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Globale Märkte ohne klare Richtung


Wer am 6. Juni 2014 die Zeitung aufschlug, konnte gleich mehrere historische Ereignisse bestaunen: der 10.000 Punkte DAX-Rekord, die EZB-Leitzinssenkung auf ein Allzeittief und natürlich die Vorberichte zur 70-Jahr-Feier anlässlich der Landung alliierter Truppen in der Normandie.

Hier dominierten Spekulationen über ein mögliches Treffen der Präsidenten Wladimir Putin und Barack Obama im Kontext der Ukraine-Krise. Drei Ereignisse mit höchster Relevanz für Anleger an nur einem Tag. Die Kapitalmärkte haben derzeit viel zu verarbeiten.

Geopolitisch sind aktuell keine Annäherungen in Sicht. Der Nahost-Konflikt, die andauernde Ukraine-Krise sowie die instabile Lage in Syrien und dem Irak dürften die Anleger weiter verunsichern. Einen positiven Einfluss auf die Kapitalmärkte sollte indes die globale Konjunkturentwicklung haben. Der langfristige Erholungstrend in den bedeutenden Wirtschaftsregionen ist weiterhin intakt – von Ort zu Ort allerdings mit unterschiedlicher Dynamik. Während die Eurozone vergleichsweise moderat wächst, weisen Asiens Schwellenländer immer noch hohe Wachstumsraten auf. Und auch die USA konnten mit einem BIP-Plus von vier Prozent für das zweite Quartal eine deutliche Schippe drauflegen.

Das klingt vielversprechend, sollte aber nicht zu Euphorie verleiten. Rückschläge wie im ersten Quartal 2014 sind nie auszuschließen, auch wenn dieser unerwartete Einbruch in den USA zum Teil dem strengen Winter geschuldet war. Mittel- und langfristig – das belegen auch die jüngsten BIP-Zahlen zum zweiten Quartal – sollte die US-Wirtschaft ihren Wachstumskurs jedoch wieder aufnehmen: Der Einkaufsmanagerindex zum Beispiel erreichte im Juli einen Wert von
57,1 Punkten – deutlich über der Wachstum signalisierenden 50-Punkte-Marke.

Gemischt ist die Lage indes in der Eurozone. Laut Eurostat stieg das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2014 nur um 0,2 Prozent. Anders als in den USA war dafür allerdings nicht das Wetter verantwortlich. Vielmehr gelingt es großen Mitgliedsländern wie Frankreich und Italien bisher nicht, den Spagat zwischen Konsolidierung und Wachstum zu meistern. Nur Deutschland konnte mit einem Plus von 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal wirklich überzeugen. Ob Deutschlands Stärke allein die Eurozone allerdings auf lange Sicht stützen kann, bezweifele ich. In Asien richten sich die Blicke aktuell vor allen Dingen auf Indien, China und Japan. Alle drei Schwergewichte verbindet die Notwendigkeit von Strukturreformen: Kommen sie, sieht es für die konjunkturelle Entwicklung meiner Meinung nach gut aus.

Geldpolitisch bereitet mir die jüngste EZB-Leitzinssenkung auf 0,15 Prozent Sorge – sie dürfte den notwendigen Reformdruck in den Euroländern weiter sinken lassen. Herausforderungen wie rückläufige Inflationsraten, schwache Kreditvergabe und stockende Konjunktur lassen sich nicht allein durch niedrige Zinsen lösen. Neben Strukturreformen bedarf es auch weiterer Fortschritte bei der Ausgestaltung der Bankenunion – für mich ein zentraler Punkt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Erholung in der Eurozone. Kurzfristig könnte sich die jüngste EZB-Entscheidung dagegen über den Wechselkurs positiv auf den europäischen Export auswirken. Trotz aller Herausforderungen an den Kapitalmärkten sehe ich nach wie vor Möglichkeiten für Anleger – es dürfte in diesem Jahr nur etwas schwerer fallen, sie zu finden. Anleger sollten sich daher im Klaren sein, wie sie schnell reagieren können, wenn ihre ursprüngliche Marktmeinung nicht eintritt.

Kolumne von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank

13.08.2014 | 11:56

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