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Politische Börsen haben kurze Beine

(Foto: whiteMocca / Shutterstock)



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Das Ergebnis der Bundestagswahl sorgte zunächst für Erleichterung an der Börse: Ein rot-rot-grünes Bündnis ist rechnerisch nicht möglich; ein deutlicher Linksruck in Deutschland bleibt also eher aus. Die Grünen und die FDP werden allerdings so gut wie sicher zur nächsten Bundesregierung gehören - angeführt entweder von der SPD oder der Union. Das bietet vielfältige Chancen.

Von Maik Thielen, Marktexperte vom Sparkassen Broker

Selten war eine Bundestagswahl so spannend wie in diesem Jahr. Obwohl auch eine Woche nach dem 26. September noch viele Fragen zur kommenden Bundesregierung offen sind, gibt es doch schon heute einige wichtige Erkenntnisse, wie es hierzulande in den kommenden vier Jahren weitergehen könnte - besonders mit Blick auf die Entwicklung an der Börse. Zunächst einmal ist sicher, dass es kein rot-rot-grünes Bündnis geben wird, was aus Sicht vieler Unternehmerinnen und Unternehmer wohl eine gute Nachricht ist. Stattdessen sieht es deutlich nach einer Regierungsbeteiligung von Grünen und FDP aus - angeführt entweder von der SPD oder der Union.

Grüne Investments könnten profitieren

Besonders die Grünen setzen auf eine deutlich nachhaltigere Wirtschaft. Dafür fordern sie in ihrem Wahlprogramm den kompletten Rückzug staatlicher Investitionen aus fossilen Energien und Geschäftsmodellen. Das trifft vor allem Anbieter von Kohle, Öl und Gas. Entsprechendes Kapital soll auf Wunsch der Grünen zukünftig in erneuerbare Energien fließen. Energiespeichertechnologien, Wind- und Solarkraft sollen dadurch attraktiver werden, sodass ein Wertgewinn entsprechender Unternehmen folgen könnte. Mit einer verbindlichen Nachhaltigkeitsbewertung für Finanzanlagen planen die Grünen aber auch einen ganz allgemeinen Weg, um nachhaltige Aktien attraktiver zu machen. Eine Kursveränderung in Richtung Nachhaltigkeit kann für Unternehmen, Anlegerinnen und Anleger von Vorteil sein. Allerdings ist das Label “grün” allein kein Erfolgskriterium.

Grüne und FDP sind sich weitgehend einig darüber, dass Deutschland möglichst schnell klimaneutral werden soll. Während die Liberalen auf Technologieoffenheit und die Kraft des freien Marktes setzen, wollen die Grünen dagegen Anreize setzen, beispielsweise durch die finanzielle Förderung klimaneutraler Infrastrukturen. Unternehmen, die im emissionsfreien Transport und Verkehrswesen tätig sind, könnten davon spürbar profitieren - ebenso wie Anlegerinnen und Anleger, die Anteile an entsprechenden Firmen halten. Aber auch im Bahn- und Radverkehr wollen die Grünen massiv nachrüsten. In puncto Infrastruktur soll außerdem auf schnelles Internet gesetzt werden. Telekommunikationsfirmen, die in der Glasfasertechnologie bereits führend sind, sowie verschiedene Netzwerkausrüster könnten dadurch zusätzlichen Rückenwind erhalten.

Digitalisierung und Stabilität für die Märkte

Digitalisierung war im Wahlkampf vor allem das Steckenpferd der FDP, die eine flächendeckend digitale Infrastruktur erreichen möchte. Hierbei legen die Liberalen
großen Wert auf den Ausbau der Netze. Das bietet vor allem Chancen für Netzanbieter, für die ein Ausbau in ländlichen Gegenden bislang ökonomisch nicht rentabel war. Besonders in der Bildung und am Arbeitsplatz will die FDP einen höheren Digitalisierungsgrad erreichen. In diesen Bereichen hat die Coronakrise bereits einiges nach vorne gebracht. Dies könnte sich nun noch weiter fortsetzen und Potenziale für Firmen eröffnen, die auf entsprechende Digitalisierungslösungen spezialisiert sind.

Außerdem machen sich die Liberalen für einen deutlichen Ausbau des Emissionshandels stark. In der Folge könnte es zu einem bedeutenden Preisanstieg der Emissionszertifikate durch künstliche Verknappung kommen. Von dieser Wirkung verspricht sich die FDP den größten Anreiz hin zu einem klimaneutralen Wirtschaften. Profitieren würden davon vor allem Unternehmen, die bereits mehr Zertifikate als nötig halten. Allgemein steht die FDP traditionell für möglichst geringe Markteingriffe, sodass gleiche Bedingungen für alle Marktteilnehmer herrschen und die Wirtschaft von zu hohen Abgaben befreit wird. Wenn es nach den Liberalen geht, soll die Unternehmenssteuer beispielsweise zukünftig auf den OECD-Durchschnitt von 25% gesenkt werden. Ob die FDP das allerdings gegen SPD und Grüne durchsetzen könnte, bleibt abzuwarten.

Geringe Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort

Eine Regierungsbeteiligung der SPD in einer Ampelkoalition bietet den Finanzmärkten in erster Linie Stabilität und Kontinuität; große wirtschaftliche Schwankungen sind eher nicht zu erwarten. Dennoch müssen Unternehmen sich bei einer SPD-geführten Regierung vermutlich auf Steuererhöhungen gefasst machen - was die FDP allerdings kategorisch ausschließt. Die Sozialdemokraten planen außerdem Investitionen in verschiedene Zukunftstechnologien wie Quantentechnik, Künstliche Intelligenz und Wasserstoffmobilität. Entsprechend spezialisierte Firmen könnten daher Gewinne einfahren und für Investorinnen und Investoren interessanter werden. Allerdings besteht in diesen Sektoren noch Nachholbedarf in Deutschland. Die von Olaf Scholz geplante Finanztransaktionssteuer könnte hingegen Kleinanlegerinnen und -anlegern schaden, weil sie zukünftig höhere Abgaben zu zahlen hätten. Einen ähnlichen Effekt hätte der Plan der Grünen, nach dem zwar die Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge abgeschafft, aber der persönliche Steuersatz bei Wertpapiergeschäften eingeführt werden soll.

Die tatsächlichen Auswirkungen der Wahl auf die Börse hängen nun aber natürlich stark von den Verhandlungen der Parteien ab. Bei einer Jamaika-Koalition angeführt von der CDU beispielsweise könnten Unternehmen insgesamt wohl eine etwas entspanntere Steuerpolitik aufgrund geringerer Sozialausgaben erwarten. Sollte der Prozess der Regierungsbildung einigermaßen zügig vonstatten gehen, dürften die Auswirkungen auf die Börse eher gering bleiben; dauert es länger, könnte es bei den Investorinnen und Investoren durchaus zu Unsicherheiten und deshalb zu möglichen Kurzschlussreaktionen kommen. Höchstwahrscheinlich bewahrheitet sich aber auch in dieser Situation wieder die Börsenweisheit “Politische Börsen haben kurze Beine”: Große Schwankungen an den Finanzplätzen bleiben kurz- oder mittelfristig wohl eher aus. Denn man kann davon ausgehen, dass sich die Koalitionsparteien auf eine gemäßigte Wirtschaftspolitik der Mitte einigen werden, wodurch Deutschland als Wirtschaftsstandort weiter attraktiv bleiben wird - und damit auch für Anlegerinnen und Anleger.

07.10.2021 | 18:23

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