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Kann der Corona-Kampf das Depot noch krönen?

Die Meldung zur Wirksamkeit eines Corona-Impfstoffes hat den Aktienkurs des Mainzer Unternehmens Biontech nach oben klettern lassen (Stand: 10.11.2020).

Die Gründer von Biontech: Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci.



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Die Meldung des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer über erfolgversprechende Daten zur Wirksamkeit eines Corona-Impfstoffs hat die Börsen berauscht. Anleger stehen jetzt vor schwierigen Entscheidungen

Von Reinhard Schlieker

Noch längst ist der Impfkampf gegen Corona nicht von Erfolg gekrönt, doch so manches Depot verzeichnet hausse-artige Highs. Zumindest wenn man einsame Stars wie Biontech aus Mainz betrachtet, ein wenig gepampert von Pfizer aus Amerika, die mit ihrem Vertriebsnetz nicht zuletzt die Ernte einfahren sollen, welche man erhofft, wenn der neuartige Impfstoff unter die Interessenten verteilt werden kann, als deren Treuhänder bereits ganze Staatenbünde und mächtige Länder des Globus auftreten und bestellen.

Sozusagen blind, wie die Studien, die man anstellt an Mensch und Tier, erstere sogar doppelblind. Biontech jedenfalls gewann das Rennen um die erste auszugsweise nachvollziehbare Erfolgsmeldung: In sage und schreibe neunzig Prozent der Fälle sollen sich schützende Antikörper in den Versuchspersonen gebildet haben. Die Börse reagierte mit einem Aktienkurssprung und infizierte sogar gänzlich unbeteiligte Werte der Gesundheitsbranche. Biontech jedenfalls kletterte bis auf 115 Dollar an der NASDAQ – der geringste verzeichnete Wert der letzten zwölf Monate lag bei 17,07 Dollar. Pfizer als Dickschiff der Pharmaflotte stieg aufgrund der Nachrichten immerhin zweistellig auf bis zu 40,75 Dollar, beide Werte bröckelten allerdings wieder ab.

Noch gibt es keinen zugelassenen Impfstoff gegen das tückische Virus, sechs sind in begrenzter Anwendung frühzeitig freigegeben. Aber es stehen insgesamt 53 Substanzen im Test an Menschen, weitere an die neunzig werden in Tierversuchen getestet und sind in einer sehr frühen Phase. Dicht am Konkurrenten Biontech klebt Curevac aus Tübingen. Vielversprechende Resultate aus der Phase-1-Studie ließen die Aktie die 70-Dollar-Marke überspringen. Auf vielen unterschiedlichen Wegen forschen die Entwickler daran, das Virus einzudämmen – und dies möglichst inklusive aktueller und noch kommender Mutationen. Denn selbst bei den altbekannten Grippeviren hält eine Impfrezeptur nur eine Saison, dann werden die Karten und Substanzen neu gemischt.

Was aber hat es mit der 90-Prozent-Meldung von Biontech auf sich? Es scheint kaum zu glauben, denn bei herkömmlichen Impfstoffen (etwa gegen Grippe) gilt eine Schutzquote von etwa dreißig bis vierzig Prozent der Geimpften als gut. Und so gibt es von Biontech natürlich auch nur die im Labortest beobachtete Antikörper-Entwicklung. Ob dies in der realen Umwelt einen Schutz vor Ansteckung bedeutet, kann niemand wissen. Dazu bräuchte man lange Beobachtungsreihen echter Patienten. Aber diese Zeit will die Öffentlichkeit und die Politik dem Impfstoff nicht geben – allerorten wurden Regeln zur Erforschung und Testung aufgehoben oder verkürzt, was angesichts der Opferzahlen der Pandemie verständlich erscheint.

Gerade bei den älteren Patienten allerdings, die besonders gefährdet sind, wirken Impfungen nicht so gut wie bei jüngeren Leuten. Würde man die jüngeren Impfkunden aus dem „Ansteckungsverkehr“ ziehen können, wäre damit natürlich auch den Älteren gedient. Dies bedeutet aber weitere, langwierige Forschung und Rückschläge natürlich auch. Biontech befindet sich da auf ganz besonders neuartigem Terrain, weil der Impfstoff grob gesagt durch Viren-Eiweißpartikel einen Angriff simuliert und die Körperzellen dazu anregt, virusspezifische Abwehrzellen zu erzeugen. Solche Impfstoffe gibt es bislang noch überhaupt nicht. Hier von Spekulationen zu sprechen, bietet sich nicht nur im Börsenumfeld an.  
So also könnte der hektische Kampf gegen Corona nicht nur diese hoch ansteckende Krankheit eindämmen helfen, sondern auch ein komplett neues Feld des Impfgeschehens eröffnen, mit ungeahnten Möglichkeiten, gegen bislang unbesiegbare Krankheiten vorzugehen. Auch gegen tödliche Seuchen wie Ebola gibt es schließlich bisher kein Mittel. Skeptiker gibt es dazu natürlich reichlich: Die einen mögen einen solchen Schnellschuss gar nicht erst in Erwägung ziehen, wenn es darum geht, sich impfen zu lassen. Andere weisen, mitunter vielleicht zu Recht, darauf hin, dass CoVid19 bei zahlreichen Patienten zwar nachgewiesen wird, aber nicht die eigentliche Todesursache ist – die liegt oft in anderen Vorerkrankungen.

Falls der Wirkstoff seine Proben besteht, ist weiterhin die Frage, ob eine ausreichend große Zahl von Empfängern sich impfen lässt, um in Zukunft eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern zu können. Man schätzt, dass rund vierzig Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, um ein Ausbreiten der Pandemie zu stoppen. Zahlreiche Fragen also, und das alles noch in frühen Stadien. Eine Erfolgsgarantie fürs Aktiendepot sieht wirklich anders aus. Wer allerdings mit wohlerwogener Spekulation auf den Siegeswillen der Biotechnologie setzen möchte, steht vor einer schwierigen Auswahl. Es kann ja auch mehrere Sieger geben, andere geben schon in frühen Phasen auf. Gute Chancen versprechen sicherlich solche Unternehmen, die etablierte Medikamente besitzen, um die Mittel für Forschung hereinzuholen. Also in gewisser Weise keine Startups sind wie viele in der Biotechnologie. Die Mischung macht’s, nicht nur beim Impfcocktail.

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13.11.2020 | 09:55

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