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Die Rückkehr des Gewinns: Welche Aktien jetzt ihre Wiederbelebung feiern

(Bild: Shutterstock)



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Die Zeit an der Börse, als die bloße Aussicht auf Gewinn, schon für steigende Kurse sorgte, ist vorbei. Phantasie war gestern, Fakten sind heute gefragt. Banken, Versicherer und Automobilhersteller sind diejenigen, die erst recht vor dem Hintergrund steigender Zinsen die einst gehypten Technowerte alt aussehen lassen.

Die Kurswende der Europäischen Zentralbank hatten viele Investoren erwartet. Dennoch löste die Abkehr von Anleihekäufen und die Aussicht auf Zinserhöhungen ein Börsenbeben aus. Mal wieder, kann man sagen. Denn das Umfeld für spekulative Anlagen verschlechtert sich zusehends, und das seit Monaten.

Investoren, die auf den Boom der Technologiewerte an der Börse gesetzt hatten, sehen endgültig das Ende der Fahnenstange erreicht. Das Jahr 2022 hat bislang Verluste spekulativer Startups wie auch etablierter Technologiekonzerne von bis zu 70 Prozent mit sich gebracht. Bei solchen Einbußen an Technobörsen wie der Nasdaq sagen Analysten zu so einem Phänomen: Die Luft aus einer Blase ist entwichen – und damit sind wieder Kaufkurse erreicht. Nach Börsen-Altmeister André Kostolany haben sich dann nämlich die sogenannten zittrigen Hände aus dem Markt verabschiedet, nur hartgesottene Anleger sind noch investiert. Möglicherweise ist das diesmal anders, oder aber zumindest: Es ist noch nicht so weit. Neue Tiefs der Technos sind immer noch drin, die Flucht hält an.

Denn offenbar besinnen sich auch erfahrene Fondsmanager, Investmentbanker und Kapitalanleger auf alte Weisheiten: Das Verlustrisiko bei Aktien, so eine davon, die solide, gut gemanagte und vor allem profitable Unternehmen repräsentieren, ist nach unten deutlich begrenzt. Man spricht vom Value-Ansatz beim Investieren, also Auswahl der Aktien nach Kennziffern, die sich bewährt haben: KGV, also Kurs-Gewinn-Verhältnis; Dividendenrendite; dann noch Umsatz- und Gewinnprognosen, die sich über die Vergangenheit stets idealerweise als belastbar erwiesen haben sollten. Derart mit Munition ausgestattet, geht man auf die Pirsch nach ungehobenen Schätzen.

Dabei scheiden sogenannte Hoffnungswerte von vorneherein aus, denn solide Kennzahlen sind da in der Regel nicht zu ermitteln – es sei denn, man verlässt sich auf zukünftige Gewinne, die lediglich prognostiziert sind. Für solche Papiere gibt es kurioserweise einen eigenen Goldman-Sachs-Index namens „GS Non Profitable Tech Index“, der furchtlose Anleger mit Trends versorgt. Wobei er eher eine Erscheinung am Rande ist. Man kann ihm immerhin entnehmen, welche Werte man besser nicht mit der Feuerzange anfassen sollte.

Selbst Value-Investoren allerdings, die auf profitable, etablierte und weltbekannte Unternehmen aus dem Digitalbereich setzten, die nach allen Kriterien als Substanzwerte gelten sollten, erlebten eine böse Überraschung mit Amazon, Apple, Microsoft und Google-Papieren. Diese Cash-Cows kamen mit unter die Räder, als es hochverschuldeten Startups an den Kragen ging. Und dies, obwohl Apple beispielsweise von steigenden Zinsen weit mehr profitiert als dass es darunter leidet – schon allein wegen seiner Milliarden Dollar schweren Barbestände. Kein Vergleich jedenfalls mit kleineren Silicon-Valley-Emporkömmlingen, denen hohe Schuldzinsen, Inflation und Rezession den Garaus machen könnten.

Die schlechte Performance auch der Großen aus dem Sektor unterstreicht, dass das Anlegerinteresse auf die Old Economy konzentriert ist. Angesichts des Zinsumfeldes der näheren Zukunft gehören sicherlich Banken dazu, so etwa die Deutsche Bank, außerdem natürlich die amerikanischen Großbanken JP Morgan oder Goldman Sachs. Automobilwerte waren stets verlässliche Dividendenzahler, allen voran BMW und Mercedes. Sie sind zwar von Lieferengpässen betroffen und von Preissteigerungen auf Zulieferseite, können bislang jedoch ihre Margen halten. Vor allem durch Konzentration auf die höherwertigen Modelle der Palette. Grundsolide natürlich, wie schon der Name sagt, die Versicherungsbranche. Wobei derzeit die allgegenwärtige Allianz in den USA erhebliche Probleme in Sachen betrügerische Machenschaften hat, die ihr von dortigen Vertretern eingebrockt wurden. Welches Ausmaß dies annehmen wird, ist unklar – nimmt man Bayer/Monsanto als Schreckensbild, empfiehlt sich vielleicht doch eher eine Rückversicherung als Beimischung. Aktien aus dem Bereich des Konsums und konjunktursensible Papiere, wie etwa die Chemieindustrie, sind derzeit mit höherer Unsicherheit behaftet, auch wenn die Zahlen bislang stimmen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, und das ist wohl eines der Kennzeichen des Value Investing, bildet die als werthaltig erkannten Aktien in einem Depot am besten durch Fonds oder ETFs ab – es gibt eine unübersehbare Zahl davon. In Zeiten der Tech-Euphorie vernachlässigt, sollte deren Stunde nun geschlagen haben. Ein Fonds oder ETF, der sich an Indizes wie dem DAX orientiert, enthält dagegen natürlich ebenso Technologiewerte wie der Index selbst, also sollte Grundlage dann besser ein ausdrücklich auf konservative Werte zugeschnittenes Papier sein: Value-Indizes gibt es beispielsweise aus der MSCI World-Familie, wobei dann noch nach Ländern oder Regionen differenziert werden kann. In Deutschland/Luxemburg wurde für Anleger, die vor allzu großen Überraschungen geschützt sein wollen, vor Jahren der „Arero-Weltfonds“ geschaffen, der auf die Modelle eines Mannheimer Wirtschaftsprofessors zurückgeht. Darin sind ausgeklügelt alle nur denkbaren Anlageobjekte weltweit zusammengestellt in der Erwartung, dass irgendein Gebiet in irgendeiner Hinsicht immer den Ausgleich schafft für Katastrophen anderswo. Höhenflüge sind kaum zu erwarten, Crashs aber eben auch nicht.

Die stets wieder an die Erfordernisse der Zeit angepassten Kriterien des als Value-Investing-Erfinders Ben Graham (1894 – 1976) geltenden amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers bilden noch heute die Grundlage für sicherheitsorientierte Aktienauswahl – stets wieder ins Gedächtnis gerufen durch die Strategie seines Meisterschülers Warren Buffett. Wer sich selbst die Mühe der von Graham entwickelten Fundamentalanalyse machen will, findet in seinen Formeln das nötige Rüstzeug. Dann können einem eigentlich nur noch der Zufall, die Irrationalität der anderen, oder unehrliche Bilanzen einen Streich spielen. Immerhin hat man sich dann aber wenigstens bemüht.

Reinhard Schlieker

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10.06.2022 | 15:54

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