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Furioser Dax: Lohnt der Einstieg noch?

Der Dax klettert. Wie lange geht das noch gut? (Foto: Shutterstock)


Der Dax kennt kein Halten mehr. Das Vorkrisenniveau könnte schon bald erreicht sein – neue Rekordhochs nicht ausgeschlossen. Geht die meistgehasste Rally aller Zeiten weiter?

Mitten in einer der größten Wirtschaftskrisen aller Zeiten konnte man an den Börsen dieser Welt so schnell, so viel Geld verdienen, wie nie zuvor. Einem in seiner Geschwindigkeit beispiellosen Absturz nämlich, folgte an den Märkten ein ebenso einzigartiger Aufschwung. Brach der Dax von Mitte Februar bis Mitte März noch um fast 40 Prozent ein, hat er seither fast 60 Prozent zugelegt. Anfang der Woche knackte er die psychologisch wichtige 13.000-Punkte-Marke und kletterte am Dienstag sogleich weitere 200 Punkte nach oben. Für Deutschlands Leitindex scheint die Coronakrise damit abgehakt. Knapp 600 Punkte fehlen dem Dax noch zum Vorkrisenniveau und damit seinem bisherigen Punkte-Höchststand. Die US-Börsen zeichnen ein ähnliches Bild, auch dem S&P 500 fehlen nur noch vier Prozent zu seinem Rekordhoch von vor der Krise. An der NASDAQ kennen die Kurse schon seit Wochen kein Halten mehr, der US-Tech-Index markiert ein Rekordhoch nach dem anderen.

Wirklich glücklich hat das bislang jedoch nur wenige, ausgewählte Anleger gemacht. Nur wenige schließlich waren mutig genug im März zu kaufen und selbst als die Comeback-Rally an Fahrt aufnahm, überwog bei vielen noch immer die Skepsis. So entwickelten sich die Märkte zunehmend zu Orten verpasster Chancen. Und je weiter die Indizes stiegen, desto größer wurden die Zweifel und lauter die Warnungen. Dass man steigenden Kursen nicht hinterherlaufen soll, ist eine alte Börsenweisheit, die sich in der Vergangenheit oft als eine kluge erwiesen hat. Diesmal hat sie viele Anleger um saftige Gewinne gebracht.

Abwarten oder Hinterherlaufen?


Wie geht es jetzt weiter? Wo sollen die Kurse noch hin? Lohnt der Einstieg noch? Oder ist er jetzt da der Zeitpunkt, an dem man das mit dem Hinterherlaufen wirklich unterlassen sollte? Dass sich die Märkte rasant erholen ist eine Sache, dass sie nun sogar auf Rekordjagd gehen könnten, eine andere. Vor dem Hintergrund der noch lange nicht ausgestandenen Pandemie ist schon ersteres fundamental nicht unterfüttert, neue Höchststände wären realwirtschaftlich gesehen schlicht nicht mehr nachzuvollziehen.

Doch noch immer gibt es viele Anleger, die nicht investiert sind und die mit den steigenden Kursen immer mehr in Zugzwang geraten. Das treibt die Rally seit Wochen und dürfte das auch noch länger tun. Dazu stützen die Technologiewerte, besonders in den USA, aber auch SAP oder Infineon im DAX, die Erholung. Deren Kursexplosionen sind angesichts der durch die Coronakrise beschleunigten Digitalisierung und bislang guter Zahlen und Nachrichten, wohl auch gerechtfertigt. Der Dax bekommt dazu Futter von der EU, deren Mitgliedstaaten sich nach viertägigen Verhandlungen nun auf ein Rettungs-/Wiederaufbaupaket im Wert von 1,8 Billionen Euro geeinigt haben. Eine Billion ist für den kommenden siebenjährigen Haushaltsrahmen vorgesehen, 750 Milliarden Euro direkt als Konjunkturprogramm im Rahmen der Coronakrise. Die ultralockere Geldpolitik und die sehr wahrscheinlich über Jahre hinaus manifestierten Niedrigzinsen, tun ihr übriges.

So ist sich ein Gros der Marktteilnehmer zwar bewusst, dass die Kurse im Schnitt eigentlich viel zu hoch stehen, gleichzeitig will man sein Geld in diesen Zeiten aber nicht auf Konten liegen lassen und ihm so dabei zusehen, wie es Jahr um Jahr weniger wert wird. Weltweit haben Notenbanken und Regierungen in der Coronakrise bewiesen, dass sie – koste es, was es wolle – immerzu eingreifen werden, um das Wirtschafts- und Finanzsystem zu stabilisieren. Das hat viel Risiko aus den Märkten genommen. Und fördert Blasen. Doch wer oder was soll diese zum Platzen bringen?

Crash 2021?

So kommt dann auch die Dax-Sentiment-Analyse des Handelsblatts zu dem Schluss, dass es noch keinen Grund gibt, Gewinne mitzunehmen. Anleger könnten eventuell sogar noch neue Aktien kaufen, glaubt Börsenexperte Stephan Heibel. Dem entgegen stehen warnende Stimmen, wie die des amerikanischen Finanzanalysten Gary Shilling. Der angesehen Experte sagte jüngst in einem Interview mit „Market Watch“: „Ich glaube es geht ein zweites Mal abwärts und das erinnert doch sehr an die Geschehnisse von 1930.“ Die Aktien verhielten sich sehr ähnlich wie während des Rebound in 1929, „während die Anleger absolut davon überzeugt zu sein scheinen, dass das Virus unter Kontrolle gebracht wird und die enormen monetären und fiskalpolitischen Anreize die Wirtschaft neu beleben werden“. Shilling rechnet damit, dass es im kommenden Jahr an den Märkten noch einmal um 40 Prozent bergab gehen könnte.

Damit könnte das Spiel noch ein Weilchen weitergehen, wie bisher. Verunsichert von solchen Warnungen, warten Anleger ab und ziehen dann kurze Zeit später doch nach, wenn es wieder neue positive Meldungen von fiskal- und geldpolitischer Seit gibt. Der Einstieg könnte sich entsprechend weiter lohnen und die meistgehasste Rally aller Zeiten weitergehen. Gleichzeitig nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Rücksetzers mit jedem Tag steigender Kurse zu, womit ein breit diversifiziertes Portfolio heute wohl wichtiger denn je ist.

OG

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21.07.2020 | 12:42

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