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Wenn weiße Westen grün gewaschen werden: DWS-Aktie nachhaltig zum Affen gemacht?

picture alliance / Arne Dedert/dpa | Arne Dedert



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Berichten zufolge steht die Deutsche-Bank-Fondstochter bei der US-Börsenaufsicht im Verdacht, Greenwashing zu betreiben. Das Ganze hat dann auch noch eine süffige Skandal-Anmutung. Es geht um viel.

Von Reinhard Schlieker

Jetzt kommt es dicke für die DWS, die Fondstochter der Deutschen Bank und ihrerseits seit dem Börsengang erst mit Spätzündung als Aktie erfolgreich: Das ganze Jahr 2018 lief es nicht gut für das DWS-Papier, es folgte dann stetiger Zuwachs, bis es im März 2020 (schon wieder dieser Monat des Missvergnügens) erneut echte Einstiegskurse gab. Nun aber: Über zwölf Prozent minus allein am Donnerstag, als bekannt wurde, dass die amerikanische Börsenaufsicht in Sachen DWS ermittelt. Wegen „Greenwashing“.

Also, das heißt: Wer tatsächlich alles auf nachhaltig trimmt, nur tadellose Aktien in seine entsprechenden Fonds aufnimmt, den Geboten von Fairness und Umweltschutz entspricht und auf sozial unangreifbares Benehmen setzt bei der Anlage, der ist „green“ und braucht kein „washing“. Wer es nicht so genau nimmt bei den Kriterien, weil er offenbar nicht glaubt, dass die zweifelsfrei in weiße Westen gekleideten Unternehmen gut genug sein werden, das Portfolio ins Plus zu heben, nun, der muss nachhelfen mit nur halbgar-halbgrünem Investment. Und das kann teuer werden. Und Vertrauen kosten und Renommee. Und die eigenen Anleger verschrecken, was allein schon der Verdacht nun mit DWS auch angerichtet hat.

„Die Aktie fiel wie eine heiße Kartoffel“, konnte man bei ntv sehen und hören, obwohl doch kalte Kartoffeln genauso der Schwerkraft unterliegen wie heiße, das wusste schon Isaac Newton, aber sei’s drum. Diffizil wird es, weil es für die sogenannten ESG-Kriterien keine in Stein gemeißelten Richtlinien gibt, jedenfalls in der EU noch nicht. Der Umweltschutz (environment), das gesellschaftliche Gutsein (social) und feinste Unternehmensführung (governance) sind als Kriterien teils interpretationsbedürftig, und ob das verwaltete Vermögen der DWS nun solchen Kriterien nahekommt, oder nur einem Teil derselben, lässt hübschen Streit erwarten.

Das Ganze hat dann auch noch eine süffige Skandal-Anmutung, denn erhoben hat die Vorwürfe zuerst eine Dame namens Desiree Fixler, die kurzzeitig Chefin der DWS-Nachhaltigkeit wurde und diesen Posten ganz und gar nicht nachhaltig ausfüllen konnte oder sollte, was aber ja das Desiderat war - denn nach Ablauf der Probezeit musste sie wieder gehen, wie man Medienberichten entnehmen durfte. Die wohl enttäuschte Liebhaberin der purguten Anlage jedenfalls verbreitete als erste, dass DWS Etikettenschwindel betreibe, und dies erzählte sie dem „Wall Street Journal“ bereitwillig. Alles Intrige? Die SEC mit ihren Ermittlungen nun ist jedenfalls von ernsthaft anderem Kaliber, womöglich kommt gar noch die BaFin in die Gänge, und ob die mächtige Fondsgesellschaft sich nun zum Affen gemacht hat oder eher die vergraulte Ex-Mitarbeiterin, man wird es verfolgen. Es geht um viel Geld und offenkundige, womöglich gar niedergefühlige Beweggründe. Die Melange macht die Kundschaft unfroh, die doch gern modern-nachhaltig pro Natur anlegen will und dies auch verlässlich gefühlsarm.   

Sind Affen, zuvörderst aber Gorillas, eigentlich Sympathieträger? Man könnte es meinen, wenn man die Zahl der Interessenten ansieht, die jährlich zum Beispiel die seltenen Berggorillas im Grenzgebiet Ruandas besuchen wollen, beschwerlich wie es ist. Und das auch noch mit dem Risiko, vom äffischen Familienclanältesten vorzeitig aus der vielversprechenden Kameranähe vertrieben zu werden, mit nachhaltig beeindruckenden Gesten und Gebärden, wie man öfters hört. Trotzdem, oder gerade deshalb, nennt sich ein aufstrebender Berliner Lebensmittel-Lieferdienst nach dieser Spezies, und meinte es dabei sicher nicht als Symbol dafür, wie seine Lieferfahrer sich im Straßenverkehr aufführen. Milliarden Euro ist das Unternehmen nach den bisherigen Finanzierungen wert, beteiligt sind große Namen, darunter der chinesische Konzern und Hightech-Investor Tencent, obwohl es bei den Gorillas um Lieferdienst aus Supermärkten zum Kunden geht, per Fahrrad, wo die Fahrer nun halt mal „Riders“ heißen statt Radler (das bringen sie aber falls gewünscht). Also keineswegs Hightech.

Dax-Star Delivery Hero, ähnlich unterwegs aber feiner im Auftritt, hatte zunächst nur Abschätziges über Gorillas beizutragen, so sinngemäß: Späti auf Speed; neuerdings soll es aber ganz im Gegenteil um echtes Geld gehen, Millionen womöglich, die der Hero in den Halb-Konkurrenten steckt. Delivery Hero bringt Gares, Gorillas bestenfalls Halbgares, so einer der Unterschiede. Aber das immerhin in bald zwanzig deutschen Städten. Hier scheint nun also echte Affenliebe zu entstehen, zumal man mit einem gewichtigen Wort mitreden könnte bei einer Fusion von Gorillas mit Flink, dem anderen Einkaufsauslieferer aus Berlin, der mit Rewe kooperiert und weitläufig über gemeinsame Interessen mit Delivery Hero verfügt. Gorillas verspricht vor allem, innerhalb von zehn Minuten mitsamt Ware beim Besteller zu sein, und Chef und Gründer-Gorilla Kagan Sümer hält das für unschlagbar, weshalb aber auch die Millionen-Verluste bald schneller steigen als der Millionen-Umsatz, künftige Gewinne sind bei Gorillas im Nebel bestenfalls - denn für dieses Liefertempo müssen viele Radfahrer startbereit sein an fast jeder Ecke.

Wenn die in Berlin zum Beispiel künftig noch jede Menge Lastenräder umkurven müssen, wird es interessant im Schnellverkehr. Delivery Hero gab an der Börse übrigens nach Aufkommen der Investitionsnachricht ordentlich was ab, also eher eine Art Lieferservice für Shortseller. Aber das ist eine andere Geschichte. Die (männlichen) Berggorillas im Ruanda-Dreieck derweil liefern sich nichts, außer vielleicht Hahnenkämpfe, im übertragenen Sinne. Das aber wenigstens vorläufig nachhaltig.

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27.08.2021 | 11:22

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