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Was die Gewinnwarnung der BASF so gefährlich macht

BASF in der Krise. Die deutsche Wirtschaft auch? (Foto: Thorsten Frisch / shutterstock.com)


Der größte Chemie-Konzern der Welt gerät zunehmend in Bedrängnis. Die neueste Gewinnwarnung habe selbst die schlimmsten Befürchtungen übertroffen, kommentierte UBS-Analyst Andrew Stott. Gefährlich vor allem auch deshalb, da die Branche als Konjunkturindikator gilt. 

Anhaltende Handelskonflikte, eine sich eintrübende Weltkonjunktur, der kriselnde Automobilsektor. All das lastet schwer auf einer ganzen Branche. Hinzu kommt der Streit der US-Amerikaner mit dem Iran, dem nach wie vor die militärische Eskalation droht und die Ölpreise emporschießen lassen könnte. Nach schwachen ersten sechs Monaten rechne man nur noch mit einer moderaten Belebung im Jahresverlauf, hieß es erst vor wenigen Tagen in einer Mitteilung des Verbands des Chemischen Industrie (VCI). Alles in allem rechnet der Verband für 2019 nun mit einem Rückgang der Umsätze um drei Prozent auf 197 Milliarden Euro, die Produktion könnte um vier Prozent sinken. „Die Weltwirtschaft entwickelt sich schwächer als zu Jahresanfang erwartet“, konstatierte der Präsident des VCI, Hans van Bylen. Und die Risiken blieben hoch.

Globale Industrieproduktion und Konkurrenzdruck belasten

Optimismus sieht anders aus. Gefährlich vor allem deshalb, da der Chemie-Sektor in Deutschland als drittgrößte Industriebranche und noch dazu seit jeher als Konjunkturindikator gilt. Als Zulieferer der Auto-, Bau- oder Kosmetikindustrie merken Chemie-Unternehmen oft früh, ob die Geschäfte dabei sind sich in eine positive oder negative Richtung zu entwickeln. Und ganz besonders merkt das derzeit die Nummer Eins der Welt, die deutsche BASF. Nicht nur, dass der Konzern im Chemie-Sektor quasi überall und weltweit seine Finger im Spiel hat, sprich wenig spezialisiert und abhängig von der globalen Industrieproduktion ist, die lange Zeit als Wachstumsgarant galt, nun aber auf die Mengen- und Margenentwicklung drückt, es erstarkt auch die Konkurrenz in Asien, ganz besonders in China. Dort hatten die Ludwigshafener zuletzt verstärkt zu kämpfen, da die Automobilindustrie als wichtiger Kunde im Reich der Mitte derzeit große Wachstumseinbußen verkraften muss. Hinzu kommen außerplanmäßige Belastungen durch schlechte Witterungsbedingungen in den USA, die zu einer schwächeren Entwicklung des Agrarsektors führen. 

Dass es deshalb nun zu einer saftigen Gewinnwarnung kommt, ist nicht besonders überraschend. Nur, dass sie so drastisch ausfällt, damit hätten dann doch die wenigsten gerechnet. So soll nicht nur der Umsatz auf Jahressicht leicht zurückgehen, anstatt wie bislang kolportiert um bis zu fünf Prozent steigen, vor allem das Ebit könnte am Ende bis zu 30 Prozent unter Vorjahreswert liegen. Ursprünglich war von einem Anstieg um zehn Prozent die Rede gewesen. Eine ähnlich ernüchternde Sprache sprechen die vorläufigen Zahlen zum zweiten Quartal des Chemie-Riesen. Der Umsatz dürfte wohl um vier Prozent auf 15,2 Milliarden Euro zurückgegangen sein, das Ebit um 47 Prozent auf eine Milliarde Euro.

Analysten fordern mehr Effizienz und die Konzernverschlankung

Die Gewinnwarnung des Chemiekonzerns habe selbst die schlimmsten Befürchtungen übertroffen, schrieb UBS-Analyst Andrew Stott in einer Studie. Es sei von einer längeren Phase des Überangebots in wichtigen Unternehmensbereichen auszugehen, so Stott weiter. Positiv sei lediglich, dass das Effizienzprogramm nun neuen Schub bekommen könnte. Erst Ende Juni hatte das BASF-Management um CEO Martin Brudermüller ein Sparprogramm angekündigt. Bis 2021 sollen 6.000 Stellen wegfallen, fünf Prozent der weltweit 122.000 Arbeitsplätze, was sich schlussendlich in einem Ergebnisbeitrag von zwei Milliarden Euro niederschlagen soll. Geht es nach JPMorgan-Analyst Chetan Udeshi, wäre ein gleichzeitiges Konzernverschlankungsprogramm mindestens genauso wünschenswert. Die Gewinnwarnung sei erneut ein Argument, ernsthaft eine Vereinfachung und Optimierung der Konzernstruktur zu überdenken, man könne nicht auf „allen Hochzeiten“ tanzen. Sein Kursziel senkte Udeshi von 72 auf 59 Euro. Von einer Kaufgelegenheit wolle er nach der drastischen Senkung nicht mehr sprechen, so der Experte.

Dabei sei immerhin positiv, schrieb Goldman Sachs-Analystin Georgina Iwamoto, dass der Konzern trotz des schwierigen Umfelds an seiner progressiven Dividendenpolitik festhalten wolle. Dieser Tatsache kann man als Anleger tatsächlich einiges abgewinnen. Die 2018er Dividende lag bei 3,20 Euro je Aktie, die Dividendenrendite daran und an dem niedrigen Kurs von 60,70 Euro gemessen, bei 5,3 Prozent. Gleichzeitig liegt das KGV, ausgehend von den Ergebnissen 2018, bei 11,8. Das entspricht einer durchaus günstigen fundamentalen Bewertung. Dazu scheint im Kurs des BASF-Papiers inzwischen viel der negativen Erwartungen eingepreist, die Hochs von über 90 Euro sind weit entfernt.

Finger weg von der Aktie?

Und wer langfristig orientiert anlegt, der kann darauf hoffen und setzen, dass sich die konjunkturelle Lage wieder erholt und sich so wieder zum Wachstums- und Ergebnistreiber der zyklischen Branche entwickelt. Das eingeleitete Kostensenkungsprogramm und ein vielleicht in naher Zukunft konsequenter Konzernumbau, könnten dann zusätzlich die Marge aufbessern. Bliebe nur das Problem mit der erstarkenden internationalen Konkurrenz. Ob ein deutscher Konzern, der in Deutschland und Europa womöglich bald noch schärferen Umweltauflagen unterliegt, auf Dauer preislich mithalten kann mit einem Giganten aus China, vielleicht sogar noch staatlich hoch-subventioniert, das erscheint fraglich. Umso notweniger dürften daher die Spezialisierung und das Ergründen neuer, zukunftsfähiger Geschäftsfelder werden.

Ob das gelingt, ob es sich im Aktienkurs niederschlägt, das ist noch alles Zukunftsmusik. Für den Moment gibt BASF eine klar negative Richtung vor, was auch die Aussichten der gesamtdeutschen Wirtschaft trifft. Die Gewinnwarnung des Chemie-Giganten muss, vor allem aus deutscher Sicht, als Alarmsignal verstanden werden. Die fetten Jahre für die vielen exportorientierten Konzerne und Unternehmen des Landes könnten bald vorüber sein. Es braucht daher schleunigst Strategien, vielleicht auch ein Umdenken, für den Fall einer länger andauernden Schwächephase der Weltwirtschaft.

Oliver Götz

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11.07.2019 | 14:59

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