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Wie Russlands unkonventionelle Geldpolitik den Westen verzweifeln lässt

(Foto: Picture Alliance / ZUMAPRESS)



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Der Rubel steht so hoch wie seit sieben Jahren nicht mehr. Das drückt die Inflation und beruhigt das russische Volk. Zentralbankchefin Elwira Nabiullina findet immer wieder Antworten auf die Sanktionen aus Europa und den USA.

Anfang März, wenige Tage nach Russlands Überfall auf die Ukraine, twitterte der deutsche Finanzminister Christian Lindner: „Der Rubel fällt, russische Unternehmenskurse brechen ein.“ Die ersten EU-Sanktionspakete in Richtung Kreml waren zu diesem Zeitpunkt verabschiedet, der Ausschluss bestimmter Banken aus dem internationalen Zahlungssystem Swift beschlossen, Russlands Devisen größtenteils eingefroren. Allmählich kehrten auch immer mehr westliche Unternehmen Russland den Rücken zu. Geschäftssparten wurden abgestoßen, Fabriken aufgegeben, Produktverkäufe bis auf weiteres eingestellt. Die EU, die Vereinigten Staaten, die westliche Wertegemeinschaft als solche, schien Erfolg zu haben mit ihrer Sanktionsstrategie, die Russland in die Isolation bis hin zum Staatsbankrott treiben sollte. Der Rubel ging zwischenzeitlich tatsächlich in die Knie.

Doch dann plötzlich die Kehrtwende. Die westlichen Sanktionen wurden stärker und ausgeweitet, Experten sagten schon Hyperinflation und einen dauerhaften Wertverfall der russischen Währung voraus. „Der Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und ein unmittelbar bevorstehender Zahlungsausfall schienen vorgezeichnet“,  blickt LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kramer zurück. Der Rubelkurs aber begann auf einmal gegenüber US-Dollar und Euro aufzuwerten. Daraus wurde über den Mai hinweg eine regelrechte Rally. Anfang März, also in etwa zu dem Zeitpunkt, zu dem Christian Lindner twitterte, war ein Euro rund 145 Rubel wert. Anfang Juni waren es nur noch 64 Rubel.

Ausgehend von seinem Tiefpunkt infolge des Kriegsausbruchs hat sich der Rubelkurs inzwischen wieder verdoppelt. Zum Euro steht der Rubel nun auf einem Sieben-Jahres-Hoch, zum Dollar ist er so viel wert, sie seit vier Jahren nicht mehr. Derweil dürfte das russische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um bis zu zehn Prozent sinken. Das finanz- und wirtschaftspolitische Fazit nach rund dreieinhalb Monaten Krieg lautet also: Die westlichen Sanktionen schwächen Russlands Ökonomie, den Rubel haben sie hingegen so stark werden lassen, wie lange nicht.

Die Ursachen dafür sind vielschichtig und geben einmal mehr Zeugnis darüber ab, wie häufig Finanztheorie von Finanzpraxis abweicht. Die Theorie schließlich folgt marktwirtschaftlicher Logik. Wird diese jedoch aufgrund eines extremen Ereignisses, wie dem eines Krieges ausgehebelt, taugt sie nicht mehr zwingend als Ratgeber.

Die Überlegung des Westens jedenfalls ging so: Wird Russland durch Sanktionen wirtschaftlich geschwächt, wertet der Rubel ab. In der Regel würde die Zentralbank dann beginnen Fremdwährungen zu verkaufen, wovon die Bank Rossii umgerechnet in etwa 640 Milliarden US-Dollar in ihrem Besitz weiß. Diesen gigantischen Devisenschatz, der größtenteils bei westlichen Banken liegt, hat man deshalb eingefroren. In Moskau wusste man sich in Person von Elwira Nabiullina allerdings zu helfen. Die Chefin der russischen Zentralbank fing einst schon bei der Annexion der Krim die Sanktionen mit einer klugen Geldpolitik auf. Vom Magazin „Euromoney“ wurde sie 2018 sogar zur Notenbankerin des Jahres gewählt. Damals entschied sich Nabiullina für den Verkauf von Devisen und erhöhte die Zinsen, das stützte die russische Währung.

Ersteres Instrument ist ihr diesmal genommen worden, dafür hob sie den Leitzins in den ersten Kriegswochen drastisch von 9,5 auf 20 Prozent an. Das führte dazu, dass die Russen selbst in Rubel anlegten und nicht in Fremdwährungen investierten. Viele Geldhäuser in Russland bieten aktuell Jahreszinsen von bis zu zehn Prozent auf Anlagen in Rubel, während Anlagen in Euro oder Dollar so gut wie nichts abwerfen. Zudem sind einheimische Unternehmen dazu verpflichtet worden, 80 Prozent ihrer im Ausland erzielten Gewinne, in Rubel umzutauschen. Energielieferungen müssen zum Teil von den Empfängerländern in Rubel gezahlt werden. Das erzeugt eine neue, künstliche Rubel-Nachfrage, die vor allem von Russlands Energie- und Rohstoffverkäufen getrieben wird. Diese übersteigen klar den Wert der Importe, schließlich verkauft kaum noch ein westliches Unternehmen Waren nach Russland. Das führt zu einem Leistungsbilanzüberschuss, der ebenso die eigene Währung stärkt. Weiter bleibt durch den sowohl vom Westen, als auch von Russland eingeschränkten Zahlungsverkehr mehr Geld als sonst im Land. Unter anderem viele vermögende Russen können ihr Geld nicht mehr so leicht ins Ausland bringen und dort beispielsweise Immobilien kaufen. Das erhöht peu a peu den Exportüberschuss. Ausländischen Investoren wurde dazu noch verboten russische Wertpapiere zu verkaufen, womit zumindest ein Stück weit eine groß angelegte Kapitalflucht verhindert werden konnte.

„Der Westen hatte sicher auch auf einen abgewerteten Rubel, steigende Preise und damit auf eine zunehmende Unzufriedenheit in Russland spekuliert. Diese Strategie ist vorerst gescheitert“, fällt deshalb das Fazit von Stefan Grothaus, Währungsanalyst bei der DZ-Bank, aus. Die russische Geldpolitik funktioniert offenbar so gut, dass Zentralbankchefin Nabiullina den Zins schon wieder senken konnte, auf aktuell 14 Prozent.

Auch die Inflation scheint vorerst im Griff. Pro Woche steigen die Verbraucherpreise nur noch um 0,25 Prozent. Zu Beginn des Krieges waren es 2,2 Prozent. Auch das liegt am starken Rubel. „Wenn der Rubel nicht so stark wäre, läge die Inflation nicht bei 20 Prozent, sondern bei 30 bis 40 Prozent“, zitiert die Internetzeitung „Meduza“ den russischen Volskwirt Sergej Suwerow. „Solange Russland exportiert, bleibt der Rubel stark“, ist LBBW-Chefvolkswirt Kramer überzeugt. „Öltanker nehmen seit Mitte April Rekordmengen an Rohöl an russischen Häfen auf.“

OG

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08.06.2022 | 16:22

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