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Haenel soll neues Sturmgewehr liefern - Aktie von Heckler & Koch bricht ein

Der G36-Nachfolger kommt künftig aus Thüringen.



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Die thüringische Waffenschmiede Haenel soll das neue Sturmgewehr für die Bundeswehr liefern. Der bisherige Lieferant Heckler&Koch hat das Nachsehen. Die Aktie bricht ein. Hinter Haenel steht ein arabischer Staatskonzern.

Das MK 556 ist ein vollautomatisches Sturmgewehr mit indirektem Gasantrieb. Das heißt, der Gasdruck, der entsteht, wenn die Treibladung der Patrone verbrennt, unterstützt den Nachladevorgang. Das MK 556 ist in allen Klimazonen erprobt und in den Farben sand, oliv oder schwarz erhältlich. Der Sicherungsbolzen ist von beiden Seiten bedienbar und der Handschutz kann ohne Werkzeug montiert werden. Der Stückpreis beträgt ca. 2000 Euro.

Neben diesen technischen Details gibt es noch etwas Besonderes an dieser Waffe: Sie stammt von der Thüringer Waffenschmiede C.G. Haenel, die letztlich zum Staatskonzern Tawazun gehört, der von Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan, dem stellvertretenden Oberbefehlshaber und Kronprinzen der Vereinigten Arabischen Emirate mitgeprägt wird. Das Gewehr soll jetzt in 120 000facher Ausführung an Bundeswehrsoldaten ausgeliefert werden. Der Deal hat ein Volumen von 250 Millionen Euro und wurde am Montag von Experten des Verteidigungsministeriums den Fachpolitikern der großen Koalition in Berlin vorgestellt.

Haenel ist ein deutsches Traditionsunternehmen, das seit dem 19. Jahrhundert Waffen produziert und dabei vielen Regierungen und Regimen seine Dienste leistete: vom preußischen Staat bis zu den Nationalsozialisten. In der DDR-Zeit platzierte die Firma unter dem Namen „Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann“ ihre Gewehre und Pistolen. Nach dem Zusammenbruch der DDR nahm das Unternehmen erst 2008 wieder sein Geschäft auf, ausgestattet mit Marken – und Lizenzrechten der historischen Gesellschaft und unter neuen Eigentümern: Caracal International hatte Haenel neu etabliert. Caracal gehört eben zu jenem arabischen Staatskonzern Tawazun. Hamad Khalifa Al Neyadi, Geschäftsführer von Caracal, sagte damals: „Der erfolgreiche Deal wird unserem Unternehmen bald eine bedeutende Präsenz auf den globalen Märkten verleihen." Er sollte recht behalten. Die Entscheidung in Berlin katapultiert die Araber nun in die erste Liga der deutschen Rüstungslieferanten.

Das Geschäft ist nicht unumstritten. Das hat einen politischen und einen wirtschaftlichen Hintergrund. Der politische Hintergrund sieht so aus: Die gleiche Koalition, die sich nun über den beabsichtigten Kauf informiert hat, hat in ihrem gemeinsamen Vertrag zu Beginn der Legislaturperiode festgeschrieben, dass sie mit kriegsführenden Parteien keine Waffendeals machen wolle. Insbesondere wolle man sich auf keine Geschäfte mit den Kriegsparteien im Jemen einlassen – aus gutem Grund: Die Vereinigten Arabischen Emirate führen dort seit Jahren an der Seite einer internationalen Koalition eine erbitterte Auseinandersetzung gegen schiitische Huthi-Rebellen, die vom Iran unterstützt werden. Der Jemen wird von Experten als zweites Syrien eingeschätzt, in dem sich regionale Mächte einen Stellvertreterkrieg liefern. An den Fall, dass ein arabisch beherrschtes Unternehmen nun die Kernausrüstung der Bundeswehr liefert, haben die Politiker damals noch nicht gedacht. Bisher ging es eher in die andere Richtung. Politikerinnen wie etwa die Linken-Bundestagsabgeordneten Sevim Dağdelen hatten dabei die Haltung der Koalitions-Regierung kritisiert, die immer wieder Ausnahmen von ihrer Richtlinie zugelassen hat. Rüstungsexporte in Golfstaaten sind nach Ansicht der Linken ein absolutes Tabu, solange der Krieg im Jemen täglich Opfer fordert. Entsprechend empört reagiert die Politikerin jetzt: „Dass mit Haenel eine Firma den Zuschlag bekommt, die unter der Kuratel eines staatlichen Rüstungskonzerns der Diktatur der Emirate steht“, hält sie für falsch.  Die Vereinigten Arabischen Emirate beteiligten sich unter Bruch des UN-Waffenembargos am Krieg in Libyen wie auch im Jemen und sind kein geeigneter Partner, sagt sie dem WirtschaftsKurier.

Der wirtschaftliche Hintergrund ist am Dienstag an der Börse zu besichtigen: Die Aktie des bisherigen Sturmgewehr-Lieferanten Heckler & Koch brach um mehr als acht Prozent ein. Der Waffenhersteller hatte mit dem G36 jahrzehntelang das Standardgewehr der Bundeswehr geliefert, das im Jargon der Truppe fast schon zärtlich „Braut des Soldaten" genannt wurde. Die Waffe war allerdings zeitweise in Verruf geraten, weil ihre Treffgenauigkeit unter Extrembedingungen angezweifelt worden war. Die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte 2015 angekündigt, dass „das G36, so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr hat“. Es begann ein Bieterverfahren, das nun Haenel und damit auch der arabische Mutterkonzern für sich entschieden hat.         

oli

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15.09.2020 | 16:49

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