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Überschaubare Anlagehorizonte wählen

Jürn Schiemann, IKB

Jörn Schiemann


Moderat steigende Zinsen im Niedrigzinsumfeld legen nahe, bei Anleiheinvestments auf kurze bis mittlere Laufzeiten zu setzen. Durch Kombination von Festzins- und Inflationsanleihen ist der Anleger dabei für jedes Inflationsszenario gerüstet.

Für Anleiheanleger war 2015 kein leichtes Jahr. Zusätzlich zum überaus niedrigen Zinsniveau mussten die Besitzer langlaufender Rentenpapiere im Frühjahr auch noch heftige Kursveränderungen hinnehmen. Innerhalb weniger Wochen stieg die Umlaufrendite von ihrem historischen Tief bei 0,05 Prozent auf 0,8 Prozent an, bevor sie erneut moderat sank. Zehnjährige Bundesanleihen verloren durch den Zinsanstieg im Maximum über elf Prozent an Wert, bei 30-jährigen Papieren ging es zeitweise sogar um ganze 30 Prozent nach unten. Inzwischen hat sich die Situation zwar etwas beruhigt, tendenziell ist aber nach der angestoßenen Zinswende in den USA das Risiko von steigenden Renditen langlaufender Euro-Anleihen in den kommenden Jahren nicht auszuschließen. Dies würde für Kursverluste bei bereits emittierten Anleihen sorgen.

Zudem sollte sich die Inflationsrate in der Euro-Zone von aktuell 0,1 Prozent aufgrund von Basiseffekten bei sich stabilisierenden Rohstoffpreisen schon in den kommenden Monaten deutlich erhöhen. Ein durchschnittlicher Wert von rund 1,0 Prozent für 2016 ist hier nach Einschätzung der IKB Deutsche Industriebank AG durchaus realistisch. Begründen lässt sich dies insbesondere mit der Erwartung eines weiterhin schwachen Euro sowie einer leichten Beschleunigung des Wirtschaftswachstums. Für 2017 ist sogar mit einer Teuerungsrate von 1,5 Prozent zu rechnen, was allerdings immer noch unter dem langfristigen „Inflationsziel“ der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent liegt.

Auch wenn die Europäische Zentralbank ihren Einlagenzinssatz nach der jüngsten Senkung zunächst für längere Zeit unverändert lassen sollte; die zunehmende  Normalisierung in der Teuerungsrate sollte sich am langen Ende der Zinskurve durchaus bemerkbar machen. So dürfte sich die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen bis Ende 2017 von derzeit 0,6 Prozent auf dann 1,5 Prozent erhöhen. Kursverluste dieser Papiere von gut 8,5 Prozent wären die Folge.

Für Privatanleger empfehlen sich deshalb Schuldverschreibungen mit Laufzeiten von maximal drei bis sechs Jahren. Dieser Zeithorizont ist überschaubar und die Papiere können im Zweifel bis zur Endfälligkeit gehalten werden, was zwischenzeitliche Kursschwankungen irrelevant macht. Darüber hinaus lässt sich die Geldentwertung mit der Verzinsung ausgleichen. Das gilt zumindest, soweit auf Bankanleihen zurückgegriffen wird, da diese gegenüber deutschen Staatspapieren attraktive Renditeaufschläge bieten. So bringen es entsprechende Festzinsanleihen mit Fälligkeit im Mai 2018 nach jetzigem Stand immerhin auf eine jährliche Rendite von ca. 1,4 Prozent. Bei einer Restlaufzeit von rund viereinhalb Jahren sind es derzeit sogar ca. 2,0 Prozent.

Insbesondere für Anleger, die von einem Inflationsanstieg profitieren wollen, können sogenannte Inflationsanleihen interessant sein. Sie sind in den ersten beiden Jahren meist mit einem festen Kupon von beispielsweise 1,5 Prozent ausgestattet. In den Folgejahren ist ihre Verzinsung unter Zugrundelegung eines angemessenen Aufschlags an die jeweils aktuelle Inflationsrate gekoppelt. Zur Berechnung dieser Rate wird in der Regel der harmonisierte Verbraucherpreisindex ohne Berücksichtigung von Tabakwaren (HVPI ex Tabak) verwendet. Dieser Preisindex wird vom Statistischen Amt der Europäischen Union (kurz Eurostat) monatlich veröffentlicht. Werden Festzins- und Inflationsanleihen sinnvoll miteinander kombiniert, können sie im Anlagejahr 2016 einen Beitrag zu einem gut diversifizierten Portfolio leisten.

Jörn Schiemann ist als Leiter Privatkunden und Anlageprodukte bei der IKB Deutsche Industriebank AG zuständig für die IKB-Wertpapiere.

08.01.2016 | 01:01

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