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Eine kurze Geschichte des Bitcoins, oder: Wie lange steigt der Kurs noch?

(Bild: Shutterstock)



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Der Bitcoin steigt und steigt und steigt an Wert. Grund genug für Wirtschaftshistoriker, dessen kurze Geschichte genauer zu betrachten. Ergebnis: Der Kleine hat einen Wachstumsschub, von dem er sich auch nicht mehr abbringen lassen wird. Allerdings sind kurzfristige und auch schmerzliche Einbrüche sicher.

Der Kleine hat einen Wachstumsschub: Die Kryptowährung Bitcoin, die erst vor zwölf Jahren das Licht der Welt erblickt hat, gewinnt derzeit massiv an Wert. Nachdem zum Jahreswechsel knapp 30 000 Dollar pro Bitcoin fällig wurden, sind es fünf Tage später schon wieder rund zehn Prozent mehr. Und mit jedem Kurssprung, den niemand erklären kann, steigt die Zahl der Fans - und der Kritiker. Die einen investieren mit Blick auf das schnelle Geld. Die anderen warnen und bezeichnen die digitale Währung als „Schneeballsystem“. Sie vergleichen den Hype mit der berüchtigten Tulpenzwiebel-Blase aus dem Jahr 1637 in den Niederlanden. Die Tulpen-Manie ist die erste gut dokumentierte Spekulationsblase in der Wirtschaftsgeschichte. Und die Dokumentare sind es auch, die angesichts der aktuellen Bitcon-Manie jetzt einen Blick auf den Kleinen mit den großen Muskeln werfen.

In den USA hat sich eine regelrechte Zunft der Bitcoin-Jünger entwickelt, was Grund genug fürWirtschaftshistoriker wie etwa die der Zeitschrift „Fortune“ ist, die Wachstumsschübe der digitalen Währung, aber auch ihre Aussetzer und Unterbrechungen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ergebnis: Der Zwölfjährige erreicht demnächst wieder das Maß, von dem an er gestutzt wird. Es ist dann Schluss mit der Rallye. Wie immer bei Investitionsentscheidungen fragen sich die Geldgeber aber nach dem genauen Zeitpunkt, an dem die Rallye abgebrochen wird. Um da nicht falsch zu liegen, empfehlen die Fortune-Autoren ein Blick auf die Historie.

Sie haben dazu die Entwicklung des Bitcoins in fünf Perioden eingeteilt – alles Strecken, in denen der Preis in schneller Abfolge massiv nach oben schoss, um anschließend mit noch größerer Dramatik wieder nach unten abzurauschen - meistens auf ein Niveau, das tiefer war, als das von dem aus er zu seiner Rekordjagd aufgebrochen war. Und sie machen die Gründe für diese rasante Achterbahnfahrt aus, die entscheidend sind, um am Ende die nächste Blase, und deren Platzen vorhersagen zu können. Ihr Grundton ist dabei optimistisch: „Finanzblasen können durch Überoptimismus in Bezug auf die Wirksamkeit von Innovationen entstehen“, schreiben sie. Auf lange Sicht allerdings zahlten sich die Innovationen doch noch aus. Als Beispiel nennt der Autor der Bitcoin-Historie David Morris die Dotcom-Blase von 1999. Sie platzte ein Jahr später, eine Dekade danach begann jedoch der nachhaltige Aufstieg der Dotcom-Firmen.

Die Probleme der Wissenschaftler bei der Untersuchung der Bitcoin-Historie beginnen bereits bei der Festlegung des jeweiligen Bitcoin-Wertes in den vergangenen Jahren. Viele der Bitcoin-Marktplätze, auf denen die historischen Preise festgelegt wurden, existieren nicht mehr. So war Mt. Gox bis 2014 einer der weltweit größten Handelsplätze für Bitcoins. Es wurde 2009 als Tauschplatz für Sammelkarten gegründet, im Jahr 2010 zu einer Bitcoin-Börse umgewidmet und im August 2013 wurden 60 Prozent des weltweiten Bitcoin-Handelsvolumens über die Plattform vermittelt, bevor die Betreiber ein Jahr später am 28. Februar 2014 bei einem japanischen Bezirksgericht Insolvenz anmeldeten. Sie hatten sich verzockt. Bis zum Jahr 2012 stützen sich die Autoren der ersten einschlägigen historischen Darstellung deswegen auf die Börse 99bitcoins.com, für Preise danach auf CoinGecko, eine Online-Plattform, die den Wert von Kryptowährungen in Echtzeit verfolgt.

Der Dollar-Paritäts-Tag

Periode eins reicht von Februar bis April 2011 und nennt sich der „DPDay“, der Dollar-Paritätstag. Damals erreichte der Bitcoin-Bullenlauf im Februar seinen Höhepunkt, ein Bitcoin war kurzzeitig mehr wert als ein Dollar. Der Aufstieg der Kryptowährung bis hin zu dieser Marke war für ihre Entwicklung von enormer Bedeutung. Er begann bereits im Juli 2010. Der Bitcoin war nur ein paar Cent pro Dollar wert, als er erstmals auf „Slashdot“ erwähnt wird, einer Nachrichtenplattform für Technikfreaks. Der Beitrag brachte einschlägige Entwickler wie Jeff Garzik und Jed McCaleb zusammen. Das gestiegene Interesse führte dazu, dass der Preis eines Bitcoins am 10. Februar 2011 auf einen Dollar stieg, was einen zweiten Beitrag auf Slashdot zur Folge hatte, der weitere Aufmerksamkeit erregte. Dieser Grundzyklus, so schreibt Morris, ist immer noch eine wichtige Dynamik des Bitcoin-Marktes: Echte technologische oder infrastrukturelle Fortschritte treiben den Preis in die Höhe, dann erzeugt der Preis selbst ein weiteres, weniger nachhaltiges Wachstum.

Beule auf der Seidenstraße

Die erste wirklich wilde Bitcoin-Blase und damit Periode zwei beginnt kurze Zeit später mit einem Artikel vom 1. Juni 2011 über den „Seidenstraßen“-Markt im Darknet auf der inzwischen nicht mehr existierenden Nachrichtenseite Gawker. Der Artikel beschrieb, wie Drogen illegal und anonym mit Bitcoin auf einer versteckten Website gekauft werden können. Er erschien unmittelbar nach der Öffnung mehrerer neuer Bitcoin-Börsen, wodurch der Kauf des Tokens einfacher wurde. Die Kombination aus Aufmerksamkeit und Zugang katapultierte den Wert eines Bitcoins in nur einer Woche von zehn auf fast 30 US-Dollar. Dann brach der Hype in sich zusammen, und die Währung sackte monatelang ab, bis sie bei wenig mehr als zwei Dollar landete.

Die Tausender-Marke wird durchbrochen

Knapp drei Jahre nachdem der Bitcoin die Barriere für die Dollar-Parität durchbrochen hatte, näherte er sich einer weiteren entscheidenden Schwelle und knackte Ende November 2013 die 1000 Dollar-Marke. Doch der Preis war rein spekulationsgetrieben und hielt nicht mal zwei Wochen. Bis Mitte Dezember war er um die Hälfte eingebrochen. Es war als klebte Blei am Kurs, zwei Jahre lang ging es von Tiefpunkt zu Tiefpunkt. Im Januar 2015 lag er bei vergleichsweise bescheidenen 172 Dollar. Die Preise haben nach dem ersten Durchbruch mehr als drei Jahre lang keine 1000 Dollar geschafft.

Der Tränenmacher

Die bisher verrückteste aller Bitcoin-Blasen setzt mit Periode vier 2017 ein. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass es Investoren diesmal gar nicht auf den Bitcoin abgesehen hatten. Stattdessen wurde der Bullenlauf 2017 größtenteils von einer Welle neu geprägter sogenannter „alternativer“ Kryptowährungen angeheizt, die mit großen Erwartungen starteten. Die allgemeine Euphorie zog den Bitcoin mit, so dass er am 15. Dezember 2017 bei 19 665 Dollar landete. Zu seinem Lauf trug bei, dass ein neuartiges Verfahren, das als Initial Coin Offering (ICO) bekannt wurde, es den Gründern der neuen Währungen ermöglichte, ihre Angebote direkt an Anleger zu verkaufen. Der Spekulation war Tür und Tor geöffnet, tausende Investoren bestätigten sich immer wieder selbst in dem, worin sie ihr Geld anlegten. Wie jede Blase nährte sich auch diese selbst, weil unter den Anlegern die Angst etwas zu verpassen, verbreiterter war, als die Vernunft, die tatsächlichen Werte hinter den Kryptowährungen zu sehen. Der Bitcoin profitierte von der Raserei, aber sein Anteil am gesamten Kryptomarkt fiel. Das alles endete natürlich in Tränen. Nur eine Woche nach dem Höhepunkt fiel der Bitcoin um mehr als 25 Prozent. Andere Kryptowährungen brachen noch weiter ein. Langfristig erwiesen sich viele der Kryptowährungsprojekte als dreiste Betrugsfälle. ICOs werden seitdem von der US-Börsenaufsicht als illegale Wertpapierangebote eingestuft und verfolgt. Der Bitcoin stand genau ein Jahr nach dem Höhepunkt am 15. Dezember 2018 bei 3164 Dollar. Selbst ein Profi wie der japanische Tech-Mogul Masayoshi Son von SoftBank  soll in der Kryptoblase 2017 rund 130 Millionen Dollar verloren haben - angeblich aus seinem persönlichen Vermögen.

Diesmal ist es ... anders?

Wir stecken mitten in Periode fünf. Veteranen der wilden Achterbahnfahrt des Bitcoins argumentieren, dass der derzeitige Anlauf entscheidend anders ist. Sie verweisen darauf, dass ICOs verboten und damit die schlimmsten Exzesse von Betrügern und ihrer Gier verhindert werden. Dazu kommt eine durch die Pandemie ausgelöste weltweite Wirtschaftskrise, die die Staaten zu Schuldenorgien zwingt. Die Folgen bei herkömmlichen Währungen sind bekannt und reichen bis zur Deflation. Die Hoffnung ist da, dass sich digitale Währungen von diesem Trend lösen können. Die wachsende Präsenz regulierter Banken und börsennotierter Unternehmen auf dem gesamten Kryptomarkt geben ein völlig neues Gefühl der Normalität. Aber der Bitcoin, so wiederholen die historisch beschlagenen Ökonomen, sei immer noch ein spekulativer und riskanter Vermögenswert. „Wenn die Geschichte eine Lehrerin ist“, so schreiben sie, „wird es auf Bitcoins Reise zum Mond“ noch mehr als eine Handvoll  Rückschritte geben.                                

oli

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05.01.2021 | 09:36

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