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„2008“ ist nicht „1929“

Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse Allianz Global Investors

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Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse Allianz Global Investors

Stehen wir vor dem zweiten 1929 – der schwersten Finanzkrise im letzten Jahrhundert, auf die dann eine jahrelange Rezession folgte? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein – aus unserer Sicht lässt sich „2008“ nicht mit „1929“ vergleichen.

Im Gegenteil : Wir allen profitieren sogar von 1929, denn die Staatengemeinschaft hat aus den gravierenden Fehlern von damals gelernt und tut offensichtlich alles, um sie nicht wieder zu begehen. Die Maßnahmenbündel sind umfassend: Es beginnt bei der Geldpolitik, setzt sich fort in Sicherheitsnetzen für das Finanzsystem und wird mit umfangreichen Konjunkturpaketen abgerundet.

Aufräumarbeiten haben begonnen

Vor allem die US-amerikanische und die europäischen Regierungen spannten umfangreiche Sicherheitsnetze für die Finanzmärkte, während die Zentralbanken rund um den Globus gleichzeitig mit weiteren Maßnahmen die Liquiditätsbrücken am Geldmarkt verstärkten und Zinsen senkten. Zusätzlich zu Garantien, der in Aussicht gestellten Übernahme schlechter Kredite und Geldmarktoperationen kam es auch zu direkten Hilfen beim Eigenkapital für Banken.

Während bei der Finanzkrise die „Aufräumarbeiten“ begonnen haben, vollzieht sich momentan der Schwenk zu einer daraus resultierenden Rezessionsangst. Die Folge: Die Gewinnerwartungen für die kommenden Quartale wurden und werden gesenkt. Die im Verlauf der Berichtssaison zum dritten Quartal gegebenen Ausblicke der Firmen und die schwächeren Stimmungsindikatoren gaben Anlass genug dazu. Tatsächlich dürfte der Weg zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad steinig sein, aber nicht zuletzt die aus dem Jahr 1929 gezogenen Lehren lassen erwarten, dass es einen Wiederaufstieg und keinen Absturz gibt. Dazu sollten auch die Konjunkturpakete beitragen. Jüngstes Beispiel: Das Konjunkturpaket Chinas, das mit einem Volumen von rund 460 Milliarden Euro dem Zwanzigfachen dessen entspricht, was für die Bundesrepublik vorgesehen ist.

Was heißt das für die taktische Allokation?

Auch wenn das Aufräumen voran geht, liegt der Fokus der Marktteilnehmer zunehmend auf Konjunkturindikatoren, welche auch in den kommenden Wochen auf eine wirtschaftliche Abschwächung hinweisen. Auch wenn die Gewinnerwartungen in diesem Umfeld weiter zurückgenommen werden, sollten zwei Faktoren stützend wirken: Das Stimmungsbild, dass die Bären längst in der Überhand sieht, und die Bewertungen. Im Vergleich der aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnisse mit deren langfristigen Durchschnitten zeigt sich, dass Gewinnrückgänge von bis zu 40% für das kommende Jahr bereits in den Kursen vorweggenommen werden.

Vor diesem Hintergrund lautet die Empfehlung: Trotz einer taktischen Untergewichtung von Aktien sollten Anleger noch bis zum Jahresende – also unter Berücksichtigung der ab 2009 wirkenden Abgeltungssteuer – die Chancen nutzen und ihre persönliche Aktienquote unter langfristigen Aspekten ausbauen. Als Faustformel für diese Quote gilt „100 minus Lebensalter“.

Auf jeden Fall sollten Spareinlagen überprüft werden. Die Leitzinsen der Zentralbanken befinden sich im Sinkflug, und die außergewöhnlich hohen Risikozuschläge dürften über die nächsten Wochen schrumpfen. Die Finanzierungskosten der Banken sinken also und es besteht für sie kein Grund mehr, die Sparer mit hohen Zinsen auf ihre Spareinlagen zu locken. Wer gute Bonität sucht, wird bei Staatsanleihen fündig. Interessant sind hier derzeit vor allem europäische Titel, da die Preisspannen von beispielsweise italienischen oder französischen Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen über dem sonst üblichen Niveau liegen. Daraus ergeben sich Renditeunterschiede, die von Anlegern taktisch genutzt werden können. Hat nicht der ehemalige Präsident Franklin D. Roosevelt Recht, als er sagte, „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst“?

Recht hat er, meint Ihr Hans-Jörg Naumer

25.11.2009 | 00:00

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