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„Dieser Shutdown ist ein Experiment“

"Es ist eine völlig neue Situation, weil wir mit nicht gekannten Maßnahmen darauf reagieren müssen. Dieser Shutdown ist ein Experiment, bei dem man nicht genau weiß, was dabei am Ende rauskommt. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen wird."


Der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher kritisiert im exklusiven Interview die fehlende Versorgungsstrategie der Bundesregierung, erklärt, warum Ökonomen derzeit im Nebel stochern und wie eine Finanzkrise noch verhindert werden kann.

BÖRSE am Sonntag: Ihnen als Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung muss ganz schön mulmig werden, wenn Sie auf die aktuelle Unordnung der Weltwirtschaft blicken…

Marcel Fratzscher: Ja, da ist etwas, das noch nie dagewesen ist – es gibt keinen Vergleich. Natürlich werden immer Vergleiche herangezogen, zum Beispiel die globale Finanzkrise 2008. Diese Krise war aber anders. Die große Depression 1929 bis 1933 lässt sich auch nicht vergleichen, ebenso wenig wie die Spanische Grippe oder der Weltkrieg. Egal wie Sie es drehen und wenden: Es ist eine völlig neue Situation, weil wir mit nicht gekannten Maßnahmen darauf reagieren müssen. Dieser Shutdown ist ein Experiment, bei dem man nicht genau weiß, was dabei am Ende rauskommt. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen wird. Und das bedeutet auch, dass jede wirtschaftliche Prognose Stochern im Nebel bedeutet. Das sind lediglich Wenn-Dann-Analysen, aber es ist unmöglich, eine Prognose für die nächsten zwei oder fünf Jahre zu errechnen.

Wie bewerten Sie die jüngsten Lockerungen von Bund und Ländern?

Ich halte die Entscheidung der deutschen Politiker für klug. Ich halte sie für klug, weil sie ehrlich eingestehen, dass große Unsicherheit existiert. Außerdem bewahren sie sich Flexibilität. Zu sagen „wir fangen am 4. Mai erstmal an und dann muss man sehen wie es weitergeht“ ist ein gutes Vorgehen. Klar, sehnen sich alle nach Sicherheit, aber diese Sicherheit kann einem keiner in dieser Krise geben. Die Entscheidung ist vorsichtig, klug und lässt Raum für Flexibilität. Viele Menschen wünschen sich zwar, dass es schneller ginge, aber eine zweite Infektionswelle wäre dramatisch. Ein erneutes Runterfahren der Wirtschaft wäre nämlich nicht im Interesse der Unternehmen, und auch nicht der Bürgerinnen und Bürger.

Welche Teile der Wirtschaft sollten denn jetzt als nächstes wieder aktiviert werden?

Ich glaube, man darf diese Frage nicht primär aus Sicht der Wirtschaft beantworten. Letztlich muss man gewährleisten, dass ein Hochfahren der Wirtschaft von Dauer wäre – zumindest muss dieser Ausblick gegeben werden. Ein Manko der politischen Antwort ist sicher, dass es keine ausreichend gute Strategie zur Vorsorge gibt, siehe Maskenpflicht, Testverfahren und Tracking. Also wie kann überhaupt sichergestellt werden, dass es nicht zu neuen Ansteckungswellen kommt. Menschen und Unternehmen müssen wissen, wie sie sich verhalten können. Regeln, auf die sich Unternehmer und Bürger einstellen können, sind da ganz wichtig. Das sind dringende Punkte, die verbesserungswürdig sind. Was Unternehmen und die möglichen Lockerungen angeht, bin ich im Hinblick auf eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Branchen sehr vorsichtig. Ich halte es für sehr problematisch einzelne Branchen – abgesehen vom Medizinsektor und der Grundversorgung – als besonders wichtig, andere als weniger wichtig zu klassifizieren. Alle Teile der Wirtschaft sind wichtig und haben ihre Existenzberechtigung. Es muss gelingen, die Wirtschaft möglichst breit wieder hochzufahren – wenn auch mit Auflagen und Restriktionen.

Wieviel Menschen könnte die Krise ihren Job hierzulande kosten?

Das wissen wir nicht. Im Augenblick sind die Zahlen noch relativ gering, weil extrem viele Menschen auf Kurzarbeit gesetzt wurden. Das wird wahrscheinlich nicht so bleiben. Nicht alle Unternehmen werden diese Krise überleben. Wie stark die Arbeitslosigkeit steigen wird hängt von dem Szenario ab: Rechnen wir mit einem optimistischen Szenario, einem V  – also einem sehr starken Einbruch und einer rapiden Erholung in den kommenden Monaten – oder gehen wir von einem U, oder sogar einem L – also einem langen Einbruch – aus? Da kann Ihnen derzeit niemand eine verlässliche Prognose geben. Klar ist, die Arbeitslosigkeit wird steigen. Denn ich befürchte, dass nicht alle Jobs mithilfe von Kurzarbeit gerettet werden können.

Welches Szenario halten Sie denn für wahrscheinlich?

Ich halte ein sogenanntes U-Szenario für wahrscheinlich. Ich gehe also davon aus, dass der aktuelle Einbruch nicht im zweiten Quartal wieder komplett aufgeholt werden kann. Die Wirtschaft wird sich also nur langsam erholen, vielleicht braucht sie bis Ende nächsten Jahres. Und dann werden wir auch noch nicht auf dem Vor-Krisen-Niveau sein. Das wird noch zwei bis drei Jahre dauern.

In Deutschland haben schon 725.000 Firmen Kurzarbeit angemeldet. Rettet sie denn tatsächlich Jobs oder verschiebt sie aktuelle Probleme lediglich nach hinten?

Ich denke schon, dass Kurzarbeit Jobs rettet, vor allem bei jenen Unternehmen, die jetzt wieder hochfahren. Das wird aber nicht bei allen Betrieben so sein. Wie viele auf der Strecke bleiben könnten, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden. Das hängt in erster Linie davon ab, wie sich das Virus entwickelt und wie schnell die Wirtschaft nachhaltig wieder hochgefahren werden kann. Das kann Ihnen aber heute niemand sagen.

Unsere europäischen Nachbarn Italien und Spanien trifft die Krise aber noch viel härter. Der Vizechef der EU-Kommission Valdis Dombrovskis hat sich nun für einen 1,5 Billionen Euro schweren Fonds zum Wiederaufbau nach der Krise ausgesprochen, Deutschland und die Niederlande sind dagegen. Steht die Europäische Union einmal mehr vor einer Spaltung?

Ja, denn wir beobachten einen ständigen Richtungskampf. Die europäischen Finanzminister haben sich ja letzte Woche darauf geeinigt, dass es einen Recovery Fund, also einen Wiederaufbau-Fonds, geben soll. Man hat aber nicht festgelegt, wie groß der sein wird, wie die Gelder verteilt und wie er finanziert werden soll. Ich halte eine Größenordnung von 1,5 Billionen Euro aber durchaus für eine realistische Summe – hier reden wir von rund 13 Prozent der Wirtschaftsleistung der gesamten EU. Das ist ein ordentlicher Betrag. Aber ich befürchte, dass dieses Geld nicht länger als drei bis fünf Jahre ausreicht, um den Städten und Regionen zu helfen, die am stärksten unter der Krise leiden.

Ist es denn realistisch, wenn wir jetzt Italien und Co. mit Coronabonds wieder noch grade so über Wasser halten, dass das gut ausgeht? Irgendwann können sie Schulden wohlmöglich nicht mehr bedienen..

Es ist nicht sicher, dass alle Länder aus der Krise herauskommen. Es ist auch nicht sicher, dass Deutschland da ohne Weiteres rauskommt – das wissen wir einfach nicht. Eine Finanzkrise, eine riesige Schieflage, ist denkbar. Das beste was jetzt getan werden kann: Die Politik muss entschieden auf diese Krise reagieren. Die Bundesregierung hat den ersten wichtigen Schritt mit den Kreditgarantien gemacht – ein sehr starkes Programm. Die Logik muss sein, dass alle europäischen Länder so vorgehen können. Nur so verhindern wir eine tiefere Krise, sichern Arbeitsplätze, schützen Unternehmen vor Insolvenzen und gewährleisten eine möglichst schnelle Erholung. Und deshalb ist eine kluge Unterstützung der stark betroffenen Länder wie Italien und Spanien extrem wichtig. Nur so kann eine Schulden- oder Finanzkrise verhindert werden. Man sollte aus den Jahren 2008 bis 2013 lernen und lieber sicherstellen, dass die Staaten das Geld klug ausgeben.

Die USA verschuldet sich im Kampf gegen die Pandemie massiv. Sehen Sie eine systemrelevante Gefahr, die von dort für die ganze Welt ausgehen könnte?

Nein. Wir Deutschen haben eine Schuldenphobie, aber davon sollten wir uns jetzt mal ein bisschen befreien. In so einer Krise ist der Staat die letzte Instanz – der Einzige, der noch etwas Stabilität gewährleisten kann. Und weder die USA, noch Deutschland müssen sich Sorgen über die Staatsschulden machen. Das sollte wirklich die kleinste unserer Sorgen sein.

Wie wird sich die Globalisierung verändern?

Ich glaube nicht, dass diese Krise die Globalisierung verändern wird. Ich erwarte, dass man die globalen Handelsstreitigkeiten – Trump gegen China, Mexiko und Kanada, oder auch gegen die EU – beilegen wird. Das ist in so einer Krise wirklich das allerletzte, das man braucht. Jetzt muss man wieder aufeinander zugehen. Sicher wird man sich die Lieferketten anschauen und dafür sorgen, dass sie widerstandsfähiger werden. Aber an der Globalisierung wird sich dadurch nichts ändern – davon bin ich ganz fest überzeugt. Ganz im Gegenteil: Gegen künftige Krisen sichert man sich durch Diversifikation ab, Risiken müssen breit gestreut werden. So entstehen nicht unlösbare Probleme, nur weil einzelne Länder oder Regionen betroffen sind.

Sie gehen also nicht davon aus, dass Branchen wie die Pharmaindustrie und die Lifesciences wieder stärker nach Deutschland verlagert werden könnten?

Nein, das glaube ich nicht. Klar, kann es immer mal Einzelfälle geben. Das haben wir aber auch schon in der Vergangenheit gesehen, Stichwort Technologieentwicklung. Aber wir werden keinen systematischen Trend beobachten. Dass Produktionen jetzt wegen der Corona-Krise wieder zurückverlagert werden, halte ich für sehr abwegig.

Wohingegen die Corona-Krise Trends wie grüne Nachhaltigkeit und die Digitalisierung beflügelt, oder?

Die große Frage ist nun, wie sich die Politik entscheidet. Wird sie wieder zum Status quo ante zurückkehren, am Alten festhalten und eine Abwrackprämie für Verbrennungsmotoren verabschieden, oder wird sie diese Krise auch als Chance verstehen. Denn jetzt haben wir die Möglichkeit, Bereiche wie die Energiewende, Klimaschutz und auch die Digitalisierung entschieden voranzutreiben. Die Politik hat es in der Hand.  

Arbeiten Sie eigentlich im Home-Office?

Ja, ich sitze gerade auf der Couch, weil ich von den Tausend Video-Konferenzen eine Pause brauche..

Das Gespräch führte Florian Spichalsky

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20.04.2020 | 14:23

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