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Seltene Erden – Zündet China die letzte Eskalationsstufe?

Keine Seltenen Erden aus China mehr für die USA? (Foto: tab62 / shutterstock.com)


Die Strafmaßnahmen gegen den chinesischen Telekommunikationskonzern Huawei könnten das Fass im Handelsstreit zwischen den USA und China zum Überlaufen gebracht haben. Stoppen die Chinesen nun die Exporte von Seltenen Erden in die USA? Die Option scheint offenbar auf dem Tisch zu liegen.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping besucht in letzter Zeit auffällig oft Förderanlagen für Seltene Erden.  Zufall?  Nein,  nichts  in  der  chinesischen  Politik  ist  Zufall  und  sollte  von  Trump  als eindeutiges Signal verstanden werden. Angesichts des sich verschärfenden Handelskrieges zwischen den USA und China kolportierten kürzlich die staatlichen chinesischen Medien die Idee, den Export von Seltenen Erden in die USA zu verbieten. Dies könnte eine von mehreren möglichen Antworten Chinas auf die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump sein, der gerade erst  weitere  milliardenschwere  Zölle  auf  chinesische Waren erhoben hatte.  Darüber hinaus  sorgten  Trumps  Strafmaßnahmen  gegen  den  Telekommunikationshersteller  Huawei für Unmut im Reich der Mitte.

Nun  scheinen  die  Chinesen  zum  Gegenschlag  auszuholen.  Seltene  Erden  zählen  zu  den begehrtesten Rohstoffen der Welt. „Der Name ist jedoch irreführend. Interessanterweise sind die Seltenen Erden etwa im Vergleich zu vielen anderen Metallen gar nicht so selten, wie es ihr Name suggeriert. Allerdings kann in unserem modernen Leben kein iPhone, kein PC, kein Hybridfahrzeug,  kein  Flachbildschirm  und  kein  Windrad  ohne  Seltene  Erden  hergestellt werden“, weiß Sascha Sadowski, Marktanalyst vom Online-Broker LYNX. „Seltene Erden gehören  daher,  neben  den  Technologiemetallen,  zu  den  wichtigsten  Rohstoffen  in  unserer modernen Welt.“ Mit 70,6 Prozent (Stand 2018) der weltweiten Minenproduktion ist China das mit  Abstand  wichtigste  Erzeugerland. Australien und die  USA folgen  mit  11,8  Prozent,  bzw. 8,8 Prozent, weit abgeschlagen dahinter. „Ein Exportstopp würde die amerikanische Tech-Industrie hart treffen. Immerhin decken die USA 80 Prozent ihres Bedarfes an Seltene Erden durch chinesische Importe“, sagt Sadowski und ergänzt „Auch     
in der US-Ölindustrie kommen Seltene   Erden   als  Katalysatoren   zum   Einsatz,   beispielsweise,  um aus Rohöl Benzin herzustellen."  

Kurzum,  ein  möglicher  Exportstopp  würde  viele  Bereiche  treffen,  ob  Automobilindustrie, erneuerbare  Energien,  Verteidigung  oder  Technologie.  Hinzu  kommt,  das  andere  große Vorkommen, wie etwa in Brasilien, Vietnam oder Russland aufgrund fallender Weltmarktpreise nicht   erschlossen   wurden.   Das   wiederum   bedeutet,   dass   die   USA   kurzfristig   die Einfuhrausfälle nicht substituieren könnten. Tatsächlich ist es ein offenes Geheimnis, dass die chinesische Regierung ihre Förderstätten für Seltene Erden stark subventioniert und so eine marktbeherrschende Stellung erreicht hat. „Wenn China jedoch nach dem greifen sollte, was man gut und gerne als Nuklearoption bezeichnen kann, würde dies einen großen Teil der US-Wirtschaft   treffen,   auch   wenn   das   genaue   Ausmaß   eines   solchen   Schrittes   schwer abzuschätzen ist. Die bloße Drohung Chinas, den Zapfhahn für kritische Industriematerialien zu   schließen,   zeigt   eine   Sicherheitslücke,   die   Analysten   und   Entscheidungsträger   in Washington, Peking und anderen Hauptstädten zunehmend beunruhigt.“, gibt Sadowski zu bedenken.

Globalisierte Lieferketten  bieten  den  Verbrauchern  einer  Vielzahl  von  Produkten,  Flexibilität
und  niedrigere  Kosten.  Gleichzeitig  hat  die  zentrale  Position  des  US-Dollars  und  des  US-Finanzsystems   den   Handel   gestrafft   und   das   Wachstum   angeheizt.   Aber   in   Zeiten
geopolitischer   Spannungen   können   dieselben   Wirkungsgrade   plötzlich   zu   tödlichen Schwachstellen werden – für  alle  Länder.  Ob  es  sich  nun  um  die  Drohung  Chinas  handelt,
strategische  Rohstoffe  zurückzuhalten, oder um das  Verbot  von  Technologieexporten  in die
USA,  die  Strategie  ist  mit  Unsicherheiten  und  Risiken  behaftet.  Huawei  gibt  jedes  Jahr
schätzungsweise  11  Milliarden  US-Dollar  für  Waren  von  US-Unternehmen  aus,  und  es  ist
unklar,   ob   die   Trump- Regierung   sich   weiterhin   für   eine   Politik   mit   schwerwiegenden
Konsequenzen für große amerikanische Unternehmen wie Qualcomm, Broadcom und Google einsetzt. 

Dies  ist  einer  der  Gründe,  warum  die  USA  den  US-Unternehmen  ein  90-tägiges Zeitfenster  zur  Anpassung  an  die  neuen  Regeln  eingeräumt  haben – ein  Zeitfenster,  das verlängert werden kann. Ob China diese letzte Form der Eskalation wirklich wählt, hängt somit wieder einmal mehr von
den Reaktionen ab, die aus Washington kommen. Eines sollte aber auch Donald Trump klar sein: China könnte, indem es den Export von wichtigen Metallen und Mineralien stoppt, der amerikanischen Wirtschaft schweren Schaden zufügen.


22.05.2019 | 20:36

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