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Goldesel Allianz

Die Allianz verwöhnt ihre Anleger. Wie lange noch? (Foto: MDOGAN / shutterstock.com)


Europas Versicherungskrösus bastelt schon jetzt an einem weiteren Rekordjahr. Die erste Quartalsbilanz 2019 liest sich beeindruckend. Die Aktie steigt ohnehin seit Jahren. Analysten und Anleger geben sich gleichermaßen begeistert. Alles spricht für einen Kauf. Oder?

Wenn man so will, handelt es sich bei der Allianz-Aktie um ein ziemlich schüchternes Börsenpapier. Seit Jahren klettert ihr Kurs vorsichtig und mit Bedacht, ohne große Sprünge, das Risiko scheuend. So als orientierte er sich an dem, womit sich die Münchner ihres Kerngeschäfts wegen tagtäglich beschäftigen und bestens auskennen dürften: Der Risikobewertung. Lieber erst einmal abwarten und dann langsam, Schritt für Schritt nach oben tasten. Die Chancen sehend, sich dabei den Gefahren aber immer bewusst. 

Freilich, es ist nicht der Kurs der so denkt und handelt, sondern die, die ihn durch ihre Entscheidungen behandeln. Der Konzern selbst, seine Investoren und Aktionäre. Und allem Anschein nach greifen bei der Allianz-Aktie zum großen Teil solche zu, die ihr Geld langfristig und vergleichsweise sicher angelegt sehen wollen. Begünstigt – klar – durch eine äußerst verlockende Ausschüttungsstrategie, die die Münchner fahren. Mit einer Dividende von zuletzt neun Euro je Aktie – für das laufende Geschäftsjahr rechnen Analysten mit einer Erhöhung auf 9,51 Euro – liegt das Allianz-Papier gemeinsam mit dem von der Münchner Rück weit vor der DAX-Konkurrenz. Mit Blick auf die bei einem derzeitigen Kurs von 199,50 Euro errechnete Dividendenrendite von 4,8 Prozent, reicht es zwar nur zu Platz sieben, was jedoch – die Deutsche Telekom ausgenommen – daran liegt, dass sich die Kurse der besser platzierten Papiere (Daimler, Covestro, BASF, BMW, Bayer) in der jüngeren Vergangenheit desaströs entwickelt haben. 

Seit Jahren im Aufwärtstrend

Der der Allianz hat das nicht getan. Im Gegenteil: Seit Ende der globalen Finanzkrise befindet sich die Aktie des Konzerns im Aufwärtstrend. Innerhalb von zehn Jahren ist ihr Kurs um 182 Prozent gestiegen. Auf Fünfjahressicht steht ein Plus von 61 Prozent, auf Dreijahressicht eines von 42 Prozent zu Buche. Und nach einem dem schwachen Gesamtmarkt geschuldeten, schwächeren Jahr 2018, in dem die Allianz-Aktie aber im Vergleich noch gut abschnitt, ging es für die Papiere des Versicherers 2019 schon wieder um rund 15 Prozent nach oben. Das KGV liegt ob dieser Kurszuwächse mit einem Wert von 10,5 auf geradezu einladend niedrigem Niveau, was wiederum daran liegt, dass die Konzern- mit den Kursgewinnen mitwachsen oder eben andersherum.

Allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres haben es die Münchner geschafft, ihr operatives Ergebnis um 7,5 Prozent auf drei Milliarden Euro zu steigern. Der Umsatz wuchs um 9,3 Prozent auf 40,3 Milliarden Euro. Insgesamt besser, als von den Analysten erwartet. Hervorragend lief es vor allem im Bereich der Schadens- und Unfallversicherungen. Nicht nur der Umsatz legte in der Sparte um 6,3 Prozent zu, auch das Ergebnis stieg kräftig, um 14,2 Prozent auf 1,45 Milliarden Euro. Das lag zuvorderst an geringeren Schäden durch Naturkatastrophen, im Jahresvergleich halbierten sich diese auf 141 Millionen Euro, aber auch an einem Prämienwachstum um sechs Prozent und einer verbesserten Schaden-Kosten-Quote, die deutlicher als erwartet, von 94,8 auf 93,7 Prozent, sank. Teuer kamen mit Kosten von insgesamt 100 Millionen Euro der Absturz der Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines und der Dammbruch der Vale-Eisenerz-Mine in Brasilien. Große finanzielle Probleme sehen jedoch anders aus.

Nicht brillant, aber dennoch gut waren dazu die Ergebnisse im Bereich Lebens- und Krankenversicherungen. Die Umsätze stiegen auch dank eines verbesserten Neugeschäfts um 12,9 Prozent, der Gewinn erhöhte sich um 2,5 Prozent auf 1,09 Milliarden Euro. Einzig in der Vermögensverwaltungssparte kam es zu einem Ergebnisrückgang um 3,7 Prozent auf 573 Millionen Euro. Verschmerzbar angesichts dessen, dass die Sparte mit 2,1 Billionen Euro einen neuen Rekord aufstellte, was ihr verwaltetes Vermögen anbelangt. „Ein gutes Vorzeichen für eine starke Ertragsentwicklung, sagte Finanzvorstand Giulio Terzariol. Zu den Gerüchten um ein Interesse der Allianz an der Deutschen-Bank-Tochter DWS wollte er sich derweil nicht weiter äußern: „Akquisitionen sehen gut auf PowerPoint aus, aber im wirklichen Leben müssen sie nicht funktionieren.“

Kapitalausstattung überzeugt

Wieso sich auch mögliche Risiken an Bord holen, wenn das Boot gerade doch durch so angenehm ruhiges Fahrwasser fährt. Und dabei ganz allein, von innen heraus, in der Lage ist, immer weiter Fahrt aufzunehmen. 62 Analysten raten zum Kauf der Aktie, sieben dazu, sie zu halten. Verkaufen würde die Papiere derzeit keiner der befragten Experten. Independent Research Analyst Pierre Drach lobt neben dem operatives Ergebnis in der Schaden-Unfall-Sparte vor allem die überdurchschnittliche Kapitalausstattung des Versicherers. Mit einer Eigenkapitalquote von 67,2 Prozent und der in der Versicherungsbranche wichtigen Solveny-II-Kapitalquote von auch im Konkurrenzvergleich starken 218 Prozent steht die Allianz diesbezüglich tatsächlich blendend da. Drach empfiehlt die Aktie mit einem Kursziel von 230 Euro zum Kauf. Auch Claudia Gaspari, Analystin bei Barclays, lobte die operative Entwicklung und die starke Bilanz des deutschen Großkonzerns. Ihr Kursziel: 225 Euro.

Chance-Risiko-Verhältnis lockt - Risiko Gesamtmarkt 

Die Allianz lässt Anlegen derzeit einfach aussehen. Umsatzwachstum. Gewinnwachstum. Dividendenerhöhung. Analysten empfehlen. Anleger kaufen. Der Kurs steigt. Rekordjahr folgt auf Rekordjahr. Und noch immer scheint das Chance-Risiko-Verhältnis der Aktie eines der besten im ganzen DAX zu sein. Von politischen Brandherden, amerikanisch-chinesischem Handelskonflikt und Sorgen um die Weltwirtschaft, zeigt sich der Konzern fast völlig unbeeindruckt. Einzig die bis auf weiteres niedrig bleibenden Zinsen dürften als kleiner Wehrmutstropfen gelten. Ansonsten spricht sicher nicht alles, aber wohl tatsächlich vieles für einen Kauf. Als größtes Risiko dürfte das gelten, was die Allianz nicht beeinflussen kann: Die Entwicklung des Gesamtmarktes. Nach einem, das Jahr 2018 im Hinterkopf, phänomenalen Jahresstart 2019, bleibt es wohl mindestens fraglich, ob sich die Indizes weiter so zielgerichtet nach oben orientieren.     

Oliver Götz

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16.05.2019 | 19:51

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