insbesondere Continental. Der Zulieferer hat seit Beginn des Krieges am 24. Februar innerhalb weniger Tage gut ein Viertel seines Börsenwertes verloren. Auch bei BMW, Mercedes, Porsche und Volkswagen sind die Aktienkurse rasant nach unten gerauscht, rund ein Fünftel der Börsenwerte verpuffen. Die Autobranche wird als Ganzes getroffen, weil die Produktionen unter den hohen Energiepreisen leiden, sich Lieferengpässe bei Rohstoffen verschärfen, Kabelbäume aus der Ukraine fehlen und die Kauflaune bei Kunden zurück gehen dürfte. Dazu kommen Produktionsstopps in Russland. In der Folge verlieren auch mittelständische Zulieferer wie die Dürr AG aus Stuttgart massiv an Wert. Die Papiere des im MDax notierten größten deutschen Importeurs von russischem Erdgas Uniper sackten auf den tiefsten Stand seit 2017 ab.

Auch Bankaktien fliegen en masse aus den Depots der Investoren und verlieren damit besonders stark an Wert. Dabei hatten sich die Papiere der Commerzbank und der Deutsche Bank in der Hoffnung auf steigende Zinsen eigentlich gut entwickelt in diesem Jahr. Banken reagieren gewöhnlich besonders sensibel auf Konjunkturprognosen. Allein in den ersten beiden Wochen nach Kriegsbeginn fiel der Bankindex EuroStoxx Bank so stark, wie zuletzt beim Corona-Crash im März 2020. Noch härter trifft es Institute, die über ein vergleichsweise großes Engagement in Russland verfügen, Beispiele sind die italienische Hypovereinsbank-Mutter UniCredit, die französische Société Générale und die österreichische Raiffeisen Bank. Auf Sicht eines Monats sind die Aktienkurse dieser drei ausländischen Banken zum Teil mehr als 60 Prozent eingebrochen.
 
Als wäre der anhaltende Ukraine-Krieg nicht schon genug, schwebt auch noch das Gespenst der Inflation über das Börsenparkett. Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert trotz neuer Risiken für die Konjunktur auf ein Ende ihrer ultralockeren Geldpolitik zu. Sie fährt ihre milliardenschweren Anleihekäufe früher zurück als geplant und stellt deren Ende für Sommer in Aussicht. Angesichts der neuen Unsicherheiten für die Konjunktur hatten etliche Volkswirte eigentlich damit gerechnet, dass die EZB abwarten würde.
 
„Obwohl die Situation aktuell unübersichtlich bleibt, haben die globalen Aktienmärkte einen signifikanten Teil negativer Nachrichten bereits in ihren Kurs eingepreist“, zeigt sich Stephan trotzdem zuversichtlich. Gerade europäische Titel haben mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,2 und gleichzeitig tief negativen Realrenditen Aufholpotenzial. Für langfristig orientierte und eher risikoaffine Anleger dürften sie einen Blick wert sein.
 
Wie immer gibt es aber auch schnelle Gewinner. Von den geplanten Mehrausgaben für Verteidigung profitiert die mittelständisch geprägte deutsche Rüstungsindustrie wie noch nie in der Geschichte der wiedervereinigten Bundesrepublik.

Mit einem zeitweisen Kursanstieg auf bis zu 180 Euro haben sich etwa die Papiere des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall innerhalb weniger Tage verdoppelt. „Wir könnten sofort anfangen zu produzieren“, sagt Rheinmetall-Chef Armin Papperger. Eine Projektliste habe das Unternehmen bereits erarbeitet. Man könne die Auslastung der Produktion deutlich erhöhen. Die Herstellung von Panzermunition könne versechsfacht werden, beim Schützenpanzer Puma stellt der Konzern eine Lieferung von 229 Fahrzeugen im Wert von knapp 3,7 Milliarden Euro in Aussicht. 34 Panzer könne man in der laufenden Legislaturperiode liefern.  

Auch die Papiere von Hensoldt gewannen satt an Wert. Das Unternehmen aus Taufkirchen bei München, eine frühere Airbus-Sparte, produziert Sensor- und Radarsysteme für militärische Zwecke. Der Rüstungskonzern rechnet angesichts des Kriegs und der neuen Aufgabe für die Verteidigungsindustrie mit einem Umdenken bei den EU-Nachhaltigkeitsregeln. „Aus unserer Sicht ist es von größter Bedeutung, dass der Begriff der Nachhaltigkeit weiter gefasst wird, um die Verteidigungsindustrie einzubeziehen“, sagte der Hensoldt-Chef Thomas Müller gegenüber Medien. Müller gehe davon aus, dass die Diskussion um die EU-Taxonomieregeln eine neue Dynamik erhalten werde und seine Position Gehör findet. Erste ESG-Experten sehen den Angriff Russlands auf die Ukraine als einen Beleg dafür, dass viele Asset Manager Kriegsrisiken systematisch ausgeblendet haben. Der zentrale Gedanke hinter der Idee des nachhaltigen Anlegens sei ja eigentlich, Investitionen vor Risiken zu schützen.
 
Der Börsenneuling Hensoldt, der sich beim Schritt aufs Parkett 2020 nur schwer verkaufen ließ und zunächst bei Notierungen um etwa 10 Euro dümpelte, legte in der Spitze um mehr als 150 Prozent zu. Auch der Blick auf die Geschäftszahlen lockt neue Anleger an. Dank Aufträgen rund um den Kampfjet Eurofighter und das Aufklärungssystem Pegasus stieg der Umsatz im Jahresvergleich um 22 Prozent auf knapp 1,5 Milliarden Euro. Unter dem Strich stand ein Gewinn von fast 63 Millionen Euro. Für dieses Jahr erwarten Analysten 1,7 Milliarden Euro Erlös, fast 16 Prozent mehr als 2021. Der Nettogewinn soll um 14 Prozent auf 113,3 Millionen Euro zulegen.
 
Bei beiden Aktien, Hensoldt und Rheinmetall, hat sich der Handel nach dem rasanten Anstieg etwas beruhigt. Den größten Teil der Kursgewinne können beide Papiere gut verteidigen – ein typisches Zeichen dafür, dass Rüstungsaktien gerade eine fundamentale Neueinschätzung erleben.
 
Die Papiere von Siemens Energy zählen ebenfalls zu den Gewinnern und damit zu den Hoffnungsträgern an der deutschen Börse. Anleger setzen reflexhaft auf den Energiekonzern, weil man sich großes Wachstum im Bereich der erneuerbaren Energien verspricht. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges stellt sich die Frage nach der Energieversorgungssicherheit. Bis vor kurzem hatte die Ampel-Koalition einen Plan für die Energiewende: Atomausstieg vollenden, Kohleausstieg forcieren, erneuerbare Energien zügig ausbauen und die Versorgungslücke durch neue Gastkraftwerde ersetzen. Dass dieser Plan nicht aufgeht, bezweifelt in Berlin niemand mehr.  

Auch die Aktien konventioneller Energieversorger erleben eine Renaissance. So könnten RWE und Eon womöglich von der Neuaufstellung der Versorgung profitieren. Spekuliert wird etwa über eine Verlängerung der Laufzeiten von Kohlekraftwerken, erste Politiker wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder bringen gar Atomkraft zurück in die öffentliche Diskussion. Anleger, die jetzt auf Energieversorger setzen, glauben fest daran, dass Deutschland seine Energieabhängigkeit abbaut – und zwar schnell.

Florian Spichalsky

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22.03.2022 | 15:46

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