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An der Nadel des billigen Geldes

(Foto: Degussa)


Am 3. März 2020 hat die US-Zentralbank (Fed) überraschend den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf jetzt 1,00 – 1,25 Prozentpunkte abgesenkt. Am vergangenen Freitag wurde zwar mittels einer Fed-Pressemitteilung schon eine künftig möglich Zinssenkung in Aussicht gestellt. Nun konnte es den US-Geldpolitikern aber wohl doch nicht schnell genug gehen.

Von Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Degussa

Der Auslöser für die Zinssenkung sind die Kursverluste an den Aktienmärkten: Die Kurse fielen, weil die Investoren sich ganz offensichtlich immer stärker vor den negativen Wirtschaftseffekten sorgen, die mit der ungehemmten Verbreitung des Corona-Virus verbunden sein könnten. Die US-Zinssenkung folgt unmittelbar auf eine Verlautbarung der Finanzminister der großen Industrieländer („G7“), die heute nach einer Telefonkonferenz bekundeten, es werde alles getan, um die Auswirkungen des Corona-Virus auf das Wachstum abzufedern.

Doch wird die Fed-Zinssenkung Ruhe in die Märkte bringen? Die US-Zentralbank – wie auch mittlerweile alle anderen Zentralbanken der Welt – verfolgt seit geraumer Zeit eine Geldpolitik, mit der sie ein „Sicherheitsnetz“ unter die Finanzmärkte und Konjunkturen spannen will.

Eine Rezession soll gewissermaßen mit allen Mitteln verhindert werden; die Worte des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, „Whatever it takes“ (unsere Wortdeutung: „Ohne Rücksicht auf Verluste“) stehen dafür Pate.

Auch EZB hat bereits anklingen lassen, sie werde ihre Politik noch weiter lockern – möglicherweise indem sie die Refinanzierungszinsen für Euro-Bankkredite weiter in die Tiefe treibt (über z. B. „TLTRO“-Operationen); und vermutlich wird auch das eher früher als später eingeleitet.

Die Fed – wie mittlerweile auch alle anderen Zentralbanken – verfolgen alle die gleiche Strategie: Ihre Jahrzehnte währende Politik des Kredit- und Geldmengenvermehrens zu immer niedrigeren Zinsen hat längst zu einer „Überdehnung“ des Geld- und Kreditsystem geführt.

In der Tat ließe eine erneute Rezession befürchten, dass die Produktions- und Beschäftigungsstrukturen, die weltweit seit der letzten Krise 2008/2009 quasi „an der Nadel des billigen Geldes“ hängen, ins Wanken geraten, möglicherweise umstürzen.

Ob nun mit oder ohne Corona-Virus-Effekt ist eine Abkehr von der Geldpolitik des Zinssenkens und Geldvermehrens daher ohnehin nicht in Sicht.

Und wenn die befürchteten Negativeffekte des Corona-Virus sich als überzogen herausstellen sollten, dann kommt die erneute Lockerung einem noch kräftigeren Tritt auf das geldpolitische Gaspedal gleich, der sich wohl kaum wieder zurücknehmen lässt. Für Anleger bedeutet das vor allem, dass die Kaufkraft des Geldes weiter schwinden wird.

Aus diesem Grund ist und bleibt das Gold attraktiv für Anleger: Seine Kaufkraft lässt sich durch die Zentralbankpolitik nicht entwerten, und das Gold (anders als Bankeinlagen) trägt auch kein Zahlungsausfallrisiko.

Für Langfristanleger mit einem Horizont von, sagen wir fünf Jahren, ist das Gold zu aktuellen Preisen immer noch attraktiv; und wer auf Gold setzt, hat auch gute Gründe auf Silber zu setzen, das zwar schwankungsanfällig ist, aber ein erhebliches Preissteigerungspotential birgt.

05.03.2020 | 11:08

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