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Wie Corona deutsche Lebensversicherungen bedroht

Die Deutschen müssen wohl bald noch mehr für die Altersvorsorge zurücklegen. (Foto: Onizuka Yoshiki / Shutterstock)



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Kapitalgedeckte Vorsorge-Varianten, darunter Lebensversicherungen, werfen in diesen Zeiten kaum noch Rendite ab. Umso erstaunlicher, dass noch immer über 80 Prozent der Anlagesumme in Anleihen landet. Aktien spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Die Coronakrise erhöht den Druck auf die Altersvorsorge der Deutschen. Nicht direkt, aber über Umwege. Das geht aus einer aktuellen Studie der DZ-Bank hervor. Dass der demographische Wandel das deutsche Rentensystem mindestens heraus- und sehr wahrscheinlich überfordern wird, war schon vor der Pandemie klar. Ohne steigende Beitragssätze und vor allem deutlich höhere Bundeszuschüsse wird es auf Dauer wohl kaum gehen. Beides ginge zu Lasten der jungen Generation, genauso wie ein womöglich höheres Renteneintrittsalter. Die Coronakrise verschärft die Situation durch den massiven Anstieg der Staatsschulden nun zusätzlich. Irgendwann wird der Steuerzahler vermehrt zur Kasse gebeten werden müssen oder die Beitragssätze müssen nach oben geschraubt werden, sonst lässt sich die gesetzliche Rente in ihrer aktuellen Struktur wohl nicht mehr finanzieren.

Trotz immer niedrigerer Verzinsung, setzen deutsche Lebensversicherungen auf Anleihen

Seit Jahren gilt daher der Grundsatz: Wenn irgend möglich, dann privat mit vorsorgen. Doch ausgerechnet auf kapitalgedeckte Vorsorgevarianten, wie Lebensversicherungen, wirkt sich die Coronakrise besonders negativ aus. Das liegt freilich nicht an dem Virus selbst. Vielmehr an den infolge des Wirtschaftseinbruchs wohl auf sehr lange Zeit manifestierten Niedrigzinsen, denn die kapitalgedeckte Altersvorsorge setze „aus Vorsicht und teils aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen vor allem auf Renten“, heißt es in der DZ-Bank-Studie. Im Herbst 2019 bestanden die Kapitalanlagen von Lebensversicherungen einer Erhebung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) nach, zu 83,7 Prozent aus unterschiedlichen Anleihe-Werten. Aktien hingegen spielten mit einem Anteil von 5,1 Prozent kaum eine Rolle. Hinzu kamen sonstige Beteiligungen (6,3 Prozent), Immobilien (3,5 Prozent) und Sonstiges (1,4 Prozent). Die Rally am Aktienmarkt oder der Immobilienboom gingen und gehen also an den Lebensversicherungen vorbei, während die laufende Verzinsung für etwaige Assekuranzen in Deutschland  im Schnitt von über sieben Prozent (1996) auf rund zwei Prozent (2020) schrumpfte. Der Garantiezins sank von vier auf unter ein Prozent. Und könnte sogar noch weiter zurückgehen. Ende 2019 hat die Deutsche Aktuar-Vereinigung (DAV) der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine Absenkung auf 0,5 Prozent empfohlen. Bei der DZ-Bank geht man zudem davon aus, dass der Garantiezins von der BaFin im kommenden Jahr „sogar noch niedriger als empfohlen“ festgesetzt werden könnte.

Neue Ausgabenprogramme lassen Niedrigzinsphase gegen unendlich tendieren

Die Niedrigzinsphase währt in der Eurozone inzwischen seit zehn Jahren. Im Juli 2008 lag die Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere in Deutschland noch bei 4,8 Prozent. Danach ging es stetig bergab. 2016 wurde zum ersten Mal eine negative Durchschnittsrendite registriert. Die Europäische Zentralbank (EZB) senkte ihren Zinssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte immer weiter, aktuell bekommen Geschäftsbanken die Mittel zum Nulltarif und zahlen Zinsen an die EZB, wenn sie überschüssiges Geld bei der Notenbank lagern. Auf die Coronakrise haben die Währungshüter nun erneut mit einer Geldflut reagiert und das sogenannte Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP) beschlossen. Gesamtwert: 1,35 Billionen Euro. Ein spürbarer Anstieg des Zinsniveaus ist mit dieser erneuten, extremen Lockerung der Geldpolitik in weite Ferne gerückt. Hinzu kommen die Ausgabenprogramme von fiskalpolitischer Seite, die die Staatsschulden explodieren lassen. Ein Land wie Italien käme entsprechend schon bei geringfügigen Zinserhöhungen in arge Nöte, seine Schulden überhaupt noch bedienen zu können. Die Niedrigzinsphase, sie tendiert gegen unendlich.

Aus den zu Beginn genannten Gründen, bleibt die private Altersvorsorge dennoch das Gebot der Stunde. Jedoch gilt es wohl den Anlagemix hin zu einem höheren Aktienanteil zu überdenken. Ziel, schreibt die DZ-Bank, sollte ein „besserer Mix der Altersvorsorge sein, mit einem höheren Gewicht kapitalgedeckter Varianten und einer besseren Nutzung der Renditechancen bei Aktien“. Lebensversicherungen jedenfalls hat die Coronakrise – so wie sie derzeit funktionieren – noch einmal ein ganzes Stück unattraktiver gemacht.

OG

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16.07.2020 | 14:01

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