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Was eine deutsche KI-Strategie leisten muss

(Bild: Fotolia)


Die künstliche Intelligenz (KI) ist die vielleicht folgenschwerste technologische Entwicklung unserer Zeit. Doch was geschieht in Deutschland? Wie wir mit AI umgehen, wie wir sie nutzen und fördern, wie wir sie in unsere Lebens- und Arbeitswelt integrieren: davon dürften hierzulande in den nächsten zehn bis 20 Jahren, Millionen von Arbeitsplätzen abhängen – und in letzter Konsequenz auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft insgesamt.

Von Christian Kirschniak und Hendrik Reese

Dabei befindet sich die Bundesrepublik eigentlich in einer hervorragenden Ausgangsposition. Denn die KI-Forschung an unseren Hochschulen und sonstigen wissenschaftlichen Einrichtungen gehört seit vielen Jahren zu den anerkanntermaßen besten der Welt. Zugleich tut sich die deutsche Wirtschaft mit der praktischen Anwendung künstlicher Intelligenz bislang allerdings auffallend schwer. Oder anders ausgedrückt: Die Bereitschaft zu Investition könnte sehr viel ausgeprägter sein – was auch daran liegt, dass es an effektiver staatlicher Anschubhilfe mangelt.

Dieses Defizit wird umso deutlicher, wenn man die hiesige Lage zum Beispiel mit den USA oder China vergleicht. Dort haben die jeweiligen Regierungen in den vergangenen Jahren milliardenschwere Forschungs- und Entwicklungsprogramm aufgelegt und auf diese Weise auch die privaten Investitionen merklich stimuliert. So haben sich amerikanische und chinesische Unternehmen ihre deutschen bzw. europäischen Konkurrenten in manchen Bereichen bereits einen deutlichen Vorsprung erarbeitet. Das gilt speziell für Geschäftsmodelle, die auf der KI-gestützten Verknüpfung von Daten beruhen.

Daraus zu schließen, dass es für eine großanlegte Offensive zur Förderung von KI womöglich schon zu spät sei, wäre gleichwohl grundverkehrt. Die künstliche Intelligenz ist trotz der enormen Forschungserfolge, die in den zurückliegenden Jahren erzielt wurden, nach wie vor eine junge Technologie. Was die wirtschaftliche Nutzbarmachung von KI angeht, stehen wir in vielen Feldern noch ganz am Anfang. Das gilt insbesondere für die Verwertung von Prozess- und Produktdaten – und damit für industrielle und gewerbliche Branchen, in denen Deutschland traditionell stark ist und in denen sich (Stichwort: Industrie 4.0) unzählige vielversprechend Anknüpfungspunkte finden lassen.

Es ist daher ausdrücklich zu begrüßen, dass die Bundesregierung die künstliche Intelligenz zu einem ihrer technologischen Schwerpunktthemen erhoben hat – was sich unter anderem an dem ehrgeizigen Eckpunktepapier zeigt, das jetzt vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Dort heißt es unter dem Stichwort „Ziele“ wörtlich: „Die Bundesregierung ist entschlossen, sowohl Forschung und Entwicklung als auch Anwendung von KI in Deutschland und Europa auf ein weltweit führendes Niveau zu bringen und dort zu halten. Deutschland soll zum weltweit führenden Standort für KI werden, insbesondere durch einen umfassenden und schnellen Transfer von Forschungsergebnissen in Anwendungen sowie die Modernisierung der Verwaltung. ‚Artificial Intelligence (AI) made in Germany‘ soll zum weltweit anerkannten Gütesiegel werden.“

Anknüpfend an dieses Eckpunktepapier der Bundesregierung hat PwC seine  Positionen zur Förderung der künstlichen Intelligenz vorgelegt. Dabei haben wir sich die Autoren auf die – aus ihrer Sicht – acht wichtigsten Stichworte fokussiert. Im einzelnen lauten die Stichpunkte:

1.    Der Einfluss von künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt

2.    Was der Aufstieg von KI für unser Bildungssystem bedeutet

3.    Ausbau und Koordination der KI-Forschung

4.    Wie groß ist das wirtschaftliche Potenzial von KI in Deutschland?

5.    Warum KI eine Frage des Vertrauens ist

6.    Die digitale Infrastruktur darf nicht zum Bremsklotz für AI werden

7.    Wie sollte der rechtliche und ethische Rahmen für den Einsatz von KI aussehen?

8.    Die Bedeutung der Datenökonomie für AI

„Wir wollen, dass unsere spezifischen Datenbestände zum Wohle von Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft und Staat nutzbar gemacht werden und sich KI-basierte Geschäftsmodelle in Deutschland entwickeln und zu neuen Exportschlagern werden“, heißt es im Eckpunktepapier der Bundesregierung. In der Tat sind valide Daten die aus technischer Sicht wichtigste Grundlage für den Einsatz von künstlicher Intelligenz überhaupt. Das bedeutet für die Politik, dass sie – um den Anforderungen der digital vernetzten Welt gerecht zu werden – den Austausch von Daten ebenso fördern muss wie den Umgang mit Daten.

Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass die Entwicklung marktfähiger Lösungen entscheidend davon abhängt, dass die Wirtschaft über eine kritische Masse von Lerndaten verfügt – denn ohne eine solche Datenbasis können sich KI-Systeme nicht weiterentwickeln. Eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ist es daher, Lerndaten vor absichtlicher und unabsichtlicher Manipulation zu schützen. Oder anders ausgedrückt: Es geht darum, Verfahren und Regelungen zu entwickeln, die eine Reinheit der Daten sicherstellen. Auch PwC versucht hierzu einen Beitrag zu leisten, unter anderem durch unser Mitwirken in der „International Data Spaces Association“, an der auch das Fraunhofer IAIS beteiligt ist.

Die europäische „Data Economy“ kam schon 2016 auf einen wirtschaftlichen Wert von rund 300 Milliarden Euro, zeigt im vergangenen Jahr eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie; bis 2020 soll sich dieser Wert demnach mehr als verdoppeln auf knapp 740 Milliarden Euro. Um die Entwicklung von neuen datenbasierten Produkten und Services zu fördern, arbeitet die EU momentan am Aufbau eines europäischen „Data Space”. Dieses Projekt darf durchaus als Vorbild für die Bundesregierung dienen, die die „Data Economy“ ebenfalls als zentrales Element in ihre Agenda aufnehmen sollte.

Christian Kirschniak und Hendrik Reese sind KI-Experten bei PWC.

01.09.2018 | 12:00

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