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Netflix und die Mega-Chance

(Foto: Shutterstock)



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Innerhalb von zwei Handelstagen verliert die Netflix-Aktie 30 Prozent. Auf Dreimonatssicht hat sich ihr Wert sogar halbiert. Wer mutig ist, steigt wie Hedgefonds-Milliardär Bill Ackman, jetzt ein. Doch was ist Mut? Und was ist Spekulation?

Wer versucht möglichst rational Aktien zu kaufen, der wägt stets zwischen der Chance und dem Risiko ab. Wie hoch ist die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Verlustes? Wie hoch die eines Gewinns? Und wie viel Risiko ist man für wie viel Chance bereit einzugehen? Profis berechnen das. Privatanleger orientieren sich häufig am Gefühl. Schief gehen, kann es in beiden Fällen. Der Markt ist schließlich so unberechenbar wie gefühlskalt. Eine Entscheidung muss aber dennoch irgendwann her.

Netflix-Aktie: 50 Prozent Verlust in drei Monaten


Aktuell ist Showtime, was das Kopfzerbrechen über Chance und Risiko anbelangt. Zinswende und Ukraine-Konflikt haben Aktien zu Jahresbeginn kräftige Kursverluste beigebracht. Vor allem in der Tech-Branche müssen sich immer mehr Unternehmen von ihren Rallys aus der Corona-Pandemie verabschieden. Kurseinbrüche von 20, 30, 50, sogar 80 Prozent innerhalb kürzester Zeit, das hat man in dem erfolgsverwöhnten Sektor lange Zeit nicht gesehen. In der Häufigkeit, Dotcom- und Finanzkrise einmal ausgenommen, eigentlich noch gar nicht. Das verunsichert zunächst, bietet im nächsten Moment aber die Möglichkeit auf Niveaus einzusteigen, die vor wenigen Monaten noch undenkbar waren. Neben vielen „kleineren“ Coronagewinnern, wie Zoom, Peloton, oder DocuSign, gilt das in den USA insbesondere für Netflix. Mit dem Kurssturz im Rahmen der Zahlenvorlage haben die Aktien des Streamingdienstes seit November nun rund 50 Prozent an Wert verloren und kosten nur noch etwas mehr als zu Beginn der Coronapandemie im Frühjahr 2020. Das heißt andersherum: Der Kursgewinn der vergangenen beiden Jahre, angefeuert durch ein starkes Nutzerwachstum, begleitet von Gewinn- und Umsatzsteigerungen, ist fast vollständig aufgezehrt worden. Und das innerhalb von drei Monaten. Ein Großteil davon in zwei Tagen.

So ein Kurssturz eines Konzerns, der schwarze Zahlen schreibt, regelmäßig solide Umsatzzuwächse vermeldet und dessen Geschäftsmodell des Film- und Serienstreamings noch dazu auf einem der ganz großen Trends dieses Jahrzehnts beruht, lockt zwangsläufig zum Einstieg. Der spektakuläre Einbruch ist so etwas wie die Chance, auf die alle gewartet haben. Ein FAANG+M-Aktie, die crasht, obwohl die Geschäfte weiterhin gut laufen. Im letzten Quartal 2021 steigerte Netflix die Nutzerzahl um 8,3 Millionen auf insgesamt 222 Millionen. Der Umsatz kletterte um 16 Prozent auf 7,7 Milliarden Dollar, der Gewinn stieg um zwölf Prozent auf 607 Millionen Dollar. Abstürzen ließ die Aktie, dass die 8,3 Millionen Neukunden unter den von Netflix selbst anvisierten 8,5 Millionen lagen – und der sehr schwache Ausblick aufs 1. Quartal mit einem erwarteten Nutzerwachstum von 2,5 Millionen.  

Hedgefondsmanager Ackman kauft Netflix-Aktien für 1,1 Milliarden US-Dollar


Man kann durchaus zu dem Schluss kommen, dass der Abverkauf dahingehend etwas übertrieben ausgefallen ist. Das sieht offenbar auch der bekannte Hedgefonds-Manager Bill Ackman so, der in den Crash hinein 3,1 Millionen Netflix-Aktien im Wert von 1,1 Milliarden Dollar kaufte. In einer Mitteilung an seine Investoren schrieb Ackman: „Viele unserer besten Investments wurden getätigt, als Anleger mit einem kurzfristigen Zeithorizont großartige Unternehmen zu Kursen abstießen, die bei einer langfristigen Betrachtung außerordentlich attraktiv erschienen.“

Ackman setzt auf die hohen wiederkehrenden Umsätze von Netflix durch dessen Abo-Modell. Weiterhin sieht er den Konzern von Reed Hastings strategisch gut geführt. Aufgrund eines fortwährend starken Contents glaubt Ackman Netflix dazu in einer starken Marktposition gegenüber Wettbewerbern.

Hinzu kommt: Netflix gewinnt weiter Neukunden dazu. Nicht mehr auf herausragendem, aber  durchaus auf hohem Niveau. Weitere Preiserhöhungen sind in Zukunft möglich. Nicht vergessen werden darf, dass aktuell viele Netflix-Accounts von mehreren Nutzern gleichzeitig verwendet werden, die dann wiederum ihren Zugang mit Freunden teilen, die gar kein eigenes Profil haben. Netflix lässt das aktuell zu, um Marktanteile zu gewinnen. Auf Dauer kann Netflix hieraus aber noch Kapital schlagen.

Analyst Mitchelson: In Zukunft traditionelle Bewertung

So viel also zu den Chancen. Und die Risiken? Die sind weithin bekannt. Grundsätzlich sind die Markteintrittsbarrieren im Video-Streaming nicht besonders hoch. Immer mehr Konkurrenten werden sich anschicken, in Zukunft ein Stück vom lukrativen Kuchen abzubekommen. Einen großen Konkurrenten hat Netflix mit Disney bereits. Hinzu kommt: Netflix hat kein breites Produktportfolio – ein wesentlicher Unterschied zu anderen großen Tech-Konzernen aus den USA, die auf mehreren Standbeinen stehen. Und: Die Bewertung ist sogar nach dem Kurssturz noch hoch. Dass Netflix in den kommenden Jahren weiter wächst und wohl auch auf Dauer steigende Gewinne einfährt, dürfte ziemlich sicher sein. Den Konzern mit Meta, Alphabet, Microsoft, Apple und Amazon zu vergleichen ist aber übertrieben. Genau das ist aber in den vergangenen Jahren passiert, siehe das Akronym FAANG+M. Möglich, dass die Bewertung schlicht nicht zu rechtfertigende Höhen erreicht hat. Credit Suisse-Analyst Douglas Mitchelson schrieb in einer Analyse: Netflix dürfte seine führende Position am Streaming-Markt behalten. Es fehle aber an neuen Wachstumsaussichten. Ein inzwischen einstelliger Umsatzzuwachs führe dazu, dass Anleger die Aktie nun eher traditionell bewerten. Sein Kursziel senkte Mitchelson deutlich von 740 auf 450 Dollar.

Der aktuelle Kurs der Netflix-Aktie bietet also eine große Chance bei hohem Risiko. Es ist also alles wie immer. Wer hohe Rendite will, der muss riskieren. Das Marktumfeld für solche Wetten war definitiv schon einmal besser.

OG

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28.01.2022 | 15:31

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