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Sperrige Lasten im Zukunftskonzern


Die Firma mit dem schwungvollen Namen „Systeme, Anwendungen, Produkte in der Datenverarbeitung“, wenig später SAP abgekürzt und damit ziemlich bekanntgeworden, trug das Erbe der IBM in sich, das die Gründer von dort mitbrachten. Ihnen schwebte schnellere Datenverarbeitung als die mit Lochkarten vor, die Anfang der siebziger Jahre der IBM-Standard (und damit Industriestandard schlechthin) waren.

Von Reinhard Schlieker

Die fünf Gründer, von deren Namen bis heute Kagermann, Plattner und Hopp die in der Öffentlichkeit wohl bekanntesten sein dürften, wagten den Schritt von der mechanisch gespeicherten zur „Realtime“-Information in der Datenverarbeitung, ein Schritt, der mit und bei IBM offenbar nicht machbar gewesen ist: Das Kennzeichen etablierter Großkonzerne, die Tanker statt Schnellboot sind und nur gemächlich umsteuern. Fast ein halbes Jahrhundert später findet sich SAP in jener Position. Fast ähnelt Aufsichtsratschef Hasso Plattner, letzter Gründer aktiv im Konzern, dem jahrzehntelangen IBM-Chef Thomas J. Watson – wenn auch sicher nicht in dessen ruppigen Geschäftsmethoden, die den Amerikaner 1913 fast ins Gefängnis gebracht hätten.

Jenem Watson wird die Äußerung zugeschrieben, es gebe weltweit vielleicht Bedarf für fünf Computer – nicht belegt, aber auch nicht so abwegig, dieser Gedanke, zu einem Zeitpunkt, als Computer haushoch waren und einen Stromverbrauch aufwiesen vergleichbar dem der Bitcoin-Schürfung heute. Das Ringen um den Verbleib an der Innovationsfront ist allerdings für SAP in den letzten Jahren immer härter geworden. In den neunziger Jahren galt das Unternehmen aus Walldorf im Badischen den Deutschen als Vorzeigefirma, die es durchaus mit US-Größen wie Apple oder Microsoft aufnehmen konnte, was neuartige Ideen, Unternehmenskultur und Marktdurchdringung anging. Größe allein war es nicht – auch heute noch hat etwa IBM mehr als dreimal so viele Mitarbeiter wie SAP, was aber in der Branche nicht so viel sagen will, die von Trendsetting lebt und von bitte-nicht-von-gestern-sein.

Typischerweise hat SAP auch in der Corona-Pandemie keineswegs so stark gelitten wie die etablierten Unternehmen der herkömmlichen Industrien – die allerdings allesamt seine Kunden sind, was die rund 20 Milliarden Euro an verlorener Marktkapitalisierung verständlich machen. Aber Kursverluste von 50 Prozent oder gar mehr musste man bei SAP nicht fürchten. Schließlich ist der Konzern inzwischen weltumspannend, selbst wenn eigene Kapazitäten irgendwo beschränkt werden, bleiben genügend vernetzte Standorte. Der wichtigste außerhalb Deutschlands ist allerdings Amerika. Die meisten der über sechzig zugekauften Firmen sitzen dort und harren einer endgültigen Integration.

Die Kernaufgabe des Vorstands, die mutmaßlich auch zu den teils hektischen, immer aber überraschenden Wechseln und Umbauten der Führung beigetragen haben. Man schien sich nie so recht zwischen Doppelspitzen und Alleinvorsitz im Vorstand entscheiden zu können – viele Chefs amtierten zweitweise mit einem Co-Vorsitzenden, das galt für den langjährigen Boss Bill McDermott, zuvor für Henning Kagermann und Leo Apotheker, und ziemlich aktuell für Christian Klein, dem seine Co-Vorstandsvorsitzende Jennifer Morgan kürzlich abhandenkam. Verantwortlich wohl stets. Hasso Plattner. Seit siebzehn Jahren Chef des Aufsichtsrats und nach eigenem Verständnis alles andere als ein Frühstücksdirektor. Gerade angesichts der jüngsten Pirouetten stellen sich größere Anteilseigner inzwischen die Frage, ob der Senior an Bord nicht langsam loslassen sollte, die Forschernatur Plattner allerdings, auch sonst von forscher Natur, hält sich für noch nicht entbehrlich.

Wobei seine Einlassungen gerade nun rund um den Termin der (virtuellen, und damit für SAP eigentlich wesensverwandten) Hauptversammlung zumindest in ihrem Medienecho nicht sehr schmeichelhaft für Plattner ausfielen. Ob SAP, mit dem jüngsten Vorstandschef eines Dax-Unternehmens – Klein ist 39 – auch als federnden Ausgleich einen der ältesten Aufsichtsratsvorsitzenden besitzen muss? Mit 76 Jahren will Hasso Plattner zumindest in den nächsten zwei Jahren nicht aufhören, die Auswahl eines Nachfolgers hat er zumindest öffentlich noch nicht begonnen. Vielleicht traut er auch keinem zu, die gewachsene Vielfalt der SAP-Produkte von der herkömmlichen Betriebssoftware bis hin zu cloudbasiertem Design für Unternehmen jeglicher Couleur noch zu überblicken?

Für Anleger war SAP seit jeher eine sichere (Daten-)Bank, mit kleineren Dellen, und hin und wieder nicht ganz so smartem Anschluss an den Zeitgeist. Wer aber heute als Normalbürger behauptet, das Geschäftsmodell in allen Verästelungen zu überblicken, täuscht sich vermutlich. Die Software zum durchdringenden Verstehen von SAP, zwischen Allzumenschlichem und technologisch Abgehobenen, die muss noch programmiert werden.

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22.05.2020 | 13:31

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