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Gemischte Signale für den Aktienmarkt

Deutsche Bank

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)


Die Berichtssaison hat begonnen. Wohin man dieser Tage als Anleger auch schaut, überall nur sinkende Unternehmensgewinne. Die kommenden Wochen werden es zeigen: Gelingt es den Unternehmen, den Trend von vier negativen Quartalen in Folge zu stoppen? Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, analysiert.

 

Wohin man dieser Tage als Anleger auch schaut, überall nur sinkende Unternehmensgewinne. Zwar steht die Berichtssaison für das 2. Quartal 2016 sowohl in den USA als auch in Europa und Japan noch am Anfang. Im Vergleich zum Vorjahresquartal erwarten die Analysten jedoch für den Stoxx 600 einen Gewinnrückgang pro Aktie von elf Prozent, im japanischen Topix ein Minus von 7,5 Prozent und für den S&P 500 rund 4,8 Prozent weniger. Die kommenden Wochen werden also zeigen, ob es den Unternehmen gelingt, den Trend von vier negativen Quartalen in Folge zu stoppen.

Das fundamentale Umfeld spricht derzeit nur bedingt für den Aktienmarkt – zumal gleichzeitig zu den sinkenden Gewinnaussichten der Unternehmen die geopolitischen Risiken immer weiter zuzunehmen scheinen: Gerade schien mit dem Brexit-Votum der Briten zumindest ein Unsicherheitsfaktor beseitigt, da kommen andere Themen auf die Agenda – etwa die unüberschaubare Lage in der Türkei oder die anstehende Senatsreform in Italien, an deren Ausgang der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi seine politische Zukunft geknüpft hat. Auch wenn risikobereite Anleger trotz dieser Gemengelage aufgrund des niedrigen Zinsniveaus noch immer in Aktien drängen und damit die Kurse treiben könnten: In der Gesamtschau dürfte die Luft nach oben für die internationalen Aktienmärkte vermutlich dünner werden.

Solange sich weder die Gewinne erholen noch die politische Situation sich beruhigt, dürfte das Potenzial der Aktienmärkte insgesamt begrenzt bleiben. Zwar erscheinen beide Entspannungsszenarien möglich, klare Signale dafür sind derzeit jedoch nicht zu erkennen. Für Anleger erscheint es daher aktuell umso wichtiger, ihren Blick noch intensiver auf einzelne Branchen und Regionen zu richten, statt den Gesamtmarkt zu betrachten.

So könnten defensive Aktien, beispielsweise aus der Konsumgüterbranche, derzeit eine Anlagemöglichkeit darstellen. Sie verfügen im Vergleich zu zyklischen, also konjunkturabhängigeren Titeln zwar nicht über deren Kurspotenzial in „guten“ Marktphasen, könnten dafür jedoch vergleichsweise stabile Erträge auch in eher unsicheren Märkten bieten, zum Beispiel durch Dividendenzahlungen. Insbesondere in Zeiten niedriger Zinsen ist das ein gewichtiges Argument, zumal weder in den USA noch in Europa oder Japan von einem schnellen und starken Zinsanstieg auszugehen ist.

Doch auch defensive Aktien sind differenziert zu betrachten – insbesondere im Hinblick auf die einzelnen Anlageregionen. So hat beispielsweise der europäische Aktienmarkt – maßgeblich getrieben durch die Verunsicherung hinsichtlich der politischen Lage in Europa – bereits seit Jahresanfang mit zum Teil deutlichen Kapitalabflüssen zu kämpfen. Nach den Rekordzuflüssen im Jahr 2015 sind allein in den vergangenen zwei Wochen Abflüsse in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar zu beobachten gewesen. Gleichzeitig verbuchte der US-Aktienmarkt ein Kapitalplus von rund 16 Milliarden US-Dollar.

Für Aktienanleger ist es derzeit nicht einfach, bei all den politischen Unsicherheiten und durchwachsenen Unternehmensaussichten den richtigen Raum für ein Investment zu finden. Es könnte daher sinnvoll sein, nach Anlagenischen zu suchen, die sich auch in schwierigen Marktphasen bewähren könnten. Eine Möglichkeit dafür sind defensive Dividendentitel etwa aus den USA, mit denen Anleger aus dem Euroraum – bei entsprechenden Risiken – zudem von Währungschancen profitieren könnten. Nämlich dann, wenn der US-Dollar in den kommenden Monaten, wie von der Deutschen Bank erwartet, tatsächlich weiter aufwerten sollte.

 

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

29.07.2016 | 16:42

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