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Der ewige Preisk(r)ampf

Man sagte mal: Wer gut schlafen will, sollte Anleihen besitzen – wer gut essen möchte, dagegen Aktien. Mag was dran gewesen sein, als es noch die guten alten Zeiten gab, in denen Staatsanleihen sicher waren und das Wünschen noch geholfen hat.

BÖRSE am Sonntag

Man sagte mal: Wer gut schlafen will, sollte Anleihen besitzen – wer gut essen möchte, dagegen Aktien. Mag was dran gewesen sein, als es noch die guten alten Zeiten gab, in denen Staatsanleihen sicher waren und das Wünschen noch geholfen hat.

Da die Welt bekanntlich komplett aus den Fugen ist, stimmt auch diese Weisheit nicht mehr: Wer gern gut essen möchte, braucht keine Aktien, ja nicht einmal Anleihen und womöglich irgendwann kein Portemonnaie mehr. Die Preise für Lebensmittel sind europaweit am niedrigsten in Deutschland. Und sie fallen weiter. Wir erleben eine Supermarkt-Deflation, die sich gewaschen hat. Es sind natürlich die üblichen Verdächtigen, die sich das Rennen um die Spitze liefern – Aldi und Lidl.

Der Verbraucher hat das Sagen, so formuliert es ungewöhnlich vorsichtig Rewe-Chef Alain Caparros, und meint doch nichts anderes als: Am Regal und an der Kasse bestimmt der Kunde, was er zahlen will. Doch selbst wenn er Salat und Früchte kauft: Es bleibt ungesund, was da vor sich geht. Wie kommt eine Salatgurke für 29 Cent vom Erzeuger zum Verbraucher? Schon eine fünfminütige Beschäftigung mit dem Gewächs übersteigt an Arbeitskosten den Endertrag. In der abgelaufenen Woche hat Rewe seine Bilanz vorgelegt, der Umsatz wuchs um 2,2 Prozent – der Gewinn ebenfalls.

Mit Gurken jedenfalls hat die Truppe das nicht geschafft. Erlebnisgastronomie im Laden, neue Vertriebsformen und Lieferservices haben da schon eher geholfen. Dennoch: Die immer wieder aufblitzenden Skandale im Lebensmittelsektor, falsch deklarierte Bio-Eier und mehr Wein aus einem Anbaugebiet, als dort jemals wachsen könnte, zeigen, dass der Markt krank ist. Nun kann man kaum erwarten, dass der Kunde freiwillig an der Kasse mehr hinlegt als verlangt wird. Auch beklagt sich natürlich niemand, es sei denn der Kaufmann, aber derzeit nicht einmal der: „Sehr zufrieden“ zeigte sich der Rewe-Chef bei der Zahlenvorlage.

Das kann nicht wahr sein. Wenn man sich solche Scharmützel ansieht, wie sie zum Beispiel Lidl kürzlich mit Coca-Cola ausfocht – erst Auslistung, dann wieder Einigung –, bekommt man als Außenstehender einen kleinen Blick durch die Gardine, die diese Branche vor ihr Geschäftsgebaren gezogen hat. „Gnadenlos“ ist da nur ein schwaches Wort. Schon oft gesagt, aber dadurch nicht unwahr geworden: Der Sparfuchs bekommt genau die Sorte Qualität, die er erwarten darf – Geschmacksfreie Tomaten, Fertiggerichte mit allerlei drin, was zwar essbar ist, aber mehr auch nicht, und aromatisierte Erdbeerjoghurts mit Früchtchen, denen die Sonne nie gelacht hat.

Vielleicht ist das gute Essen heute demokratischer geworden, die Zufuhr an Nährstoffen ist überhaupt nicht mehr vergleichbar mit jenem, das einem Arbeiter vor fünfzig Jahren noch erschwinglich war. Gleichzeitig aber finden sich in der Nische jene Anbieter, die vor einigen Jahrzehnten noch den Standard setzten: Feinkostgeschäfte, die einer betuchten Kundschaft zumindest in den Städten alles bieten, was hohe Kunst in der Landwirtschaft und Gastronomie so erschaffen kann. Wenn man die Entwicklung allerdings gut findet, dann sollte sich die Frage stellen: Warum nur funktioniert der Wettbewerb im Lebensmittelhandel so dramatisch gut, in so vielen anderen Bereichen aber offenbar  nicht?  Oder hat man je von gnadenlosem Preiskampf unter Autowerkstätten gehört?