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Die Börsenlust hält an

Grund zum feiern: Auto1 erzielte beim Börsendebüt 1,8 Milliarden Euro (Bild: Auto1).



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Trans-o-flex, Autodoc, mymuesli – illustre Mittelständler streben aufs Parkett. Welche Unternehmen sonst noch einen Börsengang planen.

Im ersten Halbjahr 2021 haben so viele deutsche Unternehmen den Schritt aufs Börsenparkett gewagt wie seit 20 Jahren nicht mehr. Allein in den ersten sechs Monaten sammelten 15 Unternehmen frisches Geld an der Frankfurter Börse ein. Und so soll es offenbar auch weitergehen. „Die Pipeline sieht sehr gut aus“, befindet jedenfalls Joachim von der Goltz, IPO-Experte der Credit Suisse.

Analysten rechnen mit deutlich mehr IPOs (Initial Public Offerings) als im Pandemie-Jahr 2020. Den größten deutschen Börsengang 2021 hat bisher Vodafones Funkturmsparte ­Vantage Towers AG aufs Parkett gelegt. Insgesamt erzielte das Unternehmen beim Debüt 2,2 Milliarden Euro und übertraf damit den Börsengang von Auto1 (1,8 Milliarden Euro). Jahresdritter ist bisher der Nürnberger Softwareentwickler Suse (1,1 Milliarden Euro).

Ein Blick in das vergangene Jahr: Weltweit haben 1322 Unternehmen den Weg an die Börse gewagt – 15 Prozent mehr als im Vorjahr, wie eine Studie des Beratungs- und Prüfungsunternehmens EY ergab. Insgesamt stieg das Emissionsvolumen um etwa 26 Prozent auf umgerechnet rund 219 Milliarden Euro und erreichte damit den höchsten Wert seit 2010. „Auf den ersten Blick erscheint es ungewöhnlich, dass in einem so schwierigen Jahr wie 2020 Börsengänge derartig boomen“, kommentiert EY-Experte Martin Steinbach. Ein wichtiger Treiber sei aber weiterhin die „enorm hohe Liquidität, die im Markt ist und nach Anlagemöglichkeiten sucht“. Anders gesagt: Investoren wissen nicht, wohin mit ihrem Geld.

Das galt allerdings bislang nicht für Deutschland. Hierzulande hat sich der IPO-Markt 2020 schwach entwickelt. Insgesamt haben nur zwölf deutsche Unternehmen auf unterschiedlichen Wegen ihre Anteilsscheine angeboten. Für 2021 erwartet die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) hingegen, dass sogar die Zahlen von 2018 übertroffen werden, als es an der Frankfurter Börse 18 IPOs mit einem Gesamtvolumen von 11,35 Milliarden Euro gegeben hatte. Es war das bislang stärkste Jahr nach dem Boom am Neuen Markt vor mehr als 20 Jahren. Um die Jahrtausendwende erlösten 142 Börsengänge in Deutschland mehr als 23 Milliarden Euro.

Laut EY-Experte Steinbach verleiht die Pandemie der Digitalisierung und damit Technologieunternehmen einen gewaltigen Schub und beschleunigt die Entwicklung vieler anderer Branchen. Neben Technologiekonzernen dominieren vor allem Unternehmen aus der Gesundheitsbranche und der Automobilindustrie. Einige Unternehmen hatten ihre Börsenpläne wegen der Kursschwankungen zu Beginn der Pandemie ausgesetzt, diese werden jetzt teilweise nach­geholt.

Kandidaten für den Herbst gibt es genug. Dazu gehören auch Großprojekte in der Automobilindustrie: Continental möchte seine Antriebssparte Vitesco per Abspaltung auf den Markt bringen. Vitesco-Chef Andreas Wolf sagte, er könne sich Übernahmen zur Verstärkung des Geschäfts in einzelnen Weltregionen, aber auch einen großen Sprung vorstellen. Dabei helfen soll das Geld der Investoren. „Es gibt zwei Denkrichtungen: Eine Richtung wäre regional, zum Beispiel in China. Eine andere ist eine große Konsolidierung.“ Entwicklungskosten lohnten sich für einen Konzern mit 20 Milliarden Euro Umsatz mehr als für ein Unternehmen mit zehn Milliarden.

Daimler-Tochter peilt Dax an

Der Automobilkonzern Daimler plant auf dem gleichen Weg, das Lastwagen- und Busgeschäft abzutrennen. Daimler-Aktionäre werden zu 65 Prozent an dem dann reinen Lkw- und Bushersteller beteiligt. Der Konzern strebt mit der Truck Holding AG eine Aufnahme in den Deutschen Aktienindex (Dax) an und wäre damit mit zwei Unter­nehmen in der ersten deutschen ­Börsenliga vertreten.

Nach Einschätzungen von Investmentbankern peilt der Batteriehersteller BMZ aus Karlstein im September eine Börsennotierung an. Bei Anlegern sind Batteriehersteller derzeit besonders gefragt, weil die Autoindustrie vermehrt auf Elektromobilität setzt. BMZ könnte mit rund zwei Milliarden Euro bewertet werden, sagten Insider. Die Banken Citi, JP Morgan und Berenberg bereiteten den Börsengang vor, der ein Volumen von rund 500 Millionen Euro haben könnte. Ebenfalls im Spätsommer könnte der Börsengang der Sprach-App Babbel Lesson Nine folgen. Die 2007 gegründete Berliner Firma könnte dabei mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet werden. Die Coronapandemie hat Online-Sprachkursen Aufwind verschafft, den das Unternehmen offensichtlich für Wachstumspläne nutzen möchte.

Laut Experten sollen der Logistiker Trans-o-flex, der Arzneimittelhersteller Cheplapharm, die Samwer-finanzierte Solarfirma Enpal, der Autoteilehändler Autodoc sowie mymuesli ebenfalls im zweiten Halbjahr folgen. Auch der Internet-Autohändler MeinAuto könnte einen zweiten Anlauf nehmen, nachdem er den für April geplanten Börsengang kurzfristig abgesagt hatte. Das Unternehmen aus Oberhaching bei München und sein Großaktionär, der britische Finanzinvestor Hg, begründeten die Absage mit den starken Schwankungen an den Aktienmärkten. Das 2007 gegründete Unternehmen hatte die Preisspanne für den geplanten Börsengang auf 16 bis 20 Euro je Aktie festgelegt und wollte mit den neu ausgegebenen Anteilsscheinen am unteren Ende der Preisspanne einen Erlös von 150 Millionen Euro erzielen.

Börsengang durch die Hintertür

Durch die Hintertür an die Börse will Signa Sports United. Konkret: Der Sport-Onlinehändler möchte mit einem SPAC fusionieren und über diesen Umweg an die New Yorker Börse gehen. Das Berliner Unternehmen, das Internet­shops wie Fahrrad.de, Tennis Point, Campz oder Outfitter betreibt, bestätigte einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters. Durch das Zusammengehen mit der Yucaipa Acquisition Corporation werde das neue Unternehmen mit umgerechnet 2,6 Milliarden bewertet. Ein SPAC ­(Special Purpose Acquisition Company) ist eine bereits gelistete Unternehmenshülle, die mit einem nicht notierten Konzern fusioniert. Das einzige Ziel von SPACs ist es, ein operativ ­tätiges Unternehmen zu übernehmen und diesem dadurch zu einer Börsennotiz zu verhelfen. Das Deutsche Aktieninstitut äußerte sich kürzlich besorgt darüber, dass wachstumsstarke deutsche Unternehmen den US-Markt ­bevorzugen

FS

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27.08.2021 | 12:00

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