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Aktienmarkt befindet sich „in epischer Blase“

Warnt besonders vor Investments in US-Wachstums-Aktien: Jeremy Grantham. (Foto: GMO)



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Der britische Star-Investor Jeremy Grantham warnt in einem Brief erneut vor maßlosen Übertreibungen. Rückblickend, schreibt er, könnten die aktuellen Bewertungen als eine der größten Blasen aller Zeiten in die Finanzgeschichte eingehen.

Jeremy Grantham, Investorenlegende und Mitgründer des Bostoner Vermögensverwalters GMO, hatte sein Misstrauen gegenüber der rasanten Börsenrally bereits im Juni vergangenen Jahres kundgetan. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNBC hatte er Anleger damals aufgefordert, nicht in US-Aktien zu investieren. Zu diesem Zeitpunkt waren vor allem die Kurse von US-Tech-Aktien nach oben gestürmt. Allein, hätten Investoren Granthams Ratschlag befolgt, sie hätten gewaltige Kursanstiege verpasst, die damals erst begonnen hatten.

Nachdem aber die großen US-Indizes und zuletzt der DAX ihre Punkterekorde von vor dem Corona-Crash überschritten, wächst die Skepsis am Markt. Manch Überbewertung, besonders im Technologiesektor ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Und so fühlte sich Grantham offenbar dazu genötigt, noch einmal auf das hinzuweisen, wovor er sich offenbar sehr fürchtet: Einer „epischen Blase“, die als ebensolche in die Finanzgeschichte eingehen könnte. „Vor dem Hintergrund extremer Überbewertungen, explosiven Preisanstiegen, rasenden Emissionen und einem so hysterisch wie spekulativem Anlegerverhalten, wird dieses Ereignis zu einer der größten Blasen der Börsenhistorie – ähnlich der „Südsee-Bubble“, 1929 und 2000“, schreibt er in einem Brief vom 5. Januar. Investoren rät er mahnend: „Machen Sie keinen Fehler, dies könnte die wichtigste Phase in Ihrem Leben als Investor sein.“ Diese Blase werde zu gegebener Zeit platzen, egal welche noch so außergewöhnliche Maßnahmen die Fed ergreife. In der Wirtschaft und in vielen Portfolios werde dies gewaltige Schäden anrichten.

„Heute liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis  des Marktes historisch betrachtet in den obersten Prozentbereichen und die Realwirtschaft in den untersten.“ Dies, so Grantham weiter, sei „völlig beispiellos“. Er kam dabei auch auf die Aktien von Hertz, Kodak, Nikola und Tesla zu sprechen, die seine Kollegen Ben Inker und John Pease, als Paradebeispiele für die „Manie am Markt“ bezeichneten.

„Wir warten auf den letzten Tanz und schließlich darauf, dass die Musik aufhört.“

Ob der historisch niedrigen Zinsen, wie das KGV von vielen Anlegern inzwischen als nicht mehr ganz zeitgemäßer Indikator angesehen, wenn es um die Bewertung von Aktien geht. Grantham jedoch schreibt: „Die Idee, das die Zinsen für immer niedrig bleiben, womit viele Börsianer ihre Prognosen weiter steigender Kurse rechtfertigen, ist der ultimative ‚Moral Hazard‘.“ Ein gewaltiger Fehlanreiz also, der sich aus falschen Sicherheiten nährt. Dem folgend zu investieren, sei 2000 und 2008 ein Trugschluss gewesen und sei auch heute einer, mahnt Grantham. „Alle Versprechen waren am Ende nichts wert. Bis auf eines: Die Fed hat getan, was auch immer sie konnte, um die Scherben aufzusammeln und den Märkten wieder auf die Sprünge zu helfen, nur damit die in der nächsten Runde aus Kursanstieg und anschließendem Crash landeten.“ Jetzt sei wieder so ein Punkt erreicht: „Wir warten auf den letzten Tanz und schließlich darauf, dass die Musik aufhört.“

Bereits im November hatte Grantham gesagt: „Das einzige, das für immer bleibt, ist, dass ein höher bepreister Vermögenswert eine schwächere Rendite erzielt, als ein niedriger bepreister.“ Es sei eben unmöglich, gleichzeitig einen Kuchen zu haben und einen zu essen. „Sie können ihn jetzt auf einmal genießen, oder Sie können ihn in ferner Zukunft stückweise genießen, aber nicht beides.“ Projiziert auf die Märkte bedeutet das: „Der Preis, den wir dafür zahlen, dass die Kurse aktuell immer weiter steigen, ist eine niedrige Rendite in den nächsten zehn Jahren.“

Ganz aus Aktien verabschieden, müssten sich Anleger deshalb aber nicht. Nach Granthams Ansicht gilt es vor allem Investments in US-Wachstumsaktien zu meiden. Schwellenländer und der Value-Sektor wären die besser Idee. Aktien aus Schwellenländern befänden sich auf einem ihrer drei mehr oder weniger gleichwertigen relativen Tiefststände im Vergleich zu US-Papieren innerhalb der vergangenen 50 Jahre. Value-Aktien hätten derweil Ende 2019 ihr schlechtestes Jahrzehnt aller Zeiten abgeschlossen und 2020 ihr schlechtestes Jahr. Allein im vergangenen Jahr lag die Differenz  zwischen Wachstums- und Value-Aktien bei 20 bis 30 Prozentpunkten.  

An den Märkten schert man sich um Granthams Warnungen offenbar wenig. Am Tag der Veröffentlichung seines Briefs stiegen die Kurse dies- und jenseits des Atlantiks munter weiter.

OG

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06.01.2021 | 15:47

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