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Im Rausch der Tiefen

(Foto: Shutterstock)



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Wären Bitcoin und Konsorten tatsächlich das, was sie als Bezeichnung tragen, nämlich: (Krypto-)Währungen, so wiesen sie momentan eine Inflationsrate auf, die Venezuela oder die Türkei als Horte der Stabilität erscheinen ließe.

Von Reinhard Schlieker


Wer meint, mit diesem Blockchaingeld Anschaffungen tätigen zu können, muss nach einer Halbierung des Bitcoinkurses auf derzeit um die 27.000 Euro im Zeitraum von sechs Monaten wohl seine Wünsche herunterschrauben oder unverdrossen weiter sparen. Der Rausch der Tiefe enthält schon zeitgleich den Kater.

Zugegeben, noch vor zwei Jahren stand das Asset bei einem Viertel des heutigen Wertes, etwa 6.500 Euro. Aber das ist genau genommen kein Trost, denn die Richtung der heftigen Wertschwankungen ist weniger bedeutend als vielmehr die Volatilität: Kaum ein Zahlungsmittel der Welt, außer in Failed States, weist eine solche Entwicklung auf. Wer dort über einen gewissen Wohlstand verfügt, wird die Landeswährung meiden und in sichere Häfen ausweichen, als da wären bekanntermaßen Edelmetalle, und, wenn es Papier sein soll, der US Dollar. Die Flucht aus den Kryptowährungen, die derzeit dem staunenden Publikum Kopfschütteln abnötigt, ist also durchaus nicht ohne Vorbild in der nicht-computerisierten Umwelt der Devisen.

Aber: Weder auf Werterhalt gepolte Investoren noch Konsumenten würden es protestarm hinnehmen, beispielsweise im November eine Geldanlage zu tätigen, die sich locker halbiert. Oder etwa einen Neuwagen zu bestellen, von dem sie bei Lieferung wahlweise nur den Motor oder aber die Karosserie bezahlen können. Wer Bitcoins akzeptierte, wie zeitweise Tesla, und schnell wieder das Weite im virtuellen Raum suchte, musste seinen Aktionären dann entweder erklären, warum man dein Auto mit 50 Prozent Rabatt oder aber kurz zuvor oder kurz danach mit 50 Prozent Aufpreis losschlagen musste oder konnte.

Anhänger der Vehikel wie Bitcoin oder Ethereum, oder des ironischerweise so getauften Stablecoin (derzeit molekular instabil) verweisen gern auf die Unabhängigkeit von staatlichen Stellen und die Anonymität des Ganzen, der dank des Blockchain-Verfahrens fälschungssicheren Verfassung der Coins. Sicherheit vor Diebstahl kommt aber kaum noch vor in den Argumentationsketten, mit gutem Grund nach millionenschweren Raubzügen, wo eher nicht das Kryptogeld, sondern vor allem die Täter anonym blieben. Eher selten sind Fälle, wo tatsächlich Milliarden Bitcoins erbeutet, vom FBI aber mitsamt der Diebe ermittelt werden konnten – im Februar wurde ein Paar in New York verhaftet, das Geraubte sichergestellt. Er ein Gelegenheits-„Magier“, sie eine mäßig begabte Rapperin (unter anderem), auf deren Vorgehensweise das FBI sich bald einen Reim machen konnte, auf ihre Verse wohl weniger. Manchmal sind es auch solche Täter wie eine nordkoreanische Militäreinheit (625 Millionen Dollar in Coins entwendet), Strafverfolgung schwierig bis unmöglich; oder unbekannte Teilnehmer eines Blockchain-Computerspiels, die dann immerhin mehr oder weniger reuig einen Teil der Beute zurückgaben. Vermutlich waren sie mit der Wertentwicklung unzufrieden.
Bitcoinkritiker, wie prominent Warren Buffett oder ganz aktuell EZB-Chefin Christine Lagarde, erreichen nicht immer die Wirkungsmacht, die man ihnen zuschreiben möchte. Lagarde etwa machte gerade als K.O.-Kriterium aus, dass Blockchain-Währungen ja nicht mit Vermögenswerten unterlegt seien. Nun ja, seit spätestens 1973 gilt das wohl auch für den Dollar, Franken, Yen und D-Mark/Euro. Kann ja mal passieren, kleiner Irrtum halt.

Solche Einlassungen zeigen aber, dass etablierte Währungshüter eine gewisse Nervosität beschleicht, geht es um die Durchsetzungskraft der Blockchain. Dafür gibt es sicherlich zahleiche Gründe, und nicht nur, wie von den Fans und Investoren gern behauptet, eine Furcht vor unabhängigen Währungsräumen, die sich der herkömmlichen Kontrolle entziehen. Dass Bitcoin & Co. auch an den etablierten Finanzmärkten für potentiell gefährliche Verwerfungen sorgen können, ist sicher nicht ausgeschlossen. Dass im Coin-Universum Geld gewaschen wird, in Blockchain-Computerspielen etwa, ist fast schon eine Binsenweisheit. Außerdem hängt am Coin mittlerweile ein ganzes Universum an Dienstleistern und Finanzvermittlern, Beratern und Maklern, die nicht zu ignorieren sind. Wären die Kryptowährungen nicht die Einlösung ihrer zahlreichen Versprechungen schuldig geblieben, mit denen sie einst antraten, könnten sie höchstwahrscheinlich traditionelle Zahlungsmittel in einer gegenwärtigen Zeit mit hoher Inflation durchaus in die Bredouille bringen. Dass seit geraumer Zeit auch für etablierte Währungen wie den Euro eine digitale Schwester ventiliert wird, ist ebenfalls ein Zeichen.

Wer all die Kalamitäten der Coins für Kinderkrankheiten hält, die sich auswachsen werden, kann natürlich auch als Privatanleger mit relativ geringem Risiko (mehr als Totalverlust ist ausgeschlossen) an einem möglicherweise kommenden neuen Hype teilnehmen. Es gibt herkömmliche ETFs, die auf Unternehmen setzen, welche vom Handel mit Kryptos leben. Allerdings ist das bekannteste davon, Coinbase, nicht gerade eine Empfehlung (von 280 auf 65 Euro in sechs Monaten). Direkt in Bitcoins investieren kann man in Deutschland außer über den direkten Erwerb mithilfe von ETNs, die analog zu ETFs handelbar sind (Exchange Traded Notes). Auch Sparpläne sind über diverse Brokerhäuser möglich. Der Vorteil: Solche Pläne nivellieren die extremen Schwankungen etwas. Dass dies spekulativ ist und bleibt, mag für manchen ja keine Warnung, sondern sogar Empfehlung sein.


27.05.2022 | 13:33

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