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RWE: Da steckt Power dahinter

Offshore-Windparks: RWE setzt darauf. (Foto: RWE)



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Deutschlands größter Stromversorger kommt unfallfrei durch die Pandemie. Energiewende und Wasserstoff-Hype erzählen darüber hinaus eine glaubhafte Wachstumsstory. Die Aktie steigt – unter der Woche auf ein Acht-Jahres-Hoch.

Am Mittwoch kostete die RWE-Aktie so viel wie seit 2012 nicht mehr. Mit einem  zwischenzeitlichen Plus von mehr als drei Prozent übersprang der Kurs die 35-Euro-Hürde, an der er sich zuletzt immer wieder die Zähne ausgebissen hatte. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines seit vier Jahren währenden Aufwärtstrends. Im Dezember 2016 kosteten die RWE-Papiere elf Euro. Seither hat sich deren Wert also mehr als verdreifacht. Die im Zuge des Atomausstiegs lange verschmähte Versorger-Aktie ist zum Liebling der Anleger geworden – und der Analysten. 64 der 71 im dpa-AFX-Analyzer befragten Experten empfehlen die Aktie zum Kauf.

In der Corona-Pandemie sind die RWE-Titel ein Stabilitätsanker. Den Konzern treffen die Lock- und Shutdowns kaum. In den ersten neun Monaten des Jahres stieg das bereinigte Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen um 13 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Die Prognose für das Gesamtjahr wurde mit einem anvisierten Ebitda von 2,7 bis drei Milliarden Euro bestätigt. Die Aktie erholte sich nach dem Einbruch im März entsprechend zügig. Nun ist auch das Vorkrisenniveau überklettert. Aktuell wacklige Börsen begünstigen die Entwicklung. Anleger schichten in defensive Werte um, zu denen auch die RWE-Aktie zählt.

Energiewende wird zum Heilsbringer
 
Hauptsächlicher Grund für die Anleger-Euphorie ist aber ausgerechnet die Energiewende – vor noch nicht allzu langer Zeit das Schreckgespenst schlechthin für die großen Stromproduzenten. Nun dient sie auf einmal als Heilsbringer. Nicht für alle, aber besonders für RWE.

Die Energiewende dürfte dem Energiesektor und im Speziellen den Erneuerbare-Energien-Aktien eine überdurchschnittliche Kursentwicklung ermöglichen, meint RBC-Analyst John Musk und sieht vor allem bei RWE noch Nachholpotenzial in der Bewertung. Als mittelfristiges Kursziel nannte er 42 Euro. Die Bank of America rät in einer aktuellen Studie dazu, das Geschäft mit Erneuerbaren Energien als Wachstumsfeld generell höher zu bewerten. Der Investitionsbedarf sei vor dem Hintergrund der Klimaziele langfristig immens, heißt es in dem Papier. Experten veranschlagten dafür global bis zu 1,5 Billionen Euro. Bernstein-Expertin Deepa Venkateswaran sieht im Strategieplan der EU für  Offshore-Windenergie eine vielversprechende Einnahmequelle. Bis 2050 solle die auf hoher See erzeugte Energie bei Investitionen in Höhe von 800 Milliarden Euro um das 25-fache steigen. RWE könnte davon ein lukratives Stück abbeißen.  

Spätestens seit dem Innogy-Tauschgeschäft mit EON setzen die Essener alles auf die Ökostrom-Zukunft. Nach eigenen Aussagen ist RWE der zweitgrößte Anbieter in Europa bei Offshore-Windkraft und insgesamt drittgrößter Produzent von regenerativen Energien. Angesichts der Klimaziele, die die Bundesregierung verabschiedet hat, blieb dem Konzern auch kaum etwas anderes übrig. Bis 2038 sollen nach den Atom- auch alle Kohlekraftwerke in Deutschland stillliegen. So wurden sie in Nordrhein-Westfalen quasi zu ihrem Glück gezwungen, garniert mit stattlichen Entschädigungszahlungen: 2,6 Milliarden Euro bekommt RWE für die Abschaltung seiner Stein- und Braunkohlekraftwerke.

Wasserstoff-Hype sorgt für Kursphantasie


Regelrecht enthusiastisch klingen deshalb inzwischen die Aussagen des Managements, wenn es um die Energiewende geht. Zumindest beim Thema Wasserstoff. Finanzvorstand Markus Krebber, der im kommenden Jahr Martin Schmitz als Konzernchef beerbt, sprach in einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“ von einem „Hype“, der entstanden sei, und fügte an: „Wir wollen dabei eine wichtige Rolle spielen“.

Tatsächlich könnte RWE zu einem großen Wasserstoff-Profiteur werden, da der Konzern an großen Teilen der Wertschöpfungskette teilnimmt. Zum einen produziert RWE Strom aus Erneuerbaren Energien, ohne die klimafreundlicher Wasserstoff nicht erzeugt werden kann. Zum anderen verfügt Deutschlands größter Versorger über Gasspeicher und Leitungen, die auch für den Wasserstofftransport oder dessen Aufbewahrung nutzbar wären. „Neben der Errichtung von Anlagen, die Strom aus Erneuerbaren Energien für grünen Wasserstoff liefern, hat RWE auch das Know-how, um ihn in großen Elektrolyseuren zu produzieren, in eigenen Gasspeichern zu lagern und bedarfsgerecht an Industriekunden zu liefern. Perspektivisch werden auch die eigenen Gaskraftwerke potentielle Abnehmer“, hieß es in einem Pressestatement.

Auch das könnte den erstaunlichen Kursauftrieb in den vergangenen Monaten mitverursacht haben und die Aktie im kommenden Jahr vielleicht sogar auf ein Zehn-Jahres-Hoch treiben. Das Umfeld kommt aktuell so positiv daher, sodass vieles möglich scheint.

OG

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02.12.2020 | 16:47

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