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Wie ein Kleinanleger-Flashmop die Wallstreet foppt

(Bild: Shutterstock)



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Der Höhenflug der Gamestop-Aktie zeigt, dass es einen neuen Spieler an der Wall Street gibt: Ein Schwarm sarkastischer Internetkids, vor dem selbst professionelle Investoren nicht sicher sind. Diese Zocker wollen dabei nicht nur das schnelle Geld machen - ebenso sehr wollen sie das „Establishment“ bluten sehen.

Von Maximilian Nagel, Finanzen100

    •    Trader eines Online-Forums lösten am Dienstag eine Kursexplosion aus
    •    Die GameStop-Aktie - eigentlich ein verschmähtes Papier - verdoppelte sich fast
    •    Leerverkäufer verloren dadurch Milliarden

Sie nennen sich „Degenerierte“, wollen „Tendies“, und die Vermutung, dass einige von ihnen tatsächlich im Keller des Elternhauses wohnen, ist gar nicht mal so weit hergeholt. So inszenieren sich die 2,3 Millionen Mitglieder im Reddit-Forum „r/wallstreetbets“ gerne selbst – als abgehängte, unsoziale Kellerbewohner. In ihrem Slang bezeichnen die „Tendies“ keine Hähnchensticks, sondern ihre Gewinne an der Börse, mit denen sie untereinander prahlen.

Lange war dieses Forum sein eigenes kleines Ökosystem, und wer den Slang nicht verstand, hätte nur an den Tickerkürzeln und dem Börsenjargon erraten können, dass es dort ums Trading mit Aktien geht. Doch mit der Verbreitung neuer Apps wie Robinhood und der Coronavirus-Pandemie mutierte „r/wallstreetbets“ zu einer eigenen Marktmacht.

Dabei spielten nicht nur die „Degenierten“ des Forums mit. Angetrieben von Online-Persönlichkeiten wie Dave Portnoy strömten Millionen vom Lockdown gelangweilter Kids an die Börse. Rücksichtslos wurde gekauft, was eben gerade besonders schnelles Geld versprach – Kodak etwa, oder die Aktie des Autovermieters Hertz, obwohl dieser damals längst pleite war. „Aktien gehen nur nach oben“, versprach Portnoy wieder und wieder seinen Anhängern.

Doch während die Gesamtheit dieser Internet-Spekulanten einem Mob gleicht, so hat sich mit dem Beispiel Gamestop gezeigt, dass „r/wallstreetbets“ eher ein Schwarm ist – gefräßig, aber koordiniert.

Gamestop - eine Goldgrube für Leerverkäufer

Bis vor Kurzem fristete die Aktie Gamestops ein trauriges Dasein. Die Videospiele-Kette galt als Pleitekandidat, denn mit jedem weiteren Jahr schwand ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber Online-Plattformen, die Spiele schneller und günstiger anboten. Noch dazu hing Gamestop der Ruf einer Servicewüste an.

Für Short-Trader war Gamestop daher eine Goldgrube. Bei einem „Short“ leiht sich ein Investor die Aktien, verkauft sie, und hofft, sie später billiger zurückkaufen zu können, wenn der Kurs gefallen ist. Die Differenz streicht er als Gewinn ein. Mit Gamestop kassierten die „Shorts“ jahrelang ab. Von knapp 50 US-Dollar im Jahr 2013 fiel der Kurs bis zum Sommer 2019 auf kaum drei Dollar.

Wie die ersten „Degenerierten“ zu Gamestop kamen

Damals hatte sich unter den „Degenerierten“ längst Widerstand gegen diesen Trade formiert. Wie Bloomberg berichtete, tauchten erste Ideen zur Aktie schon vor 22 Monaten dort auf. Ein Nutzer dort merkte an, dass die Kritiker Gamestops die Barbestände des Unternehmens unterschätzten und die Aktien vergleichsweise billig sei. „Meine Thesis dreht sich nicht um ein Comeback oder Wachstum, das ist ein reines Value-Spiel“, so der Nutzer.

Zunächst zündete diese Idee nicht. Die Aktie fiel anschließend einfach weiter – bis mit Michael Burry ein prominenter Hedgefonds-Investor Mitte 2019 bekanntgab, dass er auf Gamestop setzt. Öffentlich forderte Burry den Konzern auf, mit seinem Cash eigene Aktien zurückzukaufen. Gleichzeitig warnte er die „Shorts“, an ihrer Seite des Trades festzuhalten.

Tatsächlich verdoppelte sich die Aktie daraufhin – und stolz präsentierten einige Nutzer auf „r/wallstreetbets“ die „Tendies“, die ihnen Gamestops Aktie eingebracht hatte. Die Coronavirus-Pandemie setzte diesem ersten Erfolg zwar ein Ende. Ans Aufgeben dachten die „Degenerierten“ deswegen nicht.

Laut Bloomberg geisterte im Forum damals schon die Idee herum, man könne Gamestop in einem gemeinsamen Kraftakt einfach aufkaufen, wenn die Aktie nur tief genug fällt. Was wie ein finanzielles Himmelfahrtskommando klingt, ebnete Bloomberg zufolge den Weg für gleich mehrere „Short Squeezes“.

„Der größte Short Squeeze eures ganzen Lebens“

Bei einem solchen „Squeeze“ („Ausquetschen“) zwingt eine Aufwärtsbewegung die „Shorts“, ihre Positionen aufzugeben. Das funktioniert nur, indem sie die zuvor geliehenen Aktien zurückkaufen. Damit aber treiben sie den Kurs weiter hoch – ein Teufelskreis, der in einem senkrechten Höhenflug kulminieren kann, wie es ihn beispielsweise bei Volkswagen im Jahr 2008 gab.

Die ersten „Squeezes“ kamen im April 2020. Damals kündigte ein Mitglied des Forums „den größten Short Squeezes eures ganzen Lebens“ an. Der Nutzer verwies darauf, dass 84 Prozent aller Gamestop-Aktien leerverkauft seien, und rief alle Gamestop-Aktionäre unter den „Degenerierten“ dazu auf, ihrem Broker den Verleih der von ihnen gehaltenen Aktien zu unterbinden.

Der Plan ging auf. Die Gamestops-Aktie schoss noch am selben Tag 22 Prozent nach oben, weitere 26 Prozent am Folgetag. Der Einstieg eines Großaktionärs zur Jahresmitte fachte die Rally weiter an, so Bloomberg. Bis Ende 2020 stieg der Kurs auf knapp 19 Dollar. Binnen Jahresfrist hatte sich die Aktie so mehr als verdreifacht.

Niemals verkaufen, niemals aufgeben

Doch diese „Tendies“ reichten „r/wallstreetbets“ noch nicht. Der Kampf um Gamestop war zu diesem Zeitpunkt schon ein Krieg gegen das Establishment. Eisern hielten die „Degenerierten“ an ihrer Devise „Never sell, never surrender“ fest, und ermutigten sich dabei mit Hohn gegen die Investmentprofis auf der anderen Seite, etwa mit der Frage, „ob man denn heute schon einen Milliardär ausgeraubt“ hätte. Gemeint sind die Verluste, die Leerverkäufer wie Andrew Left von Citron Research und Melvin Capital mit jedem weiteren Kursgewinn Gamestops erlitten.

Die nächste Runde dieses Kampfes fand am Montag statt. In der Spitze schoss die Gamestop-Aktie über 100 Prozent nach oben, ehe sich der Handel beruhigte. Doch am Dienstag legte der Schwarm nach - und es ging fast senkrecht nach oben. Letztlich schloss die Aktie 92 Prozent höher bei 147 Dollar.

Unterstützung bekamen die Forenmitglieder dadurch von keinem anderen als Elon Musk. Der Tesla-Chef twitterte am Dienstagabend nur lapidar „Gamestonk!!“ und verlinkte dabei auf „r/wallstreetbets“. „Stonk“ ist eine im Netz gängige Verballhornung des Wortes „Stock“ (Aktie). Musks Jubel ließ den Kurs im nachbörslichen Handel weiter steigen, zwischenzeitlich notierte das Papier über 240 US-Dollar. Laut „MarketWatch“ knackte der Börsenwert GameStops dadurch erstmals die Marke von zehn Milliarden US-Dollar.

Während Musk GameStops Höhenflug feierte, waren andere Marktbeobachter einfach nur erstaunt. „Die Mechaniken des Marktes brechen zusammen“, kommentierte „CNBC“-Moderator Jim Cramer entgeistert. „Das habe ich noch nie gesehen. Sie schaffen es, die Shorts zu vernichten“.

„Sie“ – damit ist der Schwarm der Internetkids aus dem Forum „r/wallstreetbets“ gemeint. Und der reagierte sichtlich verärgert auf die Berichterstattung der amerikanischen Börsenmedien. Dort nämlich spielten die gebeutelten „Shorts“ nach Meinung der Reddit-Nutzer zu Unrecht die Opfer eines perfide orchestrierten Angriffs.

Die „Degenerierten“ wollen die Wall Street leiden sehen

Ein Nutzer adressierte „CNBC“ darum wie folgt: „Bevor ihr einen weiteren Tag damit verbringt, eure Hedgefonds-Kumpels einzuladen und r/wallstreetbets zu verteufeln, lest ihr das hier hoffentlich.“ Was folgt, ist eine Tirade über die Inkompetenz der Leerverkäufer und wie sie über ihre Medienauftritte versuchen, den Markt zu manipulieren – und im Notfall von anderen Hedgefonds gerettet werden.

„Ernsthaft. Ich hoffe wirklich, sie [die Leerverkäufer] leiden. Wir wollen den Verlustporno sehen“, resümiert der Nutzer. Gemeint sind die Verluste der Leerverkäufer, an denen sich die „Degenerierten“ ergötzen wollen. Ein anderer Nutzer wiederum teilte seinen „Gewinnporno“: Ein Auszug seines Brokerkontos zeigt, dass er mit Gamestops Aktie insgesamt über 1000 Prozent Gewinn gemacht hat.

Die „Hater“ wetten weiter auf Gamestops Niedergang

Das Ende der Rally ist damit womöglich noch gar nicht erreicht. Gegenüber Bloomberg merkte Ihor Dusaniwsky, Direktor des Datenspezialisten S3 an, dass der „Squeeze“ nicht die größte Triebfeder hinter den Kursgewinnen sei. Zuletzt sie die Aktie noch immer enorm leerverkauft gewesen.

S3 zufolge belaufe sich die sogenannte Short-Ratio noch immer auf 139 Prozent. Das heißt, dass die „Shorts“ mehr Aktien geliehen und leerverkauft haben, als überhaupt am Markt verfügbar sind. Möglich macht das eine mehrfache oder aufeinanderfolgende Verleihung der Papiere, ohne dabei die ursprüngliche Position aufgelöst zu haben. Mit anderen Worten: Es könnten noch viel mehr „Hater“, wie die Forenmitglieder die Leerverkäufer nennen, aus der Aktie herausgequetscht werden.

Rein theoretisch könnten die Verluste für die „Shorts“ dabei unendlich hoch ausfallen. Ein mahnendes Beispiel ist Blue Apron. Die Aktie des Lebensmittelversands machte im März 2020 ebenfalls einen solchen „Squeeze“ durch, die Aktie stieg dabei an einem einzigen Handelstag über 1100 Prozent – und damals seien nur rund 50 Prozent der Aktien leerverkauft gewesen, wie ein Nutzer bei „r/wallstreetbets“ anmerkte.

Ein neuer Gegner für Leerverkäufer und Hedgefonds

Insofern ist der Kampf um Gamestop noch nicht ganz ausgefochten. In jedem Fall ist Gamestop ein Exempel dafür, dass sich das „Establishment“ mit einer neuen, wilden und entschlossenen Marktmacht auseinandersetzen muss – zumindest bei kleineren Titeln wie Gamestop. Das gab auch Börsenkommentator Cramer zu: „Sie können nicht den ganzen Markt bewegen, aber bei einer Handvoll Aktien wahnsinnige Kursbewegungen auslösen.“

Womöglich unterschätzt Cramer noch, welcher Gegner Leerverkäufern und Hedgefonds künftig gegenübersteht. Das zeigt das Schicksal von Melvin Capital. „r/wallstreetbets“ überrollte die Investmentfirma so dermaßen, dass sie frisches Kapital braucht: Dem „Wall Street Journal“ zufolge hat die Investmentfirma auf Jahressicht 30 Prozent verloren und bekommt deshalb von den beiden Hedgefonds-Riesen Citadel und Point72 weitere 2,75 Milliarden Dollar Kapital. Insgesamt haben GameStops Leerverkäufer allein in diesem Jahr laut Bloomberg schon sechs Milliarden Dollar verloren. Genau das ist der „Verlustporno“, den die „Degenerierten“ sehen wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf FOCUS Online

27.01.2021 | 18:19

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