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So behalten Sie als Anleger Ihre Energiekosten im Griff



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Dank rasant steigender Energiepreise schwimmen die bereits totgesagten Öl- und Gasmultis auf einmal in Geld. Aufgrund berechtigter Nachhaltigkeitsbedenken in der Vergangenheit verschmäht, könnte der Kauf ihrer Aktien nun die einzige Chance sein, hohen Heiz- und Stromkosten beizukommen.

Wer in den vergangenen Jahren Aktien von Gazprom, Royal Dutch Shell oder Exxon Mobil kaufte, der durfte sich so einiges anhören, wenn er nicht gleich für verrückt erklärt wurde. Investments in Öl- und Gaskonzerne schienen aus der Zeit gefallen. Die Lust auf mehr Nachhaltigkeit hatte die Börsen erreicht und in den boomenden grünen Investmentfonds haben Energiekonzerne, deren Geschäftsgrundlage ja quasi darin besteht klimaschädliches Kohlenstoffdioxid in die Luft zu pusten, keinen Platz mehr. Überdies stellte sich die Frage, wer all die fossile Energie in Zukunft überhaupt noch braucht, wenn doch schon bald alles elektrisch fährt und der Strom dafür aus Wind und Sonne gewonnen wird. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie schienen die alten Energieriesen dann endgültig beerdigt. Ein historisches Überangebot an Erdöl ließ die Preise abtauchen, die US-Sorte WTI rutsche für kurze Zeit sogar ins Minus.

Die Zeichen standen auf Zeitenwende. Das Zeitalter der regenerativen Energien schien mit Pauken und Trompeten eingeläutet und die Zeit für einige der einst wertvollsten Unternehmen der Welt abgelaufen. So zumindest ließ sich deuten, was mit den Kursen der ohnehin schon gebrandmarkten Energieriesen passierte. Die Shell-Aktie kostete zwischenzeitlich nur noch zehn Euro, die von Exxon Mobil 27 Euro. Ein paar Monate zuvor waren sie noch 25 und 70 Euro wert. Über Jahre hinaus könnte der Ölpreis nun tief stehen, schätzten damals viele Experten. Bei 40 US-Doller könne er sich Ende 2020 einpendeln, die 60-Doller Marke bleibe in weiter Ferne.

Es kam anders. Ganz anders. Schon Ende 2020 war die 50-Dollar-Marke fast erreicht und 2021 kannte der Ölpreis weiter nur die Richtung nach oben. Knapp 81 US-Dollar kostet das Barrel Brent aktuell. Das ist so viel wie seit 2014 nicht mehr. Erdgas ist sogar so teuer, wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der Preis für Kohle hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdreifacht. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ist das eigentlich eine wünschenswerte Entwicklung. Schließlich verteuert es fossile Energie, regenerative Energie wird relativ dazu günstiger. Allein, ohne Öl, Gas und Kohle bleiben weltweit nach wie vor die Lichter und im Winterhalbjahr auf der Nordhalbkugel insbesondere die Heizungen aus. Fossile Energie ist nach wie vor essentiell, wenn es darum geht, Strom zu erzeugen, Gebäude zu heizen, Auto zu fahren. Es geht (noch) nicht ohne. Damit steigt also nicht nur der Preis für die Rohstoffe, sondern auch die Strom-, Gas- und Heizölrechnung.

Verbrauchern – das steht jetzt schon fest – steht ein teurer Winter ins Haus. Ein Ende der Preissteigerungen ist vorerst nicht in Sicht. Viele Rohstoffkonzerne haben in den letzten Jahren und besonders seit Ausbruch des Coronavirus Kosten gespart und keine größeren Explorationen begonnen. Jetzt, nachdem die Pandemie auf ihr Ende zuläuft und sich die Weltwirtschaft fast überall erholt, schießt die Nachfrage bei knappem Angebot in die Höhe. Hinzu kommt ein aktuell und auch in den kommenden Jahren massiv ansteigender Energiehunger, den Investoren einzupreisen scheinen und auch durch Spekulationen die Preise hoch treiben. Sonderfaktoren, wie eine Dürre im Sommer in China, die viele Wasserkraftwerke stilllegte und vor allem den Kohlepreis nach oben jagte, oder Probleme in der globalen Lieferkette, beschleunigen die Teuerung.

So kommt es, dass die vor kurzem noch verschmähten Energiekonzerne auf einmal in Geld schwimmen und viele Verbraucher einiges an Geld verlieren. Doch es gibt einen Ausweg: das sogenannte Hedging. Sprich: In die Aktien der Firmen investieren, die dafür verantwortlich sind, dass das eigene Portemonnaie immer leichter wird. Logisch, dort wandert das Geld ja schließlich auch hin. Und die Rohstoffunternehmen haben noch dazu den Vorteil, dass sie die steigenden Preise vergleichsweise einfach weitergeben können.

2021 gehören die Aktien von Öl- und Gaskonzernen zu den erfolgreichsten am Markt. Die Gazprom-Aktie kostet mit etwas über zehn US-Dollar so viel, wie letztmals 2012. Auch die Aktien von Shell und Exxon Mobil haben sich deutlich erholt. Der iShares Oil&Gas Exploration & Production ETF hat im laufenden Jahr bereits 84 Prozent an Wert gewonnen, der Xtrackes MSCI World Energy knapp 50 Prozent. Neben Kursgewinnen bieten viele Aktien aus dem Energiessektor Anlegern stattliche Dividendenrenditen. Die von Gazprom beispielsweise liegt bei knapp fünf Prozent, die von Exxon Mobil bei 5,6 Prozent. Zudem liegen den KGVs aufgrund der Abschläge in den vergangenen Jahren immer noch niedrig.

Für Anleger wird der fossile Energie-Sektor also plötzlich wieder interessant. Auch, weil viele Konzerne aus der Branche eine neue Unternehmensphilosophie verfolgen. Es geht ihnen nicht mehr in erster Linie darum, möglichst viele neue Quellen anzubohren, wofür sie in der Vergangenheit eine Menge Geld ausgegeben haben. Vielmehr geht es darum, das, was da ist, zu Geld zu machen. Und das wiederum an die Aktionäre auszuschütten. Besonders viele US-Konzerne haben in den vergangenen Jahren ihre Kostenstrukturen überarbeitet, um profitabler zu werden.

Hohe Wachstumsraten braucht von der Branche auch in Zukunft niemand mehr zu erwarten, aber durch die Preissteigerungen, die kein kurzfristiges Phänomen bleiben dürften, und eine neue Kostendisziplin, könnten die Energiekonzerne auch für defensive Anleger zum Investment der Stunde werden.

OG

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12.10.2021 | 13:58

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