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Rohstoffe > Edelmetall unter Druck

Silberpreis im freien Fall: Warum selbst ein Angebotsdefizit den Absturz nicht verhindert

| Redaktion Börse am Sonntag | Lesezeit: 4 Min.

Zwei Hände halten mehrere gestapelte, glänzende Silberbarren, im Hintergrund sind unscharf ein Taschenrechner und Papiere zu sehen.
Hände halten gestapelte Silberbarren. Der Silberpreis notiert zum Wochenauftakt am 2. November bei 50,25 US-Dollar. (Foto: Shutterstock)

Silber hat vom Rekordhoch fast 60 Prozent verloren, während ein Angebotsdefizit erwartet wird. Welche Rolle Zinsen und Spekulanten spielen und welche Chartmarken jetzt zählen.

Der Silberpreis hat einen tiefroten Oktober hinter sich. Um 18,7 Prozent verbilligte sich das Edelmetall im vergangenen Monat auf US-Dollar-Basis. Seit seinem Allzeithoch im Januar hat Silber inzwischen fast 60 Prozent an Wert verloren. Dabei erwartet das Silver Institute für 2026 bereits das sechste globale Angebotsdefizit in Folge. Wie passt das zusammen?

Das Wichtigste in Kürze

Angebotsdefizit: Das Silver Institute erwartet für 2026 ein globales Silberdefizit von 46,3 Millionen Feinunzen, bestehende Lagerbestände können diese Angebotslücke jedoch ausgleichen.
Preisdruck: Eine schwächere Industrienachfrage, Zinssorgen, ein stärkerer US-Dollar und der Rückzug spekulativer Anleger belasten den Silberpreis.
Abwärtstrend: Charttechnisch bleibt der Silberpreis zum 2. November 2026 im Abwärtstrend und notiert bei 50,25 US-Dollar.
Kursmarken: Zwischen 52,06 und 56,56 US-Dollar liegen die ersten wichtigen Widerstände, während die Zone von 45,55 bis 48,64 US-Dollar Unterstützung bieten könnte.

Physisches Defizit trifft auf schwächere Nachfrage

Eigentlich müsste eine anhaltende Unterversorgung den Silberpreis stützen. Laut dem World Silver Survey 2026 dürfte die weltweite Nachfrage das Angebot in diesem Jahr um 46,3 Millionen Feinunzen beziehungsweise rund 1.439 Tonnen übersteigen. Allerdings handelt es sich dabei um eine Prognose. Zudem bedeutet ein Defizit keineswegs, dass am Markt unmittelbar zu wenig Silber verfügbar ist. Bestehende Lagerbestände können die Lücke ausgleichen.

Hinzu kommt, dass die industrielle Silbernachfrage schwächelt. Für 2026 erwartet das Silver Institute einen Rückgang der Verarbeitung um drei Prozent. Ausgerechnet die Solarindustrie, lange ein wichtiger Wachstumstreiber, benötigt zunehmend weniger Silber je Solarmodul. Technologische Fortschritte und die teilweise Substitution des Edelmetalls verringern den Materialbedarf, obwohl weltweit weiterhin neue Solaranlagen gebaut werden. Auch bei Schmuck und Silberwaren wird mit deutlichen Nachfragerückgängen gerechnet.

Zinsängste und Spekulanten verstärken den Verkaufsdruck

Noch unmittelbarer wirken die Entwicklungen an den Finanzmärkten auf den Silberpreis. Im Oktober belasteten Erwartungen einer weiterhin restriktiven US-Geldpolitik die Edelmetalle insgesamt. Die Aussicht auf anhaltend hohe oder sogar weiter steigende Zinsen macht verzinsliche Anlagen gegenüber Silber interessanter. Auch der stärkere US-Dollar setzte den Edelmetallen zu.

Am 30. Oktober verschärfte sich der Ausverkauf bei Gold, Silber und Co. Silber verzeichnete einen Tagesverlust von 5,8 Prozent und verlor zeitweise sogar 6,3 Prozent. Beeinflusst wurde diese Entwicklung wohl auch von den Aktienmärkten. Dort standen insbesondere die Technologieaktien unter Druck. Analysten der Commerzbank vermuteten, dass Verluste am Aktienmarkt erzwungene Verkäufe und Nachschussforderungen, sogenannte Margin Calls, ausgelöst hätten. Solche Liquiditätsengpässe können dazu führen, dass Anleger auch Edelmetalle verkaufen müssen, um Verluste an anderer Stelle auszugleichen.

Ferner zeigen die Daten der US-Terminmarktaufsicht CFTC, dass sich spekulative Marktteilnehmer in den vergangenen Wochen zunehmend zurückgezogen haben. Die Netto-Long-Positionen professioneller Vermögensverwalter in Silber-Futures schrumpften zwischen dem 22. September und dem 27. Oktober von 13.309 auf nur noch 3.321 Kontrakte. Das entspricht einem Rückgang um rund 75 Prozent.

Diese Entwicklung deutet auf eine deutlich defensivere Positionierung hin. Welchen Anteil sie konkret am Preisverfall hatte, lässt sich daraus allerdings nicht bestimmen. Sie verdeutlicht aber, weshalb selbst ein erwartetes physisches Angebotsdefizit keine Garantie für steigende Kurse bietet.

Silberpreis nach Rekordhoch im technischen Abwärtstrend

Aus charttechnischer Sicht hat der Absturz erhebliche Dimensionen angenommen. Anfang 2025 kostete eine Feinunze Silber noch weniger als 30 US-Dollar. Bis zum Allzeithoch im Januar 2026 bei 121,67 US-Dollar war der Preis innerhalb von etwas mehr als einem Jahr um über 311 Prozent gestiegen.

Eine Korrektur nach dieser außergewöhnlichen Rally war deshalb nicht überraschend. Ihr jetziges Ausmaß dürfte allerdings selbst eingefleischten Silberoptimisten schmerzen. In der vergangenen Woche markierte das Edelmetall bei 48,86 US-Dollar ein neues Tief innerhalb der übergeordneten Abwärtsbewegung.

Zum Wochenauftakt am 2. November erholte sich der Kurs wieder über die Marke von 50 US-Dollar und notierte bei 50,25 US-Dollar. Charttechnisch bleibt die Lage dennoch angespannt. Der übergeordnete Abwärtstrend ist intakt, und der Silberpreis liegt unter sämtlichen relevanten gleitenden Durchschnittslinien.

Immerhin signalisieren Indikatoren wie der Relative-Stärke-Index (RSI) inzwischen einen stark überverkauften Markt. Eine technische Gegenbewegung wäre deshalb denkbar.

Welche Kursmarken für Silber jetzt entscheidend sind

Ein erster Schritt zur Stabilisierung wäre die Überwindung der Widerstandszone zwischen 52,06 und 56,56 US-Dollar. Dort befinden sich mehrere markante Hoch- und Tiefpunkte der vergangenen zwölf Monate.

Für einen größeren charttechnischen Befreiungsschlag müsste Silber allerdings das Zwischenhoch von Ende August bei 71,18 US-Dollar überwinden. Vom aktuellen Kursniveau aus entspräche das einem Anstieg um mehr als 40 Prozent. Dass Silber solche Bewegungen innerhalb kurzer Zeit vollziehen kann, hat die vorangegangene Rally eindrucksvoll gezeigt. Für eine Wiederholung fehlen bislang jedoch erkennbare Kurstreiber.

Auf der Unterseite könnte die Zone zwischen 45,55 und 48,64 US-Dollar Unterstützung bieten. Sie wird durch Tiefpunkte aus Oktober und November 2025 begrenzt. Sollte sich der Abwärtstrend fortsetzen, dürfte dieser Bereich erneut in den Mittelpunkt rücken.

Das Angebotsdefizit allein reicht nicht

Das erwartete Angebotsdefizit könnte den Silberpreis längerfristig stützen. Kurzfristig können jedoch Entwicklungen an den Finanzmärkten ein deutlich größeres Gewicht haben. Typisch für Silber ist zudem die hohe Volatilität, die Kursbewegungen in beide Richtungen erheblich verstärken kann.

Der Silberpreis hat mittlerweile einen großen Teil seiner vorherigen Rally eingebüßt. Auch wenn nach dem jüngsten Absturz eine kräftige Erholung möglich erscheint, wäre diese zunächst nur eine Gegenbewegung innerhalb des bestehenden Abwärtstrends. Für eine nachhaltige Trendwende fehlen bislang überzeugende charttechnische Signale und fundamentale Katalysatoren.

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