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Börsenampel auf dunkelgelb: Droht der nächste Crash?

(Bild: Shutterstock)



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Noch nie ist die Zahl der jungen Anleger, die ihr Geld an der Börse investieren, so stark nach oben geschnellt wie jetzt. Doch die neue Generation investiert in eine Blase. Und zum Wesen der Blase gehört, dass sie platzt.

Die Börsenwelt ist aus den Fugen: Corona belastet die Weltwirtschaft und teilt sie in rauschende Gewinner und sagenhafte Verlierer. Aber an der Börse, da tummeln sich offenbar nur die einen – die, die dauernd gewinnen. Seit dem Corona-Crash im März vergangenen Jahres kennen die Börsenkurse jedenfalls nur eine Richtung: steil nach oben. Das wiederum zieht eine Generation von Anlegern an, die das schnelle Geld an der Börse suchen und bisher finden. Die noch nie einen Crash erlebt haben und an den immerwährenden Bullenmarkt glauben. Die Zahl der Aktionäre, so hat das Deutsche Aktieninstitut gezählt, ist im vergangenen Jahr um 2,7 Millionen in die Höhe geschnellt. Jeder Sechste hierzulande sei im Besitz von Aktien, Fonds oder ETFs – das gab es zuletzt 2001. Besonders die Gruppe der unter 30-Jährigen war im Corona-Jahr sehr aktiv. Fast 600.000 junge Erwachsene wagten den Schritt auf den Aktienmarkt – eine Steigerung von knapp 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Sie alle lockt die Riesenwelle, oder das, was Profis wie Frank Klumpp, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg, die „Geldflut der Notenbanken“ nennen. Sie führe, sagt Klumpp, zu einer „rationalen Blase“, was an sich ein Widerspruch in sich ist: Denn Blasen sind Übertreibungen und damit das Gegenteil von rational. Was der Stratege meint, ist, dass es durchaus gewinnbringend sein kann, in eine Blase zu investieren. Solange sie noch wächst. Allerdings müssen Anleger rechtzeitig wieder aussteigen. Denn zum Bild der Blase gehört das Platzen genauso wie der Knall zum Luftballon. Wann kommt der Knall?

Ein Blick auf die Indizes zeigt, wie stark die Kurse innerhalb der letzten elf Monate gestiegen sind. Der S&P 500 hat insgesamt 75 Prozent zugelegt, der deutsche Leitindex Dax rund 65 Prozent und der Nasdaq-100 sogar 90 Prozent. Abgesehen von einem ähnlich raschen Anstieg im Jahr 1932 – damals ging es 78 Prozent an der US-Börse bergauf – ist diese Rally beispiellos. Wo Bewegung ist entsteht Reibungswärme. Wo viel Bewegung ist entsteht Hitze: Die Aktienmärkte sind überhitzt wie seit langem nicht.

Insbesondere mit Technologiewerten wie Amazon, Microsoft, Apple, Alphabet und Tesla konnten Anleger in den vergangenen Monaten viel Geld verdienen. Mit Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) warnen viele Experten aber vor deutlichen Überbewertungen. Der Nasdaq-100 ist mit einem KGV von 40 bewertet – und damit weit vom langjährigen Durchschnitt von 21 entfernt. „Die absolut hohe Bewertung wird bei Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 30 und mehr immer problematischer“, konstatiert Beat Thoma, Chefanlagestratege der schweizerischen Fisch Asset Managament. Auch andere Indizies wie der weniger tech-lastige S&P500 oder der breite MSCI World IT weisen im historischen Vergleich sehr hohe Bewertungsniveaus auf. Besonders bedrohlich wirken Niveaus von Einzeltiteln wie Amazon. Der US-Technologieriese hat derzeit ein KGV von knapp 80.

Geht es also nach dem KGV steht die Ampel auf Dunkelgelb. Aber es gibt auch andere Warnsignale. Beispielsweise der Buffet-Index, der aussagen soll, ob die Aktienmärkte zu einem gegebenen Zeitpunkt eher unter- oder überbewertet sind. Die Rechnung ist einfach: Der Index setzt die Gesamt-Marktkapitalisierung aller börsennotierten Unternehmen mit Hauptsitz in den USA, hier abgebildet durch den Wilshire 500 Index, in das Verhältnis zum BIP des Landes. Liegt das Ergebnis über 100 Prozent, haben sich die Börsenbewertungen stark von der Wirtschaftskraft entfernt. Derzeit liegt der Buffett-Index bei 200 und ist damit besonders hoch. Kritiker des Buffett-Indikators wie Invesco-Chefökonom John Greenwood monieren hingegen, dass diese Rechnung nicht mehr zeitgemäß sei. Das Bewertungsinstrument sei zu ungenau. So würden in das US-BIP keine Umsätze und Gewinne mit hineingerechnet, die US-Unternehmen im Ausland erzielen würden, weshalb Greenwood zusammenfasst: „Wer die Marktkapitalisierung von US-Aktien dem nominalen BIP der USA gegenüberstellt, vergleicht also Äpfel mit Birnen". Der unnachahmliche Mr. Buffet würde wahrscheinlich entgegnen: „Und wie bitte sollen Unterschiede herausgearbeitet werden, wenn nicht anhand von Äpfel und Birnen?“

Insgesamt gilt: Die Kurse sind hoch. Verdammt hoch – allerdings noch nicht so hoch wie zur Zeit der Dotcom-Blase. Die CBOE Equity Options Put-Call-Ratio gibt das Verhältnis von gehandelten Verkaufsoptionen zu Kaufoptionen an. Je geringer der Wert, desto größer der Optimismus der Anleger. Aktuell liegt die Ratio bei 0,4 – viele Investoren wetten also auf weiter steigende Kurse.

Und zu ihnen gehören auch die Kleinaktionäre, von denen das Aktieninstitut so viele neue gezählt hat. Insgesamt waren es 2020 ziemlich genau 12,4 Millionen Deutsche, die sich an den Börsen tummeln. Entsprechend schnellten auch die Handelsvolumina nach oben. Das begeistert allerdings nicht jeden. Der Schweizer Beat Thoma warnt: „Diese breite Masse birgt erhöhtes Panik- und damit Rückschlagpotenzial.“ Vorsichtige Menschen wie er notieren bereits Anzeichen für irrationale Exzesse.

Jüngstes Beispiel: der extreme Preisanstieg bei Bitcoin, der vor allem von Privatanlegern getrieben wird. Anfang 2019 war die Kryptowährung noch für rund 3.300 Euro zu haben, mittlerweile kostet ein Bitcoin fast 42.000. Auch sogenannte Special Purpose Akquisition Companies (SPAC) werfen große Fragezeichen auf. In den USA sind die leeren Unternehmensmäntel, in die erst mit der Zeit echte Firmen schlüpfen sollen, schon heute der letzte Schrei. 2020 fanden 250 IPOs mit diesen Börsenvehikeln statt. Nun schwappt die Welle auch nach Deutschland. Das Problem: Anleger, die in einen solchen SPAC investieren, wissen gar nicht so genau, worein sie investieren. Sie wissen beim Börsengang nur, nach welchen Kriterien das zu kaufende Unternehmen ausgesucht wird, also aus welcher Branche es stammt oder welchem Trend es folgen soll – zum Beispiel E-Mobilität, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit.

Und dann ist da noch etwas: In den vergangenen Jahren sind die Renditen von Anleihen immer weiter gesunken, die Inflationsraten fielen extrem niedrig aus. Die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken, vor allem der massenhafte Ankauf von Anleihen, hat deren Renditen noch weiter gedrückt. Für Aktien, aber auch Immobilien, war das ein sehr günstiges Umfeld.

Doch auch diese Entwicklung hat keinen Ewigkeitswert. Die Sorgen vor einer Wende zu steigenden Zinsen und höherer Inflation wachsen. Denn tatsächlich gibt es erste Signale in diese Richtung: Vorprodukte verteuern sich, Lieferengpässe bei Microhips kommen hinzu. Gründe für den Lieferengpass sind beispielsweise Rohstoff-Mangel oder geopolitische Spannungen zwischen China und den USA. Eines der wichtigsten Industriemetalle, Kupfer, erreicht ein Neun-Jahres-Hoch. Der Ölpreis hat sich von seinem Coronaschocktief im Frühjahr 2020 bald vervierfacht. Die Preise an den Tankstellen explodieren gerade.

Und auch wenn US-Notenbankchef Jerome Powell mit seinem jüngsten Versprechen, die Fed werde auf absehbare Zeit an ihren Wertpapierkäufen festhalten, den nervösen Markt vorerst beruhigen konnte, bleiben grundlegende Sorgen bestehen: Steigende Staatsschulden und eine anziehende Inflation könnten den Kurs von US-Staatsanleihen weiter drücken und deren Renditen damit steigen lassen. Die Märkte haben sich an eine immer weitere Lockerung der Geldpolitik gewöhnt. Vor diesem Problem stehen Powell und seine Notenbankkollegen jetzt. Sie wissen: Die Entwicklung geht so nicht immer weiter. Aber nichts ist so schwierig wie auf der Schussfahrt zu wenden. Ein Kurswechsel führt garantiert zu schweren Turbulenzen an den Märkten. Der Crash wäre nicht zu vermeiden. Er würde eine Generation enttäuschter Jungaktionäre hinterlassen.

FS

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26.02.2021 | 08:59

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