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Schlummern die wahren Schnäppchen in China?

In China läuft die Wirtschaft wieder an. Anlegern könnten sich Chancen bieten. (Foto: Rawpixel.com / Shutterstock.com)


In China gibt es kaum noch Neuinfektionen mit Sars-Cov-2. Und die Wirtschaft scheint schneller wieder anzulaufen, als gedacht. Das hebt die Stimmung bei Unternehmern und lässt professionelle Investoren zurückkehren. Vier Gründe, warum Anleger die Volksrepublik jetzt im Auge behalten sollten.

Grund Eins: Der Vorsprung


In China scheint überwunden, was Europa und insbesondere den USA noch bevorsteht: Der Höhepunkt der Corona-Pandemie. Das schafft global Hoffnung, der Krise Herr werden zu können. Und führt gleichzeitig dazu, dass das Wirtschaftsleben in der Volksrepublik schon wieder an Fahrt aufnimmt, wo es anderswo gerade erst eingestellt wurde. „Die Makrodaten im April werden für China eindeutig besser klingen, während sie im Westen einen Absturz von ungewisser Dauer einleiten“, erklärte Michael Kelly vom Vermögensverwalter PineBridge Investments gegenüber dem Nachrichtensender CNBC.

Im Reich der Mitte ist man dem Rest der Welt bis zu zwei Monate voraus, was den Ablauf der Pandemie anbelangt. Das ist eine Menge Vorsprung, führt man sich einmal vor Augen, was sich allein in den vergangenen vier Wochen in Deutschland getan und verändert hat. Zwar baumelt die Angst vor der zweiten Welle gleich eines Damoklesschwertes über der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Doch bislang wirken die strengen chinesischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus. Dazu scheint bei der nun wieder vollumfänglich zu funktionierenden staatlichen Kontrolle und Überwachung schwer vorstellbar, dass es erneut zu einem Ausbruch, ähnlich dem in Wuhan, kommt. Ebenso dürfte nun eine gewisse Immunität vor explosionsartigen Fallzahlen schützen.

Wie auch immer. Fakt ist: In China hellt sich die Stimmung auf. In der Gesellschaft, bei Unternehmern und unter Investoren. Im März stieg der Einkaufsmanagerindex des herstellenden Gewerbes von 35,7 auf 52 Punkte. Der inländische Gesamtkonsum liegt in etwa bei 85 Prozent des Vorkrisenniveaus. „Mitte April dürfte Chinas Wirtschaft gut 80 Prozent der Lieferketten wiederhergestellt haben, gleiches gilt für Auslastung und Produktivität“, schrieb BNP Paribas-Strategin Caroline Yu Maurer in einem Kommentar. Alles in allem rechne sie mit einer U-förmigen Erholung. Nicht nur das, lässt Investoren zunehmend hellhörig werden.

Grund Zwei – Die krisenresistenten Märkte

Chinesische Aktien erweisen sich in der Krise bislang als krisensicherer als jene aus Europa und den USA. Während der Shanghai Composite Index und der CSI 300 über das erste Quartal hinweg rund elf Prozent an Wert verloren – der Hang-Seng-Index gab 18 Prozent nach – rauschten der Dow Jones um 23 Prozent, der Dax um 25 Prozent und der EuroStoxx50 um 27 Prozent in die Tiefe. Es ist offensichtlich: Ausgerechnet dort, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hat, kommen die Aktienmärkte am besten durch die Krise. Das liegt unter anderem an Chinas Kontrolle über das Finanzsystem. Weder in Europa noch in den USA hat die Politik solche Spielräume. Wirtschaftliche Zusammenbrüche lassen sich so vielleicht nicht zwangsläufig besser, aber definitiv schneller und konsequenter abfedern. Gerade in Zeiten eines externen Schocks ist das hilfreich. Hinzu kommt: Von den staatlichen Hilfen profitieren in China vor allem große Konzerne, die entsprechend häufig börsennotiert sind. Das aber vielleicht entscheidende Kriterium ist die deutlich gesunkene Anfälligkeit der chinesischen Wirtschaft, was konjunkturelle Schwankungen anbelangt. Im MSCI China beispielsweise hat die Gewichtung zyklischer Branchen innerhalb von 20 Jahren spürbar abgenommen. Gleichzeitig ist die des Tech-Sektors angestiegen und dürfte sich auf etwa 40 Prozent belaufen. Und hier dürften sich die Auswirkungen des Coronavirus in Grenzen halten. Im Gegenteil: Manche Unternehmen dürften sogar profitieren. Alibaba und Tencent zum Beispiel, die beiden großen chinesischen Pendants zu Amazon und Facebook.

Grund Drei – Die gute Stimmung unter professionellen Investoren

 
Die Tencent-Aktie war so zuletzt bei einigen Großinvestoren gefragt. Laut Nasdaq.com soll Catriona Burns, Portfolio-Managerin bei Wilson Asset Management, Anteilsscheine des Konzerns erworben haben. Ebenso Andrew Gillan, der für Janus Henderson einen Fonds managt. Überhaupt kehrt das Interesse großer Investoren an Chinas Konzernen auffallend zügig zurück. In der zweiten Märzhälfte sollen schon sieben Milliarden US-Dollar in die Märkte der Volksrepublik zurückgeflossen sein, berichtete jüngst das Research-Unternehmen EPFR Global. PineBridge-Fondsmanager Kelly sagte CNBC, dass er den Anteil chinesischer A-Aktien in seinem Depot auf einen zweistelligen Prozentsatz aufgestockt habe. Und auch die BNP Paribas investiert, legt jedoch Wert auf Konzerne, die von einer starken Binnennachfrage profitieren.

Grund Vier – Die wachsende Binnennachfrage


Damit kommt unweigerlich Grund Vier ins Spiel. Das China von heute, das ist kein Geheimnis, ist ein völlig anderes, als das von vor ein paar Jahren. Die Volksrepublik wandelt sich in rasendem Tempo. In China wächst eine Mittelschicht heran, das Volk insgesamt wird konsumfreudiger. Und bei über einer Milliarde Einwohner erscheinen die Potenziale langfristig beinah grenzenlos. Nun dürfte auch die chinesische Konsumfreunde durch die Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie einen herben Dämpfer erfahren, doch am Markt lässt sich ja bekanntlich die Zukunft kaufen. 2019 speisten sich bereits 60 Prozent der Wirtschaftsleistung durch private Konsumausgaben. Damit verringert China seine Exportabhängigkeit. PineBridge-Investor Kelly stellt entsprechend fest: „Der größte Markt für China ist China.“ Laut einer McKinsey-Studie von 2019 hat der  Exportvizeweltmeister des vergangenen Jahres (hinter Deutschland) 2017 nur noch neun Prozent seiner Produktion ins Ausland verkauft. 2007 waren es noch 17 Prozent gewesen. In dem Bericht hieß es dazu: Dies zeige, dass China unabhängiger gegenüber dem globalen Export geworden ist. Es sei im Gegenteil der Rest der Welt, der immer stärker von China abhängig werde.

Natürlich wird es Chinas Wirtschaft auch weiter nicht gut gehen, wenn es der Weltwirtschaft nicht gut geht. Aber das gilt auch für Deutschland. Im BNP-Paribas-Protfolio von Yu Maurer finden sich mit einem Anteil von „bis zu 70 Prozent“ Unternehmen, die von starker chinesischer Binnennachfrage profitieren. Dazu gehören vor allem Tech-Konzerne, aber auch Firmen aus dem IT-, Gesundheits- oder Konsumgütersektor. Dass so unter anderem Aktien von Alibaba und Tencent im Depot liegen, überrascht nicht. Aber auch weniger bekannte Namen wie der Online-Kreditanbieter Ping An Insurance oder die Online-Learning-Plattform TAL Education gehören dazu.

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07.04.2020 | 15:06

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