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Gamestop: Ob long, ob short, das Geld ist fort

(Bild: Shutterstock)



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Ist es ein Zwergenaufstand? Oder ganz großes Mäusekino? Nichts dergleichen, es ist der Schwarm.

Von Reinhard Schlieker

Über Reddit-Subforen, Twitter und einige speziellere Online-Plattformen für Kleinanleger organisiert, will man, in der Masse vereint, den etablierten Spekulanten, Banken, Hedgefonds und Equityfirmen zeigen, dass sie nicht risikolos unter sich die Beute teilen können, wenn es um Pennystocks und deren prozentual teils atemberaubende Kursbewegungen geht.

Shortseller, also Leerverkäufer, waren in Anlegerkreisen noch nie sonderlich beliebt – mit dem Elend anderer auch noch Profite einfahren, so die im Internet landläufige Meinung, wenn solche Fonds einmal wieder eine Aktie heruntergeprügelt hatten. Beim populären, aber ertragsarmen und wenig Vertrauen einflößenden Einzelhändler Gamestop (Börsenkürzel in New York: GME) hieß es nun: Kleinkapitalisten, auf die Barrikaden!

Gamestop, mit Niederlassungen in zahlreichen Ländern, verkauft Computerspiele, handelt mit Software auch aus zweiter Hand und ließ sich schon öfter mal neue Konzepte einfallen, als der Handel ins Internet wanderte, aber Gamestop irgendwie nicht. Seit Mitte der zehner Jahre ging es bergab, im Frühjahr 2020 war das Papier noch 2,80 Dollar wert. Am 27. und 28. Januar hingegen konnte man es für 468 Dollar ebenso erwerben wie Stunden später für 132. Ob einer der Preise als Schnäppchen gelten kann, darf bezweifelt werden, denn an der Lage der Handelskette hat sich nichts Nennenswertes geändert.

Shortseller allerdings, deren Erfüllungsfrist Ende Januar liegt, mussten mehr nolens als volens den Kurs in die schwindelnde Höhe treiben, und jedes verfügbare Papier kaufen, koste es eben was es wolle. In den Hedgefondszentralen dürften die ersten Strategiesitzungen laufen, denn die Twitterati und andere Onlineforenfreunde feierten einen Sieg, der auf der anderen Seite schmerzliche Gefühle ausgelöst haben dürfte. Nur wenige Shortseller wechselten noch schnell die Seiten und trauten nun angeblich dem Unternehmen eine Erholung zu – und setzen auf die Eroberung der endlosen Weiten des Onlineraumes für dessen Videospiele.

Gamestop-Hype beflügelt GME Resources

Dass bei einem solchen Anleger-Flashmob auch höchst bedauerliche Irrtümer vorkommen können, zeigt die verblüffende Entwicklung beim australischen Nickelproduzenten GME Resources: Ohne jeden erkennbaren Grund gab es hier ebenso heftige Kursschwankungen, der Vorstand gab sich konsterniert. Die tapferen Aufständischen hatten versehentlich das Börsenkürzel „GME“ nicht näher betrachtet, an der Börse Sydney steht es nun mal nicht für Gamestop, wie in New York. Ähnlich beim amerikanischen Kinobetreiber AMC Entertainment, auch etwas in Not wegen Corona, geschlossener Theater und verschobener Premieren, wie gerade erst nochmals beim neuen James-Bond: Der Kabelnetzbetreiber AMC Networks erlebte Kollateralschäden oder -nutzen, je nach Sichtweise.

Weil das alles so schön war, nahm sich die Community dann auch Blackberry, Nokia, Marcy’s vor, in Deutschland Varta und angeblich Evotec. Die Suche nach Papieren, in denen die verhassten Leerverkäufer investiert sind, ist inzwischen weltweit im Gange. Mit ihren Trading-Apps können die „Nerds vs. Wall Street“ kostengünstig handeln und vor allem schnell reagieren, was im Übrigen bei Kursschwankungen von 1700 Prozent binnen Tagen auch empfehlenswert sein mag.

Hedgefonds Melvin Capital braucht Unterstützungsgelder

Unterdessen musste ein großer Hedgefonds wie der amerikanische Melvin Capital in der Branche nicht nur Stützungsgelder von drei Milliarden Dollar erbitten, sondern auch seine Short-Position in Gamestop schließen. Dass es dabei Schweiß und Tränen gab, wohl weniger auch Blut, darf angenommen werden. Ein anderer, Citron, ließ sich in einer Videobotschaft derb, aber trotzig vernehmen: Die Aktie (Gamestop) sei beschissen, was doch jeder wisse. Nun ja. Mag der Citron-Chef recht haben oder nicht, das Geld ist wohl weg. Dasjenige mancher der Robin-Hood-Aktionäre aber wohl auch, je nach Einstiegskurs.

Dass nun manche Trading-Apps bestimmte Werte vom Handel ausschließen, angeblich zum Schutz der Handelnden, führt erneut zum Aufruhr im Netz (und zu wilden Verschwörungstheorien). Dabei könnte die US-Börsenaufsicht SEC dem Spiel ohnehin bald ein Ende machen. Keine der gehypten Aktien jedenfalls verspricht Gewinne nach dem Motto des alten André Kostolany, das da lautete: Kaufen, sich schlafen legen und nach langer Frist aufwachen zum Einsacken der Kursgewinne. Die Zeiten sind vorbei, und das Rezept war schon eine Anleitung zum Desaster, als sich vor Jahren Porsche anschickte, VW zu übernehmen und die harmlose Vorzugsaktie auf kurzzeitig über 1000 Euro trieb: Short Squeeze erstmals auf deutschem Boden.

Shortseller haben in den Märkten eine Funktion

Das heutige rauschhafte Geschehen hat nun allerdings auch die Politik auf den Plan gerufen: Die Demokratische Partei in Washington nutzte den Tumult, um sich an die vermeintlichen Underdogs anzuhängen und die kapitalistische Gier der Banken anzuprangern. Abgesehen davon, dass man sich in den etablierten Parteikreisen wohl kaum eine Vorstellung davon macht, welche Motive die Reddit-Nerds antreiben, könnte die Sache auch wirklich außer Kontrolle geraten. Denn zwischen Spielrausch, Jagdfieber und eigener Gier besteht tatsächlich reale Gefahr für ganz normale Anleger, die fürs Alter ansparen. Shortseller nämlich haben an den Märkten durchaus ihre Funktion: Sie äußern durch ihre Leer-Investments eine Meinung, eine sehr kritische eben. Für Anleger auch ein Barometer, ob die ausgewählte Aktie wirklich ein so guter Kauf ist. Als die deutsche BaFin seinerzeit für eine Weile Leerverkäufe der Wirecard-Aktie kurzerhand verbot, weil sie ausländische Zocker am Werk sah, erwies sie der Aktienkultur einen Bärendienst. Das Schicksal von Wirecard ist bekannt. Wer nach dem Rückzug der meisten Shortseller jetzt noch Gamestop kaufen will, das an der Börse nun mit zehn Milliarden Dollar bewertet wird, sollte womöglich noch einmal nachdenken.

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29.01.2021 | 09:12

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