boerse am sonntag - headline

„Es spricht derzeit vieles für europäische Aktien“

(Foto: Deutsche Oppenheim)



1822direkt Depot

Jobsalle Jobs

Warum an US-Titeln trotzdem kein Weg vorbei führt, die sogenannten Krisenverlierer auf eine frohes Fest hoffen können und es bei allen positiven Nachrichten zuletzt, ein volatiler Winter werden dürfte, weiß Felix Meynen, Direktor Portfoliomanagement bei der Deutsche Oppenheim Family Office AG.

Herr Meynen, erst der schnellste Crash aller Zeiten, dann eine ebenso rasante Erholung und nun ein volatiler Herbst. War 2020 jetzt ein gutes oder schlechtes Börsenjahr? Und wie wird der Winter?

Ich denke es war auf jeden Fall ein sehr spannendes und auch herausforderndes Jahr. Und sicherlich ein Jahr, in dem sich aktives Management beweisen konnte. Insgesamt haben sich die Aktienmärkte wohl besser entwickelt als von vielen Marktteilnehmern vor dem Hintergrund der Pandemie erwartet, wobei es auf Länder- und Sektorebene teils erhebliche Performanceunterschiede gab. Für die kommenden Monate sind wir positiv gestimmt.

Einmal angenommen Sie hätten im März zu einem günstigen Zeitpunkt in Aktien investiert und anschließend stark von der Erholung profitiert. Würden Sie jetzt verkaufen oder ihre Positionen halten?

Wir haben weiterhin einen konstruktiven Blick auf die Aktienmärkte. Mit der US-Wahl ist zuletzt ein Unsicherheitsfaktor aus dem Weg geräumt worden. Natürlich ist die aktuelle Lage in Bezug auf die Pandemie weiter kritisch. Dennoch machen die Ergebnisse der bislang vorgestellten Impfstudien Mut und nähren die Hoffnung, dass die Einschränkungen perspektivisch wieder aufgehoben und wir wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren werden. Obwohl die Aktienmärkte ein damit verbundenes Anziehen des Wachstums zum Teil bereits einpreisen, sehen wir weiterhin positives Kurspotenzial.

Glauben Sie an eine Jahresendrally an den Märkten?

Die Aktienmärkte haben das Potenzial, sich Richtung Jahresende weiter positiv zu entwickeln. Ob diese Entwicklung allerdings so dynamisch verläuft, dass sie den Titel „Rally“ verdient, bleibt abzuwarten. Im November haben die Märkte ja bereits einen ordentlichen Sprung gemacht. Noch spannender als die Entwicklung auf Index-Ebene ist derzeit aber wohl, was eine Etage darunter passiert – nämlich auf Sektor- bzw. Styleebene. So konnten die in der Vergangenheit zurückgebliebenen Value Titel deutlich an Boden gutmachen.

Wenn es eine Rally gibt, würde die also am ehestens von den Krisenverlierern ausgehen, zu denen ja in der Hauptsache Value-Werte zählten?


Das Marktgeschehen war zuletzt von der Hoffnung auf das „Re-Opening“ geprägt, was den positiven Nachrichten um die potenziellen Impfstoffe geschuldet war. In den vergangenen Wochen hatten die Value-Werte die Nase vorn. Derzeit spricht einiges dafür, dass zumindest auf kurze Sicht die Aktien aus dem Lager der Krisenverlierer weitergesucht werden.

Ist die Umschichtung von Tech- hin zu Valueaktien eine kurzfristige Anpassungsreaktion an die positiven Impstoff-Nachrichten oder könnte daraus ein länger anhaltender Trend werden?


Ob daraus ein länger anhaltender Trend wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. In einem Umfeld überschaubaren Wachstums sehnten sich die Anleger in den vergangenen Jahren nach Titeln mit Wachstumsperspektive – Unternehmen aus Branchen wie Technologie, Pharma, aber auch defensiver Konsum waren stark gefragt, Value Titel wie Energieunternehmen oder Banken hatten das Nachsehen. Aktuell kommen jedoch einige Faktoren zusammen, die für Value bzw. Zyklik sprechen: wieder anziehendes Wirtschaftswachstum, gepaart mit steigenden Unternehmensgewinnen, eine deutliche Untergewichtung von Value Titeln in den Portfolien der Investoren und natürlich eine deutlich günstigere Bewertung. Dass die Phasen der Outperformance von Value in der jüngeren Vergangenheit nur von kurzer Dauer waren, war unter anderem dem niedrigen Zinsniveau geschuldet. Sollten die Zinsen – einhergehend mit einer verbesserten Konjunkturlage – doch mal wieder steigen, könnte dies die Value-Rally deutlich unterstützen.

Blickt die Börse aktuell zu positiv auf die Pandemie?

Grundsätzlich schaut die Börse stets nach vorne und im Moment wird eine baldige Erholung der Unternehmensergebnisse eingepreist. Man sollte auch das Strukur-Argument nicht außer Acht lassen: Der amerikanische S&P 500 beispielsweise besteht zu über 50 Prozent aus Unternehmen, die den Bereichen Info-Tech, Kommunikationsdienste und Gesundheitswesen angehören – also Branchen, deren Unternehmen zu den sogenannten Krisengewinnern gehören oder die Krise zumindest sehr gut gemeistert haben. Die besonders negativ von der Pandemie betroffenen Branchen haben letztlich nicht das große Gewicht und daher nur einen begrenzten Einfluss auf Indexebene. Dies erklärt die sehr gute Entwicklung des amerikanischen Aktienmarkts im Vergleich zu anderen, strukturell anders aufgestellten Indizes.

Auch wenn ein Corona-Impfstoff nun greifbar scheint, vor Rückschlägen ist man nicht gefeit. Wie groß ist die Gefahr eines „Enttäuschungscrashs“?


Es kann im Zusammenhang mit dem Impfstoff durchaus zu Enttäuschungen kommen. Wenngleich die Daten zu Wirksamkeit und Sicherheitsprofil bis jetzt ermutigend waren, fällt es dennoch schwer, eine finale Einschätzung zu treffen. Denn hinsichtlich der Dauer der Immunität, längerfristiger Nebenwirkungen, Verteilung, Transport, oder auch der Impfbereitschaft gibt es noch einige Fragezeichen. Insofern wird uns ein gewisses Volatilitätsniveau wohl erhalten bleiben, was ja auch Chancen bietet.

Die Bewertungen vieler Aktien scheinen immens.

Wir haben zuletzt eine Ausweitung der Multiples beobachtet. Im nächsten Schritt sollten die Unternehmen liefern und diese Vorschusslorbeeren über steigende Gewinne bestätigen.

Welche Risiken sehen Sie?

Sollte sich das Infektionsgeschehen weiter ausbreiten und/oder die von Ihnen genannten Rückschläge rund um den Impfstoff auftreten, besteht die Gefahr einer Verzögerung der wirtschaftlichen Erholung; in diesem Fall könnte das Sentiment schnell kippen. Ein weiteres Risiko besteht in der zunehmenden weltweiten Verschuldung, die durch die Pandemie nochmal deutlich verschärft wurde.

Wie können sich Anleger absichern?


Ein breit diversifiziertes Portfolio ist hier sicher ein guter Ratgeber. Als Absicherung verlieren Staatsanleihen im Niedrigzinsumfeld zunehmend an Bedeutung, während Gold eine größere Rolle spielt.

Kommt jetzt die Zeit für konservative Dividendentitel?

Dividendentitel hatten es in der jüngeren Vergangenheit zum Teil schwer. Denken Sie beispielsweise an Banken oder an Energieunternehmen. Über das Potenzial von Value Aktien hatten wir bereits gesprochen. Grundsätzlich wird das Thema dividendenstarke Aktien weiterhin für viele Investoren, die auf Ausschüttungen angewiesen sind, beispielsweise für Stiftungen, eine wichtige Rolle spielen.

Bleibt Gold als Allzweckwaffe?

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Goldpreis nicht nur eine Richtung kennt. Gerade in ausgeprägten „Risk on“-Phasen leiden solche als sichere Häfen geltenden Anlagen. Dennoch spielt Gold im Gesamtportfoliokontext eine wichtige Rolle.

Sollten sich Anleger eher außerhalb Europas umsehen?


Europäische Aktien haben US-amerikanische Aktien seit Jahren underperformt. Zuletzt wurde von einigen Strategen die Renaissance von Europa ausgerufen. In der Tat spricht derzeit Vieles für europäische Aktien. Grundsätzlich geht jedoch in einem ausgewogen aufgestellten Portfolio kein Weg an US-Titeln vorbei. Gleiches gilt übrigens für Aktien aus den Emerging Markets. Wir haben in unseren Portfolien zuletzt den Anteil insbesondere an asiatischen Schwellenländern erhöht. Das zuletzt geschlossene asiatische Freihandelsabkommen RCEP unterstreicht die Ambitionen und die Bedeutung der Region.

In welchen Branchen sehen Sie kurzfristig das meiste Potenzial?

Wie bereits besprochen kann sich die Style-Rotation von Growth zu Value beziehungsweise Zyklik noch fortsetzen. Unternehmen aus den Branchen Rohstoffe, Energie, Finanzen sollten dann weiter performen. Technologieunternehmen, die strukturelle Wachstumsthemen bedienen, bleiben jedoch weiterhin interessant.

Welche Auswirkungen erwarten Sie sich vom anstehenden Wechsel im Weißen Haus auf die Märkte?

In Summe sollten aus Kapitalmarktsicht unter einem Präsidenten Biden die positiven Aspekte überwiegen. Die USA werden als Partner wieder ein Stück weit berechenbarer, verlässlicher, seriöser. Dies gilt natürlich insbesondere beim Thema Handelszölle. Aus Marktsicht negative mögliche Faktoren wie Steuererhöhungen und wieder zunehmende Regulierung stehen den oben genannten Aspekten gegenüber. Spannend wird es nochmal Anfang Januar, wenn sich in Georgia entscheidet, ob der Senat blau oder rot werden wird.

Wo sehen Sie den DAX Ende des Jahres?


Eine punktgenaue Prognose ist natürlich kaum zu treffen. Basierend auf unserem positiven Ausblick trauen wir dem DAX jedoch zu, noch ein paar Punkte zu klettern und das Jahr mit einer leicht positiven Performance zu schließen.

Die Fragen stellte: Oliver Götz

Lesen Sie auch: Großer Ausblick: Was Anleger 2021 erwartet

02.12.2020 | 14:14

Artikel teilen: