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Lufthansa-Aktie: Bruchlandung mit Folgen

Flug durch die Düsternis. Der Lufthansa drohen schwierige Zeiten. (Foto: Zhorov Igor / shutterstock.com)


Die Lufthansa kappt ihre Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr. Und das nicht nur überraschend plötzlich, sondern auch noch überdeutlich. Die Aktie stürzt um mehr als zwölf Prozent in die Tiefe. Das könnte Folgen haben. Nicht nur für den Luftfahrtkonzern selbst.

Verwöhnt wurden Lufthansa-Aktionäre wahrlich nicht in jüngster Vergangenheit. Seit dem im Dezember 2017 aufgestellten Rekordhoch bei rund 31 Euro befindet sich die Aktie der Kranich-Airline im Sinkflug. Am Montag nun, ging dieser für kurze Zeit sogar in eine Art freien Fall über, als Anleger die am Abend zuvor vom Management zusammengestutzte Gewinnprognose mit einem Kursminus von fast 13 Prozent quittierten. Mit am Ende 15,50 Euro fiel der Kurs auf seinen tiefsten Stand seit April 2017. Seit Beginn des Jahres haben die Lufthansa-Titel damit rund 20 Prozent an Wert verloren. Auf Jahressicht sind es 25 Prozent. So verwundert es wenig, dass die Aktie von Europas umsatzstärkster Fluglinie nach 2018 bislang auch 2019 zu den schwächsten Dax-Werten zählt. Die Marktkapitalisierung liegt gerade einmal noch bei 8,4 Milliarden Euro. Das sind vier Milliarden Euro weniger, als die krisengeschüttelte Deutsche Bank derzeit aufzubieten hat. Und weniger als die Hälfte von Dax-Neuling Wirecard. Die erneuten Kursabschläge wirken so beinahe etwas übertrieben. Das erwartete KGV für 2019 liegt nur noch bei 4,3. 

Minusgeschäft Kurzstrecke

Doch ganz offenkundig sehen Anleger schwierige Zeiten auf die europäische Luftfahrtbranche und damit ganz besonders die Lufthansa zu kommen. Und diese Annahme wurde seitens des Konzernmanagements nun auch noch bestätigt. So soll die bereinigte Ebit-Marge für das Geschäftsjahr 2019 nur noch zwischen 5,5 und 6,5 Prozent liegen, was einem bereinigten Ergebnis vor Zinsen und Steuern von ungefähr 2,4 Milliarden Euro entspräche. Bislang hatte man in Köln mit einer Spanne von 6,5 bis acht Prozent kalkuliert. Ein deutlicher Abschlag also. Bestätigt sich die Prognose, würde der operative Jahresgewinn der Lufthansa zum zweiten Mal in Folge sinken. Und das, wo doch die möglicherweise drohenden Folgen eines globalen Wirtschaftsabschwungs in der Branche noch kaum bis gar nicht zu spüren sind. Dass es für die Lufthansa nicht so läuft wie geplant, liegt nämlich zum großen Teil am Preiskampf und den Überkapazitäten auf dem europäischen Markt, die vor allem der Lufthansa-Billigflugtochter Eurowings zusetzen. Deren Ebit-Marge soll im laufenden Geschäftsjahr nun irgendwo zwischen vier und sechs Prozent im Minus landen. Weit von der ursprünglich angepeilten „Ausgeglichenheit“ entfernt. Da hilft es auch wenig, dass es mit Blick auf das Langstrecken-Geschäft weiter recht respektabel läuft. Mit einer Ebit-Marge von sieben bis neun Prozent blickt man zwar auch hier leicht konservativer in die Zukunft als noch vor ein paar Monaten (7,5 bis 9,5 Prozent), doch insgesamt klingt der Ausblick weiter überzeugend.

Die anhaltend starke Performance auf der Langstrecke gleiche den Preisverfall im Europaverkehr, der durch marktweite Überkapazitäten und aggressiv wachsende Billigkonkurrenten ausgelöst wurde, nur teilweise aus, ist man bei der Lufthansa selbstkritisch.  Besonders aggressiv verhält sich nach wie vor die irische Billigfluglinie Ryanair. Auch wenn selbst von den niedrigen Preisen belastet, wollen die Iren nicht nachgeben. Eine weiter voranschreitende Konsolidierung in der Branche ist das Ziel.
Um nicht den Anschluss zu verlieren, kann sich die Lufthansa dem Preiskampf nicht entziehen. Überhaupt käme eine Konsolidierung auch den Deutschen langfristig zu Gute. Kurzfristig kostet der Kampf jedoch eine Menge Geld. So sind im zweiten Quartal die Stückerlöse, sprich die Erlöse je Fluggast und zurückgelegtem Kilometer, stark zurückgegangen. Für das Gesamtjahr rechnen die Kölner mit einem Minus im mittleren einstelligen Prozentbereich. Währenddessen schafft es Eurowings nicht schnell genug die Stückkosten zu senken. Darüber hinaus schwächelt das Frachtgeschäft. Die Lufthansa-Tochter Cargo soll mit drei bis fünf Prozent nur noch eine halb so hohe Ebit-Marge erzielen, wie zu Jahresbeginn prophezeit. Daran wiederum dürfte der ins Stottern geratene globale Wirtschaftsmotor seine Mitschuld haben. Schlussendlich belasten dann auch noch Rückstellungen für steuerliche Risiken in Höhe von 340 Millionen Euro das Ergebnis. Die Lufthansa spricht diesbezüglich von einer „offenen Steuerangelegenheit in Deutschland aus den Jahren 2001 bis 2005“.

Analysten warnen, bleiben mit Blick auf die Aktie aber optimistisch

Analysten empfehlen die Aktie des Kranich-Konzerns trotzdem und mehrheitlich weiter zum Kauf. Das dürfte aber zuvorderst an dem äußerst niedrigen Kurs liegen, der die Aktie gegenüber den Konzerngewinnen nicht adäquat bewertet. Mit Blick auf die gekappte Prognose sehen sie die Airline dagegen gefährlichen Turbulenzen ausgesetzt. Die Schwäche der Papiere dürfte sich fortsetzen und womöglich auch den Sektor nach unten ziehen, schrieb UBS-Analyst Jarrod Castle. Er sehe erst einmal nicht, wie Lufthansa das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen könne, schrieb Bernstein Research-Kollege Daniel Roeska. Beide beließen ihre Kursziele jedoch bei 26,50 respektive 25 Euro, was einem Aufwärtspotenzial von 70 beziehungsweise 60 Prozent entspricht. Aufgrund des Preiskampfes auf der Kurzstrecke sehe er derzeit die stärker auf die Atlantik- und andere Langstreckenrouten fokussierten Wettbewerber wie IAG oder Air France-KLM im Vorteil, konkretisierte Berenberg-Analyst Adrian Yanoshik. Auch er beließ sein Kursziel aber bei 21,50 Euro, was einem Aufwärtspotenzial von knapp 40 Prozent gleich kommt.

Löst die Lufthansa eine Kettenreaktion aus?

Daran orientiert könnte die Lufthansa-Aktie derzeit auch eine günstige Einstiegschance anbieten. Die Negativszenarien scheinen ausreichend im Kurs eingepreist zu sein. Und doch schrecken die Gewinnwarnung und der Konkurrenzdruck Langfrist-Anleger ab, was nicht nur für die Lufthansa-Aktie zur Herausforderung wird. „Wenn solche Meldungen jetzt in Mode kommen, könnte es an den Börsen bald ungemütlich werden“, schreibt Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. „Bislang stützte die Hoffnung die Aktienkurse, dass der Handelsstreit gelöst wird und die zweite Jahreshälfte eine Verbesserung der Geschäftslage bringt. Diese Hoffnung aber lässt sich immer schwerer aufrecht halten. Mit der nun schon bald anlaufenden Berichtssaison in den USA läuft die Zeit für die Unternehmen ab, die gezwungen sind, ihre Prognosen zu senken, wenn die erhoffte Erholung ausbleibt.“ Davon fliegen kann niemand. Auch nicht die Lufthansa.

Oliver Götz

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20.06.2019 | 14:45

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