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„Die Deutschen Sparer sind viel zu miesepetrig“

Expertenrunde auf dem Ludwig Erhard-Gipfel zur Frage: "Kapitalanlage in Zeiten von Null- und Negativzins – Was sind die Optionen?"


Welche Optionen bleiben Anlegern bei der Kapitalanlage in Zeiten von Null- und Negativzins? Abseits von Sachanlagen nicht mehr viele, stellte auf dem Ludwig Erhard-Gipfel  nicht nur der Leiter der Kapitalmarktstrategie von Black Rock, Martin Lück, fest. „Wir sehen eine Flucht aus Geldvermögen, hin zu Sachvermögen“, sagte auch Josef Möst vom Bankhaus Metzler.

Sparen, das tun die Deutschen nach wie vor gern. Allein, reich werden sie damit nicht mehr. Vor risikoreicheren Investments, seien es nur solche in Aktien, schrecken viele trotzdem zurück. Und es ist ja auch ein Dilemma. Auf der einen Seite stehen die Zinsen so niedrig, sodass Geld, das bei der Bank liegt, keine Rendite mehr abwirft. Im Gegenteil: Die Inflation mit einberechnet wird es Jahr um Jahr weniger wert. Da braucht es noch nicht einmal den Negativzins. Doch auch den führen immer mehr Geldhäuser ein. Auf der anderen Seite ist da die Angst, dass das viele Geld, das die Notenbanken global in die Märkte pumpen, die Blasenbildung an der Börse nährt. Und nicht nur die Kurse von Aktien sind in den vergangenen Jahren in die Höhe geklettert. Auch der Immobilienmarkt erlebt einen Boom, der seinesgleichen sucht. Man kann es Anlegern schlecht verdenken, wenn sie vorsichtiger werden.

Aber wohin dann nun mit dem verdienten Geld. Wie vorsorgen, bei all den Sorgen? Im Rahmen des Finance Day, des zweiten Konferenztages des Ludwig Erhard Gipfels, versuchten sich Hauke Stars, Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse, Josef Möst vom Bankhaus Metzler, Martin Lück, Leiter der Kaptitalmarktstrategie von BlackRock, Carsten Klude, Chefvolkswirt der M.M. Warburg und Bestsellerautor Marc Friedrich an Lösungsansätzen.

Und – um es gleich vorweg zu nehmen – in einer Sache waren sich die Diskutierenden einig: An Aktien als Wertanlage respektive zur Vermögensmehrung führt kein Weg vorbei.  „Aktien“, sagte Hauke Stars, „bringen bei langfristiger Anlage und breiter Streuung überdurchschnittliche Rendite“. Gerade für Privatanleger seien ETFs eine gute und weniger risikoreiche Einstiegsmöglichkeit.

Überhaupt, setzte Möst an, sei es Zeit für eine Standortbestimmung. „Seit zehn Jahren befinden wir uns im Umfeld negativer Realzinsen, Inflationsraten fressen auf, was Zinseinnahmen bringen“, sagte er. Manch einer spreche von schleichender Enteignung. „Wir sehen eine Flucht aus Geldvermögen, hin zu Sachvermögen“, so Möst weiter. Auch in Deutschland. „Immer mehr Leute interessieren sich und legen in Aktien an“, widerspricht er der einhelligen Meinung, dies wäre nicht der Fall. „Wir sind auf gutem Wege, eine gute Anlegergesellschaft zu werden.“

Dies wiederum wollte Blackrock-Volkswirt Lück nicht so stehen lassen. Er begleite den Optimismus nicht, dass „wir in Deutschland zu einer reiferen Anlegergesellschaft werden“, sagte er. Die Deutschen Sparer seien nach wie vor viel zu miesepetrig und sie sollten anstatt zu jammern ihr Investmentverhalten anpassen und beispielsweise in Aktien investieren. „Die Zinsen“, so Lück weiter, „werden auf Dekaden nicht wieder dahingehen, wo sie vor der Krise waren. Wichtig zu betonen war ihm dabei, dass die Notenbanken deshalb nicht den Sparer enteignen würden, wie gern behauptet werde. „Das ist Quatsch“, sagte Lück. „Wir  haben schlicht ein ungesundes Verhältnis zwischen Erspartem und Investitionen, ein Überangebot an Kapital und zu wenig Nachfrage nach selbigem. „Das drückt den Zins“.  

Fakt aber sei, dass die Notenbanken heute anders steuerten als früher, sagte M.M.Warburg-Volkswirt Klude. Deshalb, macht er Anlegern Hoffnung, glaube er auch daran, dass „der Aufschwung noch ein bisschen mehr Kraft hat, als man ihm zutraut“. Und empfahl: „Wenn Sie eine langfristige Anlagestrategie haben, halten Sie diese durch“. Wenn es dann doch mal runter ginge, könne man dies nutzen, um seine Positionen aufzufüllen.
Dass es runter geht, und zwar bis hin zum „größten Crash aller Zeiten“, davon ist Finanzexperte und Autor Marc Friedrich überzeugt. Im Moment versuchten sich Politik und Währungshüter Zeit zu erkaufen, auf Kosten der Sparer und des Systems. „Auf den Boom folgt die Rezession“, so Friedrich. Das sei nun auch der Fall. „Global lässt das Wachstum nach.“  Doch die Rezession ließe man diesmal nicht zu, da „man weiß, dass sie den Euro aufs Glatteis bringt und viele Banken sowie Zombieunternehmen gefährdet“.

„Es gibt Fundamentaldaten, die zeigen, dass es Probleme gibt, genauso aber solche, die zeigen, es geht noch eine Weile nach oben“, entgegnete Stars von der Deutschen Börse. Mit Blick auf die Börse sei klar, dass es „Auf und Abs“ gebe. Wichtig sei aufzuzeigen, dass es eine breite Streuung braucht und einen langfristigen Anlagehorizont, um sich zu positionieren.

„Geld auf dem Konto zu lassen“ jedenfalls, sagte Friedrich, sei „zum absoluten Humbug“ geworden. Es gelte jetzt Vermögen umzuschichten. „Das goldene Zeitalter der Sachwerte beginnt.“ Dazu gehörten auch Aktien. Und „so lange die Notenbanken die Schleusen aufhalten, in Aktien reinzugehen“. Sparen könnte damit endgültig zum Auslaufmodell avancieren.

Oliver Götz

17.01.2020 | 17:21

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