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Boeing nach Abstürzen in Bedrängnis


Der traditionsreiche amerikanische Flugzeughersteller Boeing gerät ins Trudeln. Die zwei Abstürze von B-737 Max Flugzeugen mit hunderten Todesopfern bringen Boeing in Bedrängnis. Europa-Konkurrent Airbus sieht es allerdings nur mit gemischten Gefühlen.

Von Reinhard Schlieker

Wer um Himmels willen ist denn nun schon wieder Kenneth Feinberg? Muss man vielleicht nicht wissen, in Deutschland jedenfalls. Oder vielleicht doch? Mr. Feinberg wurde unlängst von Boeing engagiert. Er ist in den USA unter der Rubrik „Staranwalt“ gelistet, und er soll nun die Klagen bearbeiten, und bestenfalls abweisen helfen, die nach dem B-737-Max-Desaster in Seattle eintrudeln. Die Wahl des Anwalts für Entschädigungsrecht offenbart zweierlei: Zum einen, dass Boeing die Sache ernstnimmt. Zum anderen aber auch, dass der Flugzeughersteller Hilfe um jeden Preis braucht. Denn Mr. Feinberg ist nicht billig zu haben.

Im zweiten Vierteljahr hat Boeing sage und schreibe fünf Milliarden Dollar an Belastungen in seine Bilanz eingepflegt. Mehr oder weniger. Und was in Zukunft noch kommen wird -  der Staranwalt dürfte es ahnen, jedoch nicht sagen, niemals.  Entschädigungen für Fluggesellschaften wegen des Flugverbots für die B-737 Max sind da noch nicht einmal drin. Die Milliarden-Zahl schockierte heute die Anleger und ließ sie Böses erahnen für die Zukunft des Flugzeugherstellers. Und das wohl zu Recht.

Warum sich Hauptkonkurrent Airbus nicht offen freut, liegt allerdings auf der Hand: Zum einen sind Abstürze von Verkehrsflugzeugen immer auch Anlass, die gesamte Branche zu hinterfragen: Wenn es bei einem Herstellungsmängel gibt, dann vielleicht auch beim anderen? Und Sicherheit ist das Verkaufsargument schlechthin, wenn es um Flugzeuge geht. Airbus freut sich daher allenfalls sehr verhalten. Natürlich hat man in Toulouse, dem Sitz des europäischen Gemeinschaftsunternehmens, jede Atempause im beinharten Wettbewerb sehr gern. Andererseits kämpfen die Europäer schon ganz ohne Katastrophen mit widrigen Winden: Die Debatte um Luftreinhaltung trifft sie momentan hart, und nicht immer ist mit rationalen Argumenten die Diskussions-Lufthoheit zu gewinnen. 

Was am Ende am schwersten wiegen dürfte: Die Kundenmeinung. Die Öffentlichkeit mag hin und wieder schnell vergessen – wenn aber ein Flugzeugtyp mit einem solchen Bekanntheitsgrad wie „737“ betroffen ist, allgemein sogar mit dem freundlichen Beinamen „Bobby“ versehen, in negatives Umfeld gerät, dann ist in der Branche Alarmstimmung angesagt. Vor allem: Dieses Thema verschwindet nicht. Die Quartalszahlen von Boeing mögen verrauschen, wenn aber solche Fluggesellschaften wie Ryanair ihr Wachstum gebremst sehen, wie gerade verkündet, dann heißt das nicht nur: Die Airbus-Freunde, wie etwa Lufthansa-Tochter Eurowings, gewinnen an Marktanteil. Es heißt auch: Am Himmel ist bei schweren Pannen schnell die Luft raus. Staranwalt Feinberg wird manches Geschick brauchen, um Boeing über die Runden zu bringen. Hierzulande unterliegt der Jurist ohnehin einer gewissen Beobachtung: Er verhandelt nämlich mit im Skandalfall Glyphosat, jenes Unkrautvernichters von Monsanto, der Bayer-Tochter. Aber das ist eine andere Geschichte.

19.07.2019 | 12:45

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