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Sieben-Jahres-Hoch: Silber ist das neue Gold



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Während eine schwelende Ungewissheit über den Ausgang der Corona-Krise in der Börsenluft liegt, segeln Anleger in sichere Häfen und beflügeln die Kurse der Edelmetalle. Aktuell ist Silber so teuer wie seit 2014 nicht mehr, die Commerzbank beobachtet einen massiven Einstieg von großen Investoren. Und ein Ende der Rallye ist nicht in Sicht – im Gegenteil.
 
Es ist die Nachricht der Woche: Die EU-Staats- und Regierungschefs haben sich auf ein milliardenschweres Finanzpaket geeinigt. Anleger feiern die dicke Geldspritze und lassen die Kurse klettern. Fast gleichzeitig springt der Silberpreis auf sein Sieben-Jahres-Hoch. Am Mittwoch kostet eine Unze Silber über 22 US-Dollar. Während Gold seit dem Tiefpunkt des Corona-Crashs etwa 24 Prozent zulegte, gewann Silber fast 70 Prozent. Seit Anfang Juni ist der Silberpreis um rund zwölf Prozent gestiegen, der Goldpreis um lediglich fünf.
 
Commerzbank beobachtet beispiellose Zuflüsse in Silber-ETFs
 
„Der Silberpreis hat sich über einen längeren Zeitraum kaum bewegt, das Edelmetall wurde über viele Jahre vernachlässigt. Jetzt macht Silber ordentlich Boden gut“, kommentiert der Rohstoffexperte der Commerzbank Carsten Fritsch die aktuelle Entwicklung. Die Commerzbank beobachtet einen massiven Einstieg von großen Investoren: „Wir sehen beispiellose Zuflüsse in Silber-ETFs, die es in diesem Ausmaß noch nie gegeben hat. Insgesamt beläuft sich der Zufluss auf mehr als 7.000 Tonnen seit dem Corona-Crash-Tief Mitte März“, sagt Fritsch. Eine entscheidende Ursache des Nachfrageanstiegs sei das Gold-Silber-Verhältnis zugunsten von Gold. Im März lag das Verhältnis bei knapp 130 und noch vor wenigen Wochen bei rund 100. Im historischen Vergleich gelten diese Werte als sehr hoch. Zum Vergleich: Im dritten Quartal 2019 war das Preisverhältnis zwischenzeitlich auf über 90 gestiegen. Bereits damals konnte die Commerzbank große Zuflüsse in Silber-ETFs registrieren – die bis dato größten jemals. Aktuell ist Silber im Verhältnis zu Gold aber noch viel günstiger als im Vorjahr. Zudem liegt die Angst vor einer zweiten Konjunkturdelle in der Luft, Anleger retten sich in vermeintlich sichere Häfen. Der Chefvolkswirt von Degussa Thorsten Polleit führt den jüngsten Run auf das weiße Edelmetall vor allem auf die Rettungspakete zurück: „Es ist zu befürchten, dass die Geldmengenausweitungen der Zentralbanken die Kaufkraft von US-Dollar, Euro und Co weiter herabsetzen wird.“ Gold und Silber empfehlen sich aus Sicht der Anleger zusehends als Ersatz für die offiziellen Währungen, meint der Volkswirt und ergänzt: „Bei uns hat sich die Nachfrage gegenüber dem Vorjahreszeitraum zeitweise verfünffacht.“ 
 
Silbernachfrage ist eng an Konjunkturentwicklung gekoppelt
 
Auch andere Edelmetallhändler berichten von einem regelrechten Ansturm auf Silber, während sich das Interesse für Gold auf Normalniveau eingependelt hat. „Viele Anleger sehen hier nun verstärktes Nachholpotenzial“, sagt Robert Hartmann, Mitgründer des Edelmetallhandelshauses Pro Aurum, und fügt hinzu: „Viele unserer Kunden rechnen damit, dass Silber als Industriemetall auch überdurchschnittlich von der sich abzeichnenden konjunkturellen Erholung profitiert.“ Tatsächlich hängt Silber stark von der Konjunkturentwicklung ab, da es – anders als Gold – häufig in der Industrie eingesetzt wird. Heißt: Läuft die Wirtschaft gut, steigt die Nachfrage nach Silber automatisch. Auch Rohstoffexperte Fritsch sieht diesen Zusammenhang. „Weil das Edelmetall so stark in der Industrie eingesetzt wird, wirkte der Corona-bedingte Konjunktureinbruch zunächst wie ein Bremsklotz für die Silberpreisentwicklung.“ Jetzt, da milliardenschwere Hilfspakete geschnürt werden, steige das Vertrauen in die Erholung der Weltwirtschaft. Diese Entwicklung beflügele den Silberpreis. Darüber hinaus kommen die anhaltend niedrigen Zinsen zinslosen Anlagen wie Gold und Silber zugute.
 
In der Vergangenheit haben Anleger Preisanstiege häufig für Verkäufe und die damit verbundenen Gewinnmitnahmen genutzt. Aktuell sieht das anders aus. Viele schon lang investierten Anleger bleiben im Markt, während Neuanleger hinzuströmen. Einer nachhaltigen Erholung möchte offenbar niemand so recht trauen.
 
FS

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22.07.2020 | 17:38

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