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Zwiegespaltenes Verhältnis zu Aktien: Private Anleger bleiben unsicher

Aktien und Börsenkurse werden von privaten Anlegern nach wie vor mit Skepsis betrachtet. (Foto: peterschreiber.mdeia/Fotolia)


Am Verhältnis der deutschen Privatanleger zur Börse scheint sich nur wenig zu ändern: Nach wie vor herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber Investitionen in Aktien und die zu erwartende Rendite. Das aktuelle tagespolitische Geschehen spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Psychologie.

Suche nach Orientierung

Das Fazit zur Invest 2019, die Anfang April in Stuttgart ihr 20. Jubiläum feierte, klingt vielversprechend. Eine erfreulich große Zahl an Besuchern, die im Durchschnitt noch einmal jünger als in den Vorjahren waren, scheinen vom steigenden Interesse am Thema Geldanlage zu zeugen. Was in der Bilanz jedoch auch klar wird: Zwar hat die positive Stimmung an den Börsen dafür gesorgt, dass Aktien als Anlageform für private Anleger wieder attraktiver sind. Gleichzeitig betonen selbst die Veranstalter, dass es den Besuchern aber genauso um Orientierungshilfen ging, um sich im Spannungsfeld zwischen politischer Unsicherheit und unklaren Marktaussichten besser zurecht zu finden.

Entsprechend fällt das Resümee von Thilo Schumacher aus, Vorstand der Personenversicherung bei der AXA Konzern AG, mit Blick auf die Umfrageergebnisse aus dem aktuellen AXA Deutschland-Report zu Ruhestandsplanung und -management. Der Themenfokus zum Anlegerverhalten zeigt zwar durchaus altersabhängig unterschiedliche Einstellungen zu Investments an der Börse auf, das grundsätzliche Problem eines gespaltenen Verhältnisses zu dieser Form der Geldanlage bleibt aber weiterhin bestehen.

Die Zahlen sprechen dabei für sich:

- Im bundesweiten Durchschnitt gelten 28 Monate als der am besten geeignete Zeitraum, um Geld an der Börse anzulegen. Die älteren Anleger (über 55 Jahre) liegen dabei knapp über dem Durchschnitt, die jüngeren mit 1,7 Jahren (Anleger von 18 bis 24 Jahren) bzw. 1,8 Jahren (25 bis 34 Jahren) sogar noch darunter.

- Tatsächlich sind sogar 38 Prozent der befragten Privatanleger der Meinung, dass ein Börsen-Investment von einem Jahr oder weniger die beste Lösung ist.

Wenig überraschend daher die Ergebnisse auf die Frage, welche Rendite die Anleger für eine Geldanlage über fünf Jahre erwarten würden: Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) konnte die Höhe der Rendite gar nicht einschätzen. Das entspricht außerdem dem Bundesdurchschnitt, wenn es um die möglichen Risiken von Aktien geht. „Unkalkulierbare Risiken“ sehen 56 Prozent, allerdings sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern durchaus erheblich. Während etwa in Schleswig-Holstein „nur“ 48 Prozent der Anleger von hohen Risiken ausgehen, sind es in Brandenburg 69 Prozent.

Zusammenfassend bleibt daher der Eindruck, dass kurzfristige Engagements an der Börse zwar als interessant empfunden werden – und das weitgehend unabhängig vom Alter –, darüber hinaus besteht aber weiterhin eher Skepsis gegenüber Möglichkeiten und Risiken von Börsen-Anlagen.

Verhältnis zu Aktien bleibt widersprüchlich

In dieser Hinsicht deckt sich der aktuelle Deutschland-Report mit der Ausgabe von 2017. Als langfristige Geldanlage zum Vermögensaufbau erhielten Aktienfonds mit 20 Prozent Stimmen zwar den größten Zuspruch. Die Angst vor Risiken lag mit 58 Prozent aber auch vor zwei Jahren auf einem ähnlich hohen Niveau. Noch die Hälfte verglich die Gefahren von Börsengeschäften mit denen eines Casinobesuchs – nur zwei Gründe, warum das Anlegerverhalten nicht dem – wenn auch langsamen – Umdenken folgt.

Nur folgerichtig sind vor diesem Hintergrund die Resultate einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zur deutschen Aktienkultur. Versicherungen, Bargeld und Einlagen dominieren demnach das Geldvermögen privater Haushalte, während Aktien und Aktienfonds bei einem Anteil von unter zehn Prozent liegen. Entsprechend gering ist Zahl der privaten Aktienbesitzer.

In Fragen der Altersvorsorge ist es außerdem in erster Linie die gesetzliche Rentenversicherung, die den Lebensabend finanzieren soll. In anderen Ländern spielt hingegen schon längst die kapitalgedeckte private Vorsorge die Hauptrolle. Insgesamt folgt daraus, dass (Stand 2016) die Aktionärsquote in Deutschland im internationalen Vergleich deutlich zurückliegt. Bei den niederländischen Nachbarn etwa lag diese Quote bei 30 Prozent, in Deutschland lediglich bei sechs Prozent.

Die zusammenfassenden Ergebnisse lesen sich deshalb kaum anders als die des Deutschland-Reports: Zwar hat etwas mehr als die Hälfte der privaten Anleger (54 Prozent) bereits Erfahrungen mit Aktien gemacht und rund ein Drittel legt Geld in einzelnen Aktien, Aktienfonds, Wertpapiersparplänen oder ETFs an. Dennoch steigt die Zahl der Anleger weiterhin schleppend, woran auch das größere Interesse der jüngeren Anleger kaum etwas ändert. Was nicht zuletzt damit zu tun haben dürfte, dass Aktien nach wie vor mit ihrem Ruf als „Spekulationsobjekt“ zu kämpfen haben, als dass sie von einer leichten Mehrheit betrachtet werden.

Gründe für zögerliches Anlegerverhalten

Auf der Suche nach Erklärungsversuchen ist es unmöglich, am als „typisch deutsch“ empfundenen Sicherheitsbedürfnis vorbeizukommen. Das äußert sich im Hinblick auf mögliche Börsen-Investments in unterschiedlicher Weise: Die zögerliche Haltung gegenüber Aktien ist beispielsweise auf fehlendes Fachwissen zurückzuführen, was unter anderem in den hartnäckigen Vorurteilen gegenüber dieser Form der Geldanlage resultiert.

Hieraus lässt sich wiederum die Angst vor dem Verlust von Kapital erklären, ebenso wie die Angst vor Fehlkäufen oder zu hohe Gebühren für zu wenig Ertrag zu zahlen. Finanzielle Sicherheit bleibt deshalb wichtiger als die mögliche Rendite. Dass sich politische Entwicklungen teils drastisch auf die Börsenkurse auswirken können, verstärkt nur die Unsicherheit der Anleger und hinterlässt den Eindruck, die Einflussfaktoren auf die eigenen Geldanlagen nicht überschauen zu können.

Suche nach sicheren Investments

Private Anleger suchen deshalb häufig nach Anlagemöglichkeiten, die in der Schnittmenge zwischen der gewünschten Sicherheit und einer annehmbaren Rendite liegen. Grundsätzlich bestehen diese Möglichkeiten für sicherheitsorientierte Anleger, es gibt eine große Bandbreite an Alternativen zu herkömmlichen Anlageformen, die als zu risikoreich empfunden werden. Was gleichsam nicht bedeutet, dass sogenannte „Alternative Investments“ vollkommen risikofrei sind. Das gilt unter anderem für Immobilien, das Marktsegment könnte in naher Zukunft mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert sein, Garantien können also – zumindest in der kurzfristigen Perspektive – kaum gegeben werden.

Als eine aussichtsreiche Kombination aus breit gestreuter Geldanlage mit einem vergleichsweise geringen Verlustrisiko haben sich ETFs etabliert, inzwischen auch unter privaten Anlegern. Ökonom Andreas Hackenthal erklärt sich die Beliebtheit der börsengehandelten Fonds aus der vermeintlich langweiligen Konstruktion des Anlageprodukts. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung weist Hackenthal auf die Vorteile hin: Die Mittel werden weit über Länder und Branchen gestreut, die Fondskosten relativ gering, das Geld kann je nach Sicherheitsbedürfnis über Anlagen mit unterschiedlichen Risikoprofilen verteilt werden.

ETFs zwingen die Anleger allerdings auch dazu, sich mit der langfristigen Perspektive einer Geldanlage auseinanderzusetzen. Ein Nachteil muss das freilich nicht sein, allen Vorbehalten gegenüber mangelnder Planbarkeit von Investments mit längeren Laufzeiten zum Trotz. Das setzt nicht nur Geduld bei den Anlegern voraus, sondern darüber hinaus die Fähigkeit, die Entwicklung der eigenen Anlagen möglichst ohne Emotionen zu verfolgen. Wer dabei in der kurzfristigen Perspektive verhaftet bleibt, trifft bei ungünstigen Kursentwicklungen womöglich die falschen Entscheidungen und verspielt damit die Aussicht auf eine langfristige Erholung von Kursen – und der Rendite.

Emotionale Ausdauer als Grundvoraussetzung

Genauso sieht es auch Torsten Reidel, Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments und fast die notwendigen Anlegereigenschaften als „emotionale Ausdauer“ zusammen, die für die richtige Handhabung von ETFs die Grundvoraussetzung darstellt. Letztendlich ist – zumindest für deutsche Privatanleger – die Psyche der ausschlaggebende Faktor in langfristigen Geldangelegenheiten. Sie entscheidet grundsätzlich darüber, wie hoch die Risikobereitschaft bei Anlagegeschäften ist und gibt damit auch einen ungefähren Weg zu den passenden Anlageprodukten vor.

Damit kann wenigstens teilweise das persönliche Risiko, nämlich das Risiko, aufgrund eines zu gering erachteten Sicherheitsbedürfnisses die falschen Entscheidungen zu treffen, minimiert werden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, ein vielfach unbeachtetes Risiko durch geschicktes Anlegen zu vermeiden: Das Thema Inflation wird in sämtlichen Studien zum Anlegerverhalten in Deutschland als kritisch erachtet, da der Wertverlust in den Finanzplanungen und Vorsorgeüberlegungen häufig kaum ausreichend berücksichtigt wird.
Ohne gewisse Risiken einzugehen, dürfte vor diesem Hintergrund jedoch keine finanzielle Sicherheit erreicht werden können. Darüber sollten sich Anleger aller Altersgruppen rechtzeitig klar werden, um ihren bisherigen Standpunkt noch einmal zu überdenken.

 

04.06.2019 | 16:58

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