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Das Schweigen der Männer

Nach Tod von George Floyd breiten sich die Unruhen in den USA weiter aus. Während einige amerikanische Top-Manager Stellung beziehen, bleiben DAX-Vorstände stumm.


Während sich die Top-Manager der Wall Street nachdenklich in die Proteste gegen Rassismus in den USA einmischen, bleiben Dax-Chefs bei gesellschaftspolitischen Fragen hierzulande auffällig still.

Mark Manson ist ein Mann, der sich beherrschen kann. Als Finanzchef einer der größten Banken der Welt, der Citigroup, erwartet die Welt von ihm, dass er nicht aus der Haut fährt. Angesichts der öffentlichen Folterung des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten, die Floyd nicht überlebt hat, gibt Manson seine Zurückhaltung auf: Er habe überlegt, ob er reden oder schweigen solle. „Aber nach einigen emotionalen Gesprächen in der Familie habe ich festgestellt: Ich muss. Tatsache ist, wir alle müssen.  Auch wenn ich daran denke, dass ich Finanzchef einer globalen Bank bin, erinnert der Mord an George Floyd uns schwarze Amerikaner daran, wie gefährdet unser tägliches Leben ist.“

Szenenwechsel: In Deutschland hat sich in dieser Woche der Mord am Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zum ersten Mal gejährt. Volker Bouffier, persönlicher Freund des Toten und hessischer Ministerpräsident, fand die richtigen Worte: „Walter war einer, der sich nicht weggeduckt hat“, sagte er in einem Interview. Von der in Frankfurt residierenden Wirtschaftselite war öffentlich dagegen nichts zu hören. Genauso war es, als Anfang des Jahres die Morde in einer Shisha-Bar in Frankfurts Nachbarstadt Hanau passierten. Deutsche Top-Manager ducken sich lieber weg, wenn es um öffentliche Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Themen geht.

Schnell mal missverstanden

Wer Top-Manager hierzulande darauf anspricht, erhält hinter verschlossenen Türen oft klare Worte, nach außen dringen sie jedoch selten. Ein Dax-Manager, der nicht genannt werden will, begründet seine Vorsicht mit dem Respekt vor den Aktionären: „Stellen Sie sich vor, sie werden auf der Hauptversammlung zu einer politischen Äußerung gefragt. Da können Sie nicht gewinnen.“ An der Wall Street ist man da weniger ängstlich. Auch andere als Manson finden deutliche Worte, zu dem, was auf den Straßen der US-Großstädte Thema ist. Jamie Dimon etwa, Chef von JP Morgan Chase sagt: „Wir sind entschlossen, gegen Rassismus und Diskriminierung zu kämpfen.“ David Solomon, Chef von Goldman Sachs, erklärt: „Ich unterstütze voll und ganz das Recht und die Notwendigkeit friedlicher Proteste.“ Und Larry Fink, CEO des weltgrößten Vermögensverwalters Black Rock ermutigt die eigene Belegschaft sogar dazu, dem alltäglichen Rassismus in den USA nicht länge zuzuschauen. Er wendet sich an alle Protestierer in den eigenen Reihen, wenn er sagt: „Ich möchte euch wissen lassen, dass das Management dieser Firma an eurer Seite steht und euch zuhört.“

Eine Ausnahme, wenn es um politische Themen geht, gibt es hierzulande auf DAX-Niveau: Siemens-Chef Joe Kaeser. Unvergessen ist seine Äußerung via Twitter an die AFD gerichtet, ihm seien Kopftuchmädel lieber als der Bund deutscher Mädel. Als Kaeser aber im Fall Lübke ebenfalls auf Twitter daran erinnerte, dass die letzten politischen Morde in der Bundesrepublik von der RAF und damit von Linksextremen begangen worden seien, brach das, was sich Shitstorm nennt, über ihn herein: Er hatte es unterlassen, die rechten NSU-Morde zu nennen und musste sich für seinen Tweet rechtfertigen. Auch Kaesers offener Umgang mit Umweltaktivisten, die gegen ein Kohlebergwerk protestierten, an dessen Bau sich Siemens durch die Lieferung von Signalanlagen beteiligt, geriet zum PR-Desaster: Der Siemenschef hatte der „Friday-for-Future“-Aktivistin Luisa Neubauer einen Beratungsjob angeboten, was diese öffentlich ablehnte. Der Eindruck, Kaeser wolle seine Gegner kaufen, blieb bestehen. Unterm Strich, so bilanziert Kaeser inzwischen selbst, seien seine Tweet-Erlebnisse eine „beachtliche Erfahrung“, wobei die positiven Rückmeldungen aus dem Kreis der Managerkollegen „eher diskret“ ausgefallen seien.

Angst vorm Käuferstreik

Schnell mal missverstanden, von Kollegen, die man wertschätzt, schief angeschaut – Gründe, warum sich in Deutschland wenige Top-Manager zu gesellschaftspolitischen Themen äußern, gibt es genug. Für Konsumgüterhersteller wie etwa Adidas oder Zalando kommt noch hinzu, dass jeder Meinungsbeitrag des Chefs, der über seine Zuständigkeit fürs Geschäft hinausgeht, bei den Kunden auf ein geteiltes Echo stößt. Und die wenden sich dort, wo Alternativen bestehen, schnell mal ab und wechseln den Hersteller, wenn ihnen die Meinung des Chefs nicht gefällt.

Für die Top-Manager in den USA spielen diese Gründe offenbar keine Rolle mehr. Black Rock-Chef Larry Fink ist ausdrücklich anderer Ansicht als die Kollegen in Europa. Er schreibt in einem Beitrag: „Ich rede oft darüber, Verantwortung für den Erfolg der Firma und unserer Klienten zu übernehmen. Das heißt aber auch, wir sind untereinander für uns verantwortlich. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir zu dieser Verantwortung stehen. Wir müssen eine fairere und gerechtere Gesellschaft schaffen. Das ist ein Teil dessen, was den Sinn von Black Rock ausmacht.“

Oliver Stock

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04.06.2020 | 14:11

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