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Mit einer Billion den Crash aufhalten


Die Coronavirus-Epedimie schockt Chinas Wirtschaft. Der Börsencrash ist erst einmal verhindert worden mit einer gewaltige Geldspritze der Zentralbank. Doch die Realwirtschaft bricht jetzt ein, und ein Indikator läßt Schlimmes erahnen - auch für die Weltkonjunktur und die Börsen.

370 Milliarden Dollar an einem einzigen Tag verloren. Chinas Börsen haben vor einer Woche nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters eine der größten Kapitalvernichtungen aller Zeiten erlitten. Die großen Aktienindizes in Shanghai und Shenzhen sackten um 7 bis 10 Prozent ein, der Handel musste  vorzeitig beendet werden, nachdem sich die Verluste des Shanghai-Composite auf sieben Prozent aufgetürmt hatten. Diese Notbremse, ein automatischer Stopp-Mechanismus, ist erst zu Jahresbeginn in Kraft getreten, um massenhafte Panikverkäufe zu verhindern. Auch Leerverkäufe wurden untersagt. Die Zentralbank stellte den Geschäftsbanken daraufhin 1,2 Billionen Yuan (rund 156 Milliarden Euro) Liquidität zur Verfügung. Nach einer Sondersitzung unter dem Vorsitz des Gouverneurs Yi Gang gelobte die Notenbank, „jede Finanzkrise“ zu verhindern.

Die Billionenspritze zeigte Wirkung. Der Crash wurde im Wochenverlauf erst einmal aufgehalten. Doch mit Blick auf die kommenden Tage sind Analysten skeptisch. Sie warnen: Es dürfte weitere Billionen brauchen, denn die Nervosität an den Märkten ist gewaltig. Viele Anleger Asiens befürchten einen ökonomischen Großcrash Chinas und wollen raus aus ihren Investments.

Die amerikanische Großbank Morgan-Stanley warnt davor, dass die Panikverkäufe noch zunehmen dürften.
Die offizielle Erklärung der Zentralbank, dass die verfügbaren Mittel des Bankensystems damit um 900 Milliarden Yuan über dem Vergleichswert vom Vorjahr lägen, wird als demonstrativer Beruhigungsversuch interpretiert. Wenn aber eine so mächtige Zentralbank es überhaupt nötig hat, auf die Liquiditätsversorgung von Banken hinzuweisen, dann drohe eine gewaltige Schieflage. Die Standard Chartered Bank in Singapur resümiert. "Niemand weiß derzeit, wie viel schlimmer das noch werden wird.“

Die Sorge der Kapitalmärkte beruht auf den dramatischen Nachrichten infolge der Coronavirus-Epidemie. Immer mehr Konzerne - auch die großen Autobauer und Elektronikhersteller - stellen ihre Produktion völlig ein. Honda Motor, das in der Krisenstadt Wuhan drei Fabriken hat und dort rund 750.000 Fahrzeuge im Jahr produziert, hat die Fabriken geschlossen. Toyota Motor kündigte ebenfalls an, seine vier Auto-Werke und acht Fahrzeugteile-Werke in China dicht zu machen. Auch BMW hat die Werksferien in Shenyang um eine Woche bis zum 9. Februar verlängert. Rund 18.000 Mitarbeiter fertigen dort jährlich eine halbe Million Autos sowie Motoren. "Die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat oberste Priorität", teilte der Konzern mit.

Auch der Konsum bricht weiträumig ein. Kaufhäuser schließen reihenweise, McDonald's und Starbucks haben mehr als 2000 Filialen geschlossen, die schwedische Möbelhauskette Ikea hat die Hälfte ihrer 30 Filialen mit insgesamt knapp 14000 Mitarbeitern vorerst geschlossen. Selbst Google schließt alle Büros in China, Hongkong und Taiwan. Viele Airlines wie auch die Lufthansa haben ihre Flüge nach China für Wochen ausgesetzt.

Die Abriegelung ganzer Ballungsräume dürfte Chinas Konjunktur schlagartig einbrechen lassen - und damit die Weltwirtschaft mit nach unten reißen. Alleine die vier großen deutschen Autobauer Audi, VW, Daimler und BMW erzielen mehr als ein Drittel ihrer Gewinne in China. Ganze Lieferketten wichtiger Industrien brechen nun zusammen. Ein Indikator macht Konjunkturexperten und Börsianern besonders Angst: der Baltic Dry Index. Er misst die Frachtraten für Transporte auf See und gilt als guter Maßstab der weltweiten Handels- und Wirtschaftsaktivität, weil mehr als 90 Prozent des Welthandels auf dem Wasserweg abgewickelt werden. „Er zeigt ein Massaker an“, warnt ein Londoner Analyst. So ist der Index für besonders große Schiffe (Capesize), der im September noch bei 5.000 Punkten lag nunmehr bei - 20 Punkten angelangt. Das bedeutet, dass es derzeit so gut wie keine keine Nachfrage mehr nach großen Schiffstransporten (insbesondere von Rohstoffen) gibt. Die Reeder verchartern die Schiffe lieber zum Nulltarif, als selbst die Betriebskosten während der Liegezeit zu bezahlen.

Doch auch der breitere Baltic Dry Index, der im Oktober noch bei 2000 Punkten lag ist nunmehr auf unter 500 Punkte abgesackt. Das heißt: Die internationalen Frachtraten befindet sich im freien Fall und deuten einem schweren Einbruch der Weltwirtschaft an. Der Index ist seit Jahrzehnten ein zuverlässiger Indikator für die globale Konjunktur.

Die weit reichende Isolation Chinas bedeutet für die globalisierte Wirtschaft einen historischen Schock, weil die Massenherstellung vieler Produkte davon abhängig ist, dass Lieferketten stabil sind. Doch derzeit brechen sogar die Rohstofflieferungen ein. Die schlagartig rückläufige Nachfrage nach Rohöl hat den dessen Preis alleine am Montag um 6 Prozent fallen lassen. Seit Jahresbeginn hat sich der Ölpreis um 15 Prozent verbilligt. Die Opec plant bereits eine Dringlichkeitssitzung. Aber auch andere Rohstoffe signalisieren einen Einbruch der Industrienachfrage. Kupfer kostete zu Silvester noch 6000 Euro die Tonne, jetzt nurmehr 5000 Euro. Die Tonne Nickel kostet im Herbst noch mehr als 16000 Euro, heute kann man sie für 10000 schon haben.
Nicht einmal Gold strahlt in dieser Krise. Mit der Angst vor dem globalen Crash müsste normalerweise der Goldpreis als Krisensicherheit steigen. Doch Chinesen sind einer der weltweit größten Nachfrager nach physischem Gold, und wenn die ausfallen, dann kann der Preis kaum dauerhaft steigen. Der World Gold Council meldet aus China in den beiden Marktsegmenten "Schmuck" sowie "Barren & Münzen" einen regelrechten Nachfrageeinbruch.

In Hongkong ist das besonders stark spürbar geworden. Hongkong rutschte im Schlussquartal 2019 noch tiefer in die Rezession. Saisonal bereinigt schrumpfte die Wirtschaftskraft in den Monaten Oktober bis Dezember im Vergleich zum Vorjahreszeitrum um 2,9 Prozent. Im Vorquartal betrug das Minus nach aktualisierten Zahlen 2,8 Prozent. Im gesamten vergangenen Jahr verringerte sich das reale Bruttoinlandsprodukt um 1,2 Prozent - das erste jährliche Minus seit der globalen Finanzkrise von 2008/9. Wer gute Nachrichten aus China sucht, der braucht derzeit gewaltige Teleskope.
Für Anleger heißt es daher: Vorsicht. Der erste Virus-Einbruch vor einer Woche konnte zwar wieder wettgemacht werden an den Börsen. Doch vieles deutet auf eine Bullenfalle hin. Die realwirtschaftlichen Folgen des Coronavirus werden erst jetzt sichtbar - und das dürfte auch an den Aktien- und Rohstoffmärkten zu einer zweiten Abgabewelle führen. Sollte aber auch der zweite Anlauf auf neue Höchststände beim Dax scheitern, dann könnten auch charttechnisch bedingte Abverkäufe ausgelöst werden.

08.02.2020 | 15:49

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