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Des Betrügers Gewitztheit und die Zukunft des Automobils: Nikola, GM und Co.



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„Wenn auch des Betrügers Witz den Betrug nicht adelt, so adelt doch der Preis den Betrüger“, wusste Friedrich Schiller („Die Räuber“) aus lebenserfahrener Beobachtung des Kriminalwesens zu konstatieren. Ganz in diesem Sinne, obschon bislang noch auf seinen Prozess wartend, gründete Trevor Milton keinen Billig- Spielzeugladen oder Ein-Dollar-Shop, sondern lieber gleich ein Unternehmen, das von Arizona aus die monströsesten wasserstoffgetriebenen Lastwagen der Zukunft produzieren und in Verkehr bringen wollte und irgendwie auch noch will.

Von Reinhard Schlieker

Für die Anleger der ersten Stunden und Wochen brachte er mangels fahrbereiter Produkte einen futuristisch designten Lkw auf einen Berg und ließ ihn majestätisch die Wüstenstraße, ja, gavitationsgetrieben wie gravitätisch herunterrollen, das Ganze dann per Video auch seinen Aktionären übermitteln – und das brachte dann die Staatsanwaltschaft in New York auf die Palme, die vermutlich nicht mit dem Argument zufrieden sein wird, dass ja wohl immerhin die Bremsen des wirklich futuristischen, weil antriebslosen Truck von allererster Güte sein dürften. Nun drohen gar 25 Jahre Gefängnis für Börsenbetrug, ein auch für Langfristanleger schwer überschaubarer Zeitraum. Die Aktie der Firma Nikola, welches der Vorname des Elektropioniers Tesla war, dessen Nachname bekanntlich schon vergeben ist, machte einen Dive wie der Laster und verlor 90 Prozent des Höchstkurses, der mal über siebzig Euro lag (heute: rund acht), die Börsenbewertung von 30 Milliarden Dollar für ein Unternehmen weitgehend ohne Produkt oder gar Gewinn ist nur noch ein ferner Schatten. Nikola will ohne Boss Trevor gleichwohl batterie-elektrische Lkw produzieren, teils auch in Deutschland, und strebt ebenso weiterhin den umweltfreundlichen Antieb per Wasserstoff an – nur dass eben die großspurigen Datumsangaben aus den Prognosen still verschwunden sind. Große Analysehäuser und Fonds sind weiter skeptisch, ob der Vorstand, der das alles mitangesehen hat, nun ehrlicher wirtschaftet.

Wer die Aktie nicht hat, kann sich aber in Ruhe anderweitig umtun. General Motors etwa versprach, mit Nikola zu kooperieren, ohne gleich alles andere stehen und liegen zu lassen. Das ist beruhigend. GM hat seit seiner Beinahe-Insolvenz im Zuge der Finanzkrise erholsam zugelegt, und wer den Einstieg in den Riesen der Fahrzeugbranche verpasste, bekam eine Corona-Chance im März 2020, als der Kurs nochmal auf 18 Euro fiel. Seitdem erreichte er 52 Euro und liegt bei nun rund 46. GM aus Detroit mit seinen Hauptmarken Chevrolet, Buick oder auch Cadillac hat durch weltweite Kooperationen, vor allem in China, zahlreiche Standbeine, liefert an das US-Militär (man erinnert sich an den Humvee, „Hummer“) und arbeitet eben auch an Antrieben der Zukunft. William C. Durant, der Gründer von General Motors, fertigte um 1900 noch hervorragende Pferdekutschen und mochte zunächst eigentlich keine Automobile: immerhin, damit wäre er bei manchen heute in Deutschland sehr willkommen.
Während man sich hierzulande nun offenbar auf elektrisch-batteriebetriebene Fahrzeuge versteift hat, sind weltweit zahlreiche andere Technologien im Entstehen begriffen, und eine komplette Verdammnis des spritgetriebenen Vehikels wurde außer in der EU so nirgendwo nachgemacht.

Man wartet klug ab: Am Ende könnte die Batterie obsolet und der Brennstoffzellenantrieb tatsächlich der Gewinner sein – auf den in Deutschland seit langem bereits BMW setzte, auch als es noch unpopulär war. Sobald der hohe Verbrauch elektrischer Energie bei der Erzeugung von Wasserstoff ins Kosten-Nutzen-Kalkül passen wird, dürfte es schnell gehen, und das nicht nur bergab wie bei Nikola. Auch die BMW-Aktie erholt sich stetig seit der Corona-Delle und hat ihren Wert seit dem berüchtigten März 2020 verdoppelt. Sodann bliebe noch das Setzen auf die Erzeuger: Bei der Wasserstoff-Herstellung führt neben Air Liquide der Gasespezialist Linde, dessen Aktie seit der Fusion mit Praxair auch nur den Aufstieg kennt. Linde plc notiert mit knapp 260 Euro am absoluten Höchststand – wieder blickt man mehr oder weniger gerührt auf März 2020, als auch dieses Papier nur die Hälfte kostete. Wie man sieht, gibt es zahllose Möglichkeiten, sich nicht bei Nikola zu engagieren; was womöglich sogar familiäre Auseinandersetzungen, mit und ohne Lockdown, vermeiden hilft. Ob sich hingegen Trevor Milton mit Schiller trösten kann? Der bemerkte immerhin ebenfalls, „die Schande nimmt ab mit der wachsenden Sünde“, aber wenn das so stimmen würde, dann wären einige Börsen-Großjongleure heute hoch angesehen statt in Haft, aber das ist eine andere Geschichte.

06.08.2021 | 12:18

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