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Tonies: Im Kinderzimmer bricht die Revolution aus

Zwei mit Spieltrieb: Die Tonie-Erfinder Marcus Stahl (l.) und Patric Faßbender (Bild: Tonies).



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Kinder lieben Tonieboxen, Eltern, die sie verschenken, deswegen auch. Jetzt sollen Anleger vom Netflix für die Ohren überzeugt werden.

Was in den 80er-Jahren der gute, alte Walkman, ein Jahrzehnt später der Discman und seit den 2000ern der MP3-Player war, ist heute die Toniebox. Sie steht in unzähligen Haushalten, demnächst liegt sie wieder tausende Male unterm Weihnachtsbaum, und sie ist so etwas wie das Netflix fürs Kinderzimmer. Keine Tonbänder, kein Kabelsalat, keine komplizierte Menüführung, einfach eine der knuffigen Figuren oben draufgestellt und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Erkannt haben diese Marktlücke die Düsseldorfer Patric Faßbender und Marcus Stahl und gründeten 2013 das Unternehmen Boxine – mit zehn Millionen Euro Kapitel, einem in der Start-up-Welt geringen Betrag. Seitdem hat Boxine mehr als zwei Millionen Abspielgeräte, sogenannte Tonieboxen, und 20 Millionen Hörfiguren, sogenannte Tonies, verkauft. Sobald die Figuren auf den 12 mal 12 Zentimeter langen Würfel gestellt werden, beginnt die Box mit der Wiedergabe von den Audio-Inhalten. Einen CD-Schlitz gibt es nicht, dafür aber einen 8 Gigabyte großen Speicher, der Hunderte Stunden an Audioinhalten aufnehmen kann.

Pünktlich zum fünften Geburtstag und noch vor Weihnachten will der 250 Mitarbeiter starke Toniebox-Hersteller mit einem sogenannten Special Purpose Acquisition Company – kurz SPAC – an die Börse gehen und damit frisches Geld einsammeln. Der Schritt aufs Parkett soll durch eine Fusion mit dem luxemburgischen Unternehmen 468 SPAC erfolgen. Die neuen Partner hatten schon im Juni entsprechende Pläne mitgeteilt, damals liefen die Gespräche aber noch. Einen genauen Zeitpunkt des geplanten Börsengangs möchte das Unternehmen nicht nennen, Analysten gehen aber davon aus, dass die Transaktion noch im Dezember abgeschlossen sein dürfte und der Hörspielboxen-Anbieter mit 870 Millionen Euro bewertet werden dürfte.

Kinder lieben den kleinen Würfel, weil an den Hörfiguren fantasievolle Geschichten hängen, die sie jederzeit zum Leben erwecken können. Der Geschichtenkreis reicht von Pipi Langstrumpf bis zur Eiskönigin, von Hanni und Nanni bis Bob der Baumeister, vom Räuber Hotzenplotz bis zum Nussknacker, von Winnie Puuh bis Pumuckl. Rund 250 Helden aus den Kindergeschichten gibt es mittlerweile. Das Vorteilhafte: Auch bei Eltern stehen Tonies hoch im Kurs, was wichtig ist, denn sie müssen am Ende bezahlen. Die Hörspiele und Musikplaylists, glauben sie, fördern die Fantasie – und zwar ohne die so unbeliebte Displayzeit vor dem Tablet.

Fantasie sollen jetzt auch potenzielle Anleger entwickeln – vor allem Wachstumsfantasie. Nach eigenen Angaben erzielte Boxine 2020 einen Umsatz von 137 Millionen Euro. 2021 sollen es 170 Millionen werden. Seit 2018 wachse das Unternehmen durchschnittlich 50 Prozent pro Jahr. Die Gründer Marcus Stahl und Patric Faßbender nennen das ganz selbstbewusst „Hörspielrevolution“.

Tatsächlich hat Boxine großen Einfluss auf das, was in den Kinderzimmern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Irland und seit kurzem auch in den USA passiert. Mithilfe des Börsengangs wollen die Düsseldorfer auch finanziell stärker profitieren und das frische Geld anschließend wieder ins Wachstum stecken. Um etwa 40 Prozent soll die Wachstumskurve auch in den nächsten Jahren ansteigen.

468 SPAC sei ein exzellenter Partner, um dem Unternehmen bei der Umsetzung der „strategischen Roadmap“ zu unterstützen, „insbesondere im Hinblick auf unsere weitere Internationalisierung und die Entwicklung neuer Produkte“, sagt Stahl. Ein SPAC ist eine bereits gelistet Unternehmenshülle, die mit einem nicht notierten Konzern fusioniert. Das einzige Ziel von SPACs ist es, ein operativ tätiges Unternehmen zu übernehmen und diesem dadurch zu einer Börsennotiz zu verhelfen. Vor allem in den Vereinigten Staaten florierte das Geschäft mit SPACs im vergangenen Jahr und auch Anfang 2021 zunächst, flaute zuletzt aber wieder ein wenig ab. Einige Experten warnen vor einer SPAC-Blase, zudem gibt es Kritik an für Kleinanleger häufig unvorteilhaft strukturierten Modellen.

Der Chef des Börsenmantels 468 SPAC Alexander Kudlich glaubt fest an seinen neuen Partner und verspricht potenziellen Anlegern einen anhaltenden Hype um das Spielzeug. Im Gegensatz zu Videostream-Plattformen wie Netflix preist auch Kudlich den großen Vorteil der Tonies: Die Kinder würden nicht die ganze Zeit vor dem Bildschirm sitzen, sagt er und bringt damit einen Nerv bei Vätern und Müttern zum Klingen. „Die chinesische Regierung hat gerade entschieden, dass Kinder nicht mehr über drei Stunden pro Woche am Bildschirm sein dürfen“, bekräftigt Kudlich seine Prognose und Anhänger chinesischer Verhältnisse. Kudlich selbst war unter anderem Vorstandsmitglied bei Rocket Internet und hat in dieser Funktion sieben Unternehmen beim Börsengang begleitet. Darunter Westwing, HelloFresh, Delivery Hero und Home24.

Investoren sehen einen neuen Milliardenmarkt, der ähnlich funktioniert wie das Geschäft mit Filmen und Serien bei Netflix, Amazon, Disney und Co. Damit Boxine Tonies, also Audio-Geschichten, anbieten darf, muss das Unternehmen zunächst die Nutzungsrechte an den Figuren und Inhalten erwerben. Je nach Geschichte verdient Boxine unterschiedlich hohe Margen. Nicht jede Figur wirft gleich viel ab. Laut Kudlich sei das gesamte Potenzial noch nicht abzuschätzen, weil der Markt erst neu geschaffen würde.

Mit dem Erfolg wächst auch die Konkurrenz. So sind mit SevenAccelerator und Sony Music Entertainment Germany vor Kurzem zwei namhafte Investoren in das deutsche Start-up Tiger Media International eingestiegen – dem Hersteller des Tonies Konkurrenzprodukts Tigerbox. Vor allem Sony, das Deutschlands Marktführer für Kinderhörspiele ist, verschafft sich durch den Erwerb von Anteilen an Tiger Media Zugang zu einem nach eigenen Angaben „wichtigen digitalen Wachstumsmarkt der Zukunft". Als Teil der Vereinbarung will Sony seinen Kids-Content in den Tiger Media Streamingdienst Tigertones einbringen, der dadurch auf über 10.000 Titel anwächst und künftig das größte Contentangebot im Bereich der Kinder-Hörboxen darstellt. Zwar ist die Tigerbox mit etwa 99 Euro in der Anschaffung teurer als die rund 80 Euro teure Toniebox, doch neben dem größten Audio-Angebot hat Tiger Media einen weiteren Dauerbrenner im Angebot: Sogenannte Tigercards, die als Audiospeicher- und Sammelobjekt dienen.

Ob Tigerbox oder Tonies: Die kleinen Audio-Boxen vereinen das Beste aus drei Welten – Kindergeschichten sowie Streaming- und Sammelfieber. Für das Düsseldorfer Unternehmen Boxine dürfte der Börsengang ein wichtiger Schritt sein, um weiteres – und vor allem schnelles – Wachstum zu genieren und damit den Abstand zu möglichen Konkurrenten zu vergrößern. Denn eins ist auch klar: Tech-Giganten wie Apple oder Amazon könnten zeitnah mit entsprechender Hardware einen Teil vom Kinder-Auditainment-Markt abgreifen wollen. Ob Boxine auch unter verschärften Wettbewerbsbedingungen noch den Ton angeben wird, ist nicht sicher, wie Anleger reagieren auch nicht. Klar dagegen ist:  Kinder sind jetzt schon verrückt nach der Toniebox.

FS

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25.11.2021 | 09:22

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