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Corona-Gewinner im Hintergrund: Die deutschen China-Exporteure



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Was braucht man in China ständig, unverzüglich und auf Dauer? Nun, jedenfalls nicht in erster Linie Glückskekse oder ziselierte Papierfächer. Das schon auch, aber dort vor allem für den Export. In großer Menge, versteht sich. Die zweitgrößte Exportnation der Welt – je nach Messlatte – braucht vor allem sinnvoll gesteuerte Bewegung in den Lagerhäusern, und dabei hilft seit 2004 direkt am Ort des Geschehens die Jungheinrich AG, deutsches Familienunternehmen aus Hamburg, mit über 40 Niederlassungen weltweit und noch einmal doppelt so vielen internationalen Partnern.

Von Reinhard Schlieker

Also, Ordnung im Lagerhaus mit Gabelstaplern, Palettensortierern, Lager- und Fördersystemen, und der Glückskeks wird kein Überraschungsei. Das ist jetzt keine Werbebotschaft von Jungheinrich, eher schon könnte es dieses hier sein: Die Vorzugsaktien des Unternehmens haben im SDax in den vergangenen sechs Monaten ein Kursplus von 50 Prozent aufzuweisen. Wie fast immer, belohnte das Glück allerdings besonders die Mutigen der Börsenbaisse, die beim tiefen Knick im März 2020 bei gut zehn Euro zugriffen und runde 350 Prozent Plus in einem Jahr verbuchen können. Wir wollen das jetzt nicht in Relation setzen zu jenen 3,5 Prozent Zinsen auf dem Sparbuch, die es einmal, die Älteren mögen sich erinnern, immer am 31. Dezember zu buchen gab.

Jedenfalls zeigt sich an solchen Papieren solider deutscher Mittelständler, warum selbst eine weltweite Pandemie keine Crashgefahr perpetuieren kann: Irgendwann kommt irgendwo jemand aus der Krise als erster heraus, und wenn dies China ist, vielleicht nicht das Lieblingsland der Deutschen, aber wohl das wichtigste in Sachen Importe von Rhein und Neckar und Elbe, und Fertigung am Ort mit all ihren Risiken, dann verdient der heimische Hersteller auch bei Lockdowns und kurzer Arbeit und Homeoffice mit seinen Tücken.

Jedenfalls will Jungheinrich im laufenden Jahr 4,2 Milliarden Euro umsetzen und etwa 300 Millionen Gewinn ausweisen. Ähnlich sieht die Kursentwicklungsgrafik aus, wenn man sich den etwa doppelt so großen Konkurrenten Kion Group ansieht – nur etwas geglätteter. Vor dem Hintergrund, dass die deutschen Ausfuhren nach China 2020 knapp 96 Milliarden erreichten (fast die Hälfte der EU-Ausfuhren insgesamt!), gegenüber Einfuhren von 116 Milliarden, offenbart sich zwar ein Handelsbilanzdefizit, aber kein drastisches. Die USA haben demgegenüber eine Lücke von 265 Mrd. Euro bei enormen Importen (370 Mrd.) und weit weniger als einem Drittel davon an Exporten nach China (106 Mrd. Euro). –

Bekannt als Treiber der Dinge sind natürlich die etablierten Industrien mit den deutschen Autoherstellern und großen Maschinenbauern, die in China mittlerweile auch einen Teil der dort üblichen Gängelung abstreifen konnten – auch wenn die Auseinandersetzung um geistiges Eigentum und dessen freihändige Weiterverwertung, oder auch die Pflicht zum Teilen mit chinesischen Partnern keineswegs konfliktfrei geregelt sind. Im Zorn haben sich deutsche Mittelständler auch schon mal ganz von dort verabschiedet – was in der Regel vor weiterer Plagiatsfertigung nicht schützt; der nicht börsennotierte Motorsägenhersteller Stihl kann ein Lied davon singen (dass auf einem Nachahmerprodukt der Firmenname in der eigenwilligen Schreibweise „Sthil“ auftaucht, sorgt vermutlich weder für Heiterkeit noch Trost).

Hauptproblem der Unerschrockenen allerdings ist die Corona-Auswirkung namens Lieferkette. Das ist nicht die, die einem beim schlampigen Handwerkszeug in Fetzen von der Säge springt, deren Reißen allerdings zu äußerst schmerzhaften Unterbrechungen im Tagewerk führen kann. Wer von den hochspezialisierten Herstellern etwas auf sich hält, hat schon bei den ersten Auswirkungen der Pandemie ganze Krisenstäbe mit der etwaigen Disruption und deren Ausgleich beschäftigt. Momentan sieht man, wie vor allem die Autoindustrie weltweit vom Ausbleiben elektronischer Bauteile getroffen wird: Daimler hat zu klagen, auch General Motors vermisst schmerzlich seine Chips, und in Frankreich greift Peugeot momentan zu beherzten Maßnahmen aus der Mottenkiste: Statt flimmernder Digitalanzeige kommt das Auto nun wieder mit einem analogen Tachometer, zum Glück scheint man noch welche zu haben. In Sammlerkreisen wird womöglich eines Tages ein Oldtimer um so begehrenswerter, wenn er „Jahrgang 2021 mit analogen Instrumenten“ im Steckbrief stehen hat. Sofern der Handel mit solchen Verbrennermodellen nach 2060 überhaupt noch statthaft sein wird, aber so etwas muss den Börsenanleger nicht bekümmern, egal wie langfristig er orientiert sein mag.

Lernen kann man aus diesen Geschehnissen allerdings schon. Zum einen wird sich an Prognosen und Quartalsergebnissen recht bald ablesen lassen, wie gut eine AG ihre Stolpersteine aus dem Weg räumen kann, denn ein gutes Produkt oder eine Geschäftsidee allein reichen nicht zum Erfolg in diesen Tagen. Und wenn man nach dem „Wie“ forschen will, so rein interessehalber, erhält man vielleicht eine ganz gute Einsicht in das Vorhandensein von Querdenkern (im ursprünglichen besten Sinne) in einem Unternehmen, und was sie dort bewegen können. Brandheiße Meldungen, dass Jungheinrich-Gabelstapler künftig mit analogen Drehzahlmessern und Tachos ausgestattet werden, sollte man allerdings sehr kritisch sehen, sofern sie einen denn jemals anspringen sollten.

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23.04.2021 | 08:53

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